Unterschicht-Debatte "Das Gefühl, abgehängt worden zu sein"

Hat Deutschland eine Unterschicht und darf man sie so nennen? Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt der Hamburger Soziologe Heinz Bude das tief verwurzelte Gefühl vieler Bürger, vom Wohlstand abgehängt zu sein - obwohl es ihnen finanziell gar nicht schlecht geht.


SPIEGEL ONLINE: Eben ging es noch um die schicke "Generation Berlin", Schröders "neue Mitte", Elitenbildung und Deutschland als Sommermärchen. Wir sind mitten im stärksten Konjunkturaufschwung seit Anfang der neunziger Jahre - woher plötzlich die Debatte über eine "neue Unterschicht"?

Bettler in Berlin-Friedrichshain: "Weder Kraft noch Motivation"
DDP

Bettler in Berlin-Friedrichshain: "Weder Kraft noch Motivation"

Bude: Wir durchleben gerade ein weiteres Kapitel des Abschieds von der Nachkriegszeit. Wir sind dabei, die "nivellierte Mittelstandsgesellschaft" bundesrepublikanischer Prägung hinter uns zu lassen. Es ist auch ein Ausdruck dafür, dass wir über die angemessenen Problembegriffe für das, was in unserer Gesellschaft los ist, noch nicht richtig verfügen. Die Briten und Amerikaner haben auf ihren "Underclass"-Begriff nie verzichtet, und die Franzosen haben den Begriff der Exklusion immer sehr politisch verstanden. In Deutschland hantieren wir immer noch mit veralteten Begriffen von Armut und Arbeitslosigkeit herum. Daran krankt auch diese Debatte.

SPIEGEL ONLINE: Interessant ist, dass Spitzenpolitiker der Großen Koalition wie Franz Müntefering und Ronald Pofalla den Begriff "Unterschicht" als diffamierend ablehnen.

Bude: Ich will Müntefering etwas zugute halten. Wenn ich ihn nett interpretiere, sieht er eine Gefahr: Wenn wir von Unterschicht reden, könnte das auch ein Entsorgungsbegriff für die Mittelklasse sein. Ein Ressentimentbegriff nach dem Motto: "Ach, warum soll ich eigentlich für die fetten Raucher mit Bierflasche in die Sozialsysteme einzahlen...?" Solche Tendenzen gibt es ja. Müntefering will also das Bild der "einen" Gesellschaft nicht zerreden lassen. Das Problem ist nur: Die Leute haben das Gefühl, dass es durchaus eine "Unterschicht" gibt. Und deshalb erscheint er als Wirklichkeitsverweigerer.

SPIEGEL ONLINE: Leidet die politische Klasse womöglich insgesamt unter einem Wirklichkeitsverlust?

Bude: Das mag sein. Es wurde zu sehr ethnisch homogen diskutiert. Jetzt stellt sich heraus, dass nicht nur der "Karneval der Kulturen", sondern auch die Unterschicht "multikulturell" ist. Das ist sozusagen ein ethnisch gemischtes Problem, was noch einmal unterstreicht, dass wir längst in einer multikulturellen Gesellschaft leben. Das Phänomen einer Abkopplung unterprivilegierter Gruppen von Menschen betrifft also Deutsche und Nicht-Deutsche gleichermaßen. Natürlich gab es immer Menschen, die unterprivilegiert waren, aber die hatten lange Zeit das Gefühl, dass selbst sie vom Fortschritt ein wenig profitieren. Jetzt aber haben sie das Gefühl, dass sie entkoppelt sind, abgehängt und verlassen. Und das ist neu.

SPIEGEL ONLINE: Die Friedrich-Ebert-Studie schätzt die "Unterschicht" auf acht Prozent, im Westen auf vier Prozent. Ist das denn so schrecklich viel, oder ist die gegenwärtige Aufregung ein bisschen überzogen?

Bude: Wir kommen mit unseren eigenen Studien auf insgesamt zehn Prozent Bürger, die glauben, dass es auf sie nicht mehr ankommt. Und darunter sind auch Menschen, die recht auskömmlich leben können und sogar in soziale Zusammenhänge integriert sind. Doch wenn es um die politischen Institutionen geht, sagen sie: 'Das ist sowieso alles nur für die anderen. Wir haben keinen Platz mehr in der Gesellschaft.' Dies wiederum hat einen Einfluss auf wirkliche Lebensgestaltung. Sie haben weder Kraft noch Motivation, sich auf den hoch dynamischen Arbeitsmärkten zu bewähren.

SPIEGEL ONLINE: Dieses Phänomen der Kraftlosigkeit scheint im Osten noch stärker ausgeprägt als im Westen.

Bude: Ja. Es gibt zwar keine große materielle Not, aber dafür sitzt das Gefühl tief, abgehängt worden zu sein.

SPIEGEL ONLINE: Könnte dieses Gefühl auch ein Teil des autoritären Erbes der DDR sein, ein Mangel an demokratischer Alltagserfahrung nach dem Motto: Die da oben machen ja doch immer, was sie wollen?

Bude: Ich glaube, wir unterschätzen eher das Problem der massenhaften Transferleistungen, die das Empfinden von Würde, Ehre und Selbstwert stark beeinflussen. Die Leute wissen, woher das Geld kommt, und das macht ihnen zu schaffen. Das nagt am Selbstbewusstsein. Und wenn man sich dann noch die arbeiterliche Tradition in Erinnerung ruft, den Stolz der Arbeitsbrigade etwa, dann kann man sich das Entwertungsgefühl ungefähr vorstellen.

SPIEGEL ONLINE: Wie unterscheidet sich denn die "neue Unterschicht" von den sozialen Unterschichten oder gar Unterklassen vergangener Zeiten?

Bude: In der Sozialwissenschaft unterscheiden wir zwischen Marginalisierung und Exklusion. Marginalitätserfahrungen gab es immer. Dabei handelt es sich um Benachteiligungen oft vielfacher Art. Trotzdem haben diese Gruppen in der Nachkriegszeit ein starkes Gefühl dafür entwickelt, einen Platz in dieser Gesellschaft zu haben. Oft hilft den Leute eine Art "Unterklasse-Cleverness". Exklusion dagegen bezeichnet den sozialen Zustand von Menschen, die aufgegeben haben, ihr Leben in die eigenen Hände zu nehmen, kurz: Handlungsautonomie zu beweisen.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist denn dabei das Verhältnis zwischen Unterschicht und Armut? Das scheint ja nicht das Gleiche zu sein.

Bude: Da läuft gegenwärtig vieles durcheinander. Der Armutsbegriff unterstellt, es ginge um ein Ressourcenproblem, schlicht um Geld. Das ist ein großes Missverständnis. Natürlich haben Menschen, die sich ausgeschlossen fühlen, meist wenig Geld. Wir nennen das "prekären Wohlstand": Es reicht gerade so, aber es darf nichts, aber auch gar nichts Unvorhergesehenes dazwischen kommen. Sonst bricht die Konstruktion zusammen. Eine Gratwanderung. Diese Empfindung findet man bis weit in die Mittelschichten hinein.

SPIEGEL ONLINE: Die Angst vor dem Abrutschen.

Bude: Genau. Dazu kommt ein relativ neues Phänomen: Die physische Sichtbarkeit von Entkoppelung und Ausgrenzung. Fettsucht, Unbeweglichkeit, schlechte Zähne und so weiter. Die USA führen uns das vor.

SPIEGEL ONLINE: Krasse, sichtbare Gegensätze zwischen Arm und Reich bald auch bei uns: Ist das eine Folge der Globalisierung?

Bude: Mit Globalisierung hat das gar nichts zu tun. Vielleicht semantisch im Sinne undurchschaubarer ökonomischer Prozesse. Aber für die Realität der Betroffenen spielt das keine Rolle. Nehmen wir die "ausbildungsmüden Jugendlichen": Mit denen kann man machen, was man will, die sehen einfach keine Perspektive. Da ist eben nicht Lehrstellenmangel das Problem, sondern das Fehlen jeder Vorstellung, eine mehrjährige Ausbildung könne zum beruflichen und wirtschaftlichen Erfolg führen. Der innere Zusammenhang von Anstrengung und Belohnung, Leistung und Erfolg wird überhaupt nicht gesehen. An diesem Punkt können die üblichen Transferleistungen plus ein bisschen Schwarzarbeit und Ähnliches dazu führen, dass ein vergleichsweise bequemes Durchwuseln als die bessere Variante erscheint. Ansonsten wartet man auf den Durchbruch irgendwo und irgendwann.

SPIEGEL ONLINE: Spielt beim Phänomen der ausbildungsmüden Jugendlichen auch die grellbunte, vom Fernsehen unterstützte Ökonomisierung aller Lebensbereiche eine Rolle? Jeder ein virtueller Superstar?

Bude: Ja, hier wirken die neunziger Jahre noch nach. Ihre Botschaft: Erfolg ohne Leistung. Du musst nur cool genug sein. Diese Botschaft, die mit dem Börsencrash 2001 endgültig zu Ende war, ist bei der Unterschicht irgendwie hängen geblieben. Es wäre ein großer Fortschritt, wenn man das Verhältnis von Leistung und Erfolg wieder in ein vernünftiges Maß brächte.

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel mit Bildung?

Bude: Vorsicht, wir haben einen überzogenen Bildungsbegriff. Was wäre denn "Bildung" für die Abgekoppelten? Im Grunde wissen wir das nicht genau. Im hochproduktiven Sektor von Chemie und Medizintechnik bis Maschinenbau ist klar: Auch der Facharbeiter braucht ein bestimmtes Maß an "transferierbaren Skills" und "generativen Schlüsselkompetenzen", wie man das in der Sprache der Pisaforscher heute so nennt. Aber in vielen anderen Bereichen, auch bei Handwerk und Dienstleistung, sind weder "elaborierte Sprachkompetenz" noch "informationelle Schlüsselkompetenzen" gefragt.

SPIEGEL ONLINE: Was kann man stattdessen tun, um die sich ausgeschlossen Fühlenden wieder hereinzuholen?

Bude: Wir müssen weg vom Prinzip, den Schwachen, gleichsam "Gehandicapten" zu helfen, indem wir sie nach ihren Handicaps beurteilen, einordnen und finanzieren. Das Gegenteil wäre richtig: Sie nach ihren Fähigkeiten zu bewerten. Im Grunde erproben wir gerade neue Kollektivbegriffe, nach denen wir die Gesellschaft ordnen. Das ist nicht zuletzt Teil einer neuen Selbstwahrnehmung der Gesellschaft.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann man die "neue Unterschicht" motivieren, ihr Leben wieder in die eigene Hand zu nehmen?

Bude: Das Wichtigste wäre die Entwicklung einer konkreten Vorstellung vom "einfachen Arbeiten" und "einfachen Leben". Und zwar in Würde und Selbstbewusstsein. Ein realistisches Bild der Möglichkeiten. Das ist uns offenbar abhanden gekommen. Natürlich müssen wir damit unseren beschönigenden postmateriellen Egalitarismus à la "neue Mitte" aufgeben.

Das Interview führte Reinhard Mohr



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.