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Unterwelt-Krimi "Blackout": Koksnasen mit Dienstmarke

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Ein korrupter Polizist verliert nach einem Unfall seine Erinnerung und rekonstruiert mühsam seine Vergangenheit im Mafia- und Drogenmilieu: Mit "Blackout - Die Erinnerung ist tödlich" ist Sat.1 ein ebenso ungewöhnlicher wie düsterer Event-Krimi gelungen - spannend bis zur letzten Minute.

Erinnerungsausfall – das Beste, was passieren kann, wenn man mal ein wirklich objektives Bild von sich selbst gewinnen will. Fragment um Fragment trägt man zusammen, um mühsam zu einem Gebilde zu kommen, das man das eigene Ich nennen darf. Die üblichen Mechanismen der Autosuggestion greifen nicht bei einer solchen anstrengenden Selbstrestauration. Zu froh ist man über jedes Fitzelchen der eigenen Identität, das einem in die Hände fällt, als dass man es aus Eitelkeit oder Scham vor sich selbst verleugnen würde.

Event Mehrteiler "Blackout": Gewaltakt des Erinnerns
Sat.1/Conny Klein

Event Mehrteiler "Blackout": Gewaltakt des Erinnerns

Eitelkeit und Scham sind auch dem Ex-Polizisten Paul Novak (Misel Maticevic) fremd. Vor einem halben Jahr wurde seine Frau ermordet, er selbst baute auf dem Weg ins Krankenhaus einen Autounfall, bei dem er das Gedächtnis verlor. Jetzt läuft er mit einem kleinen schwarzen Büchlein durch die Gegend, in das er alle relevanten Details zu seiner Person einträgt. Keines dieser Details ist schmeichelhaft: Novak war durch und durch korrupt, verkehrte ausgiebig mit den Mafiosi Berlins und ließ sich mit Sex und Drogen schmieren.

"Waren wir Gangster oder Polizisten?" fragt er irgendwann einmal seinen Kollegen Schenker (Roeland Wiesnekker), mit dem er seine Sauf-, Rauf und Raffzüge durch die Türkenpuffs und Drogenspots der Stadt organisierte. Der andere lacht nur süffisant; was würde er nicht alles geben für einen ordentlichen Gedächtnisausfall!

Man muss den Verantwortlichen von Sat.1 Respekt zollen für die beiden Helden, mit der sie die aufwändigste Eigenproduktion dieses Jahres ausgestattet haben: An denen kleben soviel Blut-, Sperma- und Kokainreste, das sie schwerlich als Sympathieträger durchgehen. Da wird dem Stammzuschauer, den man sonst mit moralisch ziemlich übersichtlicher Komödien- und Krimiware beliefert, einiges zugemutet. Vier mal 90 Minuten auf den Spuren von zwei kaputten Egomanen – macht da überhaupt die Werbewirtschaft mit?

Die exzellenten Schauspieler Maticevic, bekannt geworden als pragmatischer Rotlichtkleinunternehmer in Dominik Grafs "Hotte im Paradies", und Wiesnekker geben sich jedenfalls wenig Mühe, die beiden Koksnasen mit Dienstmarke in mildem Licht erscheinen zu lassen. So betrachtet der erinnerungslose Novak seinen Sohn, dem er nach einem halben Jahr in der Klinik wieder begegnet, wie ein fremdes Wesen. Da ist kein warmes Vatergefühl in Anmarsch. Und der Schweizer Wiesnekker, den man schon in dem famosen kleinen Thriller "Strähl" in einer ähnlichen Rolle gesehen hat, gibt seinen Drogenfahnder als "Bad Lieutenant", der sich im Hobbykeller des Eigenheims die Heroinspritze setzt und sich im Pornokino erfolglos ins Vergessen zu onanieren versucht.

Düsterer Weg ins Erinnern

Vielleicht versteckt sich hinter der verruchten Fassade auch bei diesen beiden Drogenbuddies irgendwo die Menschlichkeit. Doch die Beantwortung der Frage, wie man wird, was man ist, dauert in "Blackout" eben viermal eineinhalb Stunden. Der Weg ins Erinnern ist lang und düster, und ob sich die unbestimmte Hoffnung des Amnesie-Cops erfüllen wird, dass er selbst geliebt hat und geliebt wurde, erscheint in den ersten Teilen keineswegs als gesichert.

So schwierig und vertrackt die Geschichte im Film ist, so schwierig und vertrackt mutet übrigens auch die Geschichte der Produktion an. Der Dreh wurde mehrmals verschoben, die Ausstrahlung ebenfalls. Ursprünglich sollte "Blackout" (Regie: Peter Keglevic, Buch: Norbert Eberlein) als achtteilige Serie gesendet werden, jetzt zeigt man den Amnesie-Thriller eben an vier Abenden. Der Konsumierbarkeit kommt das entgegen, auch erhält die Produktion dadurch den durchaus berechtigten Event-Charakter.

Gleichzeitig fällt durch die Präsentation in vier Blöcken aber auch auf ungünstige Weise die extreme (eben serientypische) Reduktion des Settings und des Personals auf: Der verschlungene Plot über Korruption, Drogenhandel und politische Machtspiele wird an extrem wenigen Handlungsorten und mit extrem wenig Handelnden aufgerollt. Hier ist jeder mit jedem über zwei, drei Ecken verbandelt – der Junkie mit dem zur Senatswahl antretenden Rechtspopulisten und der Bulle mit der minderjährigen Prostituierten. Bleibt irgendwie alles in der Familie. Das erinnert stark an die gefloppte SAT.1-Serie "Bis in die Spitzen", jener Barbiersaga und Speeddatingromanze, in der innerhalb weniger Folgen jeder mit jedem in die Kiste stieg.

Gier und Gemeinheit regieren

Dass nun "Blackout" trotz all der künstlich überlappenden Konflikte zu keinem Zeitpunkt wie eine Krimi-Soap anmutet, liegt an zwei Dingen: den guten, weil knappen Dialogen und den durchweg exzellenten Darstellern. Vielleicht war es hilfreich, dass man – von den beiden Hauptdarstellern abgesehen – viele bekannte TV-Gesichter gegen ihr Image besetzte. Dominic Raacke etwa, als RBB-Tatort-Kommissar Bruder Leichtfuß, gibt den opportunistischen Politspießer. Und der türkische Schauspieler Hilmi Sözer, sonst der lustige Kebabschnippler vom Dienst, spielt hier den Kiezkönig, dem jedes Mittel recht ist, um seine Macht zu erhalten. Einmal spendiert der Mafioso einem der Cops einen Döner – und raunt launig das Kebabschnipplercredo: "Mit scharfer Sauce!" Der Witz eines Mannes, der es sich leisten kann, mit Türkenklischees zu spielen, weil er weiß, dass er mehr Einfluss hat, als der von ihm bezahlte deutsche Bulle.

Und so wird die Suche nach der verlorenen Erinnerung in "Blackout" zu einem Trip in einen Unterweltkosmos, in der sich ein extrem kompliziertes Geflecht aus Macht, Schuld – und schließlich auch Liebe auftut. Denn irgendwo unter Schichten von Gier und Gemeinheit finden sich tatsächlich noch Spuren von Romantik. Bei allen Schwächen ist dieses Sechs-Stunden-Monstrum also ein wunderbares Fernsehereignis. Ein Gewaltakt des Erinnerns in einem Medium, das doch wie geschaffen scheint zum Vergessen.


" Blackout – Die Erinnerung ist tödlich". Folge 1: Sat.1, Sonntag, 29. Oktober, 20.15 Uhr; Kabel eins, Mittwoch, 1. November, 22.05 Uhr.

Folge 2: Sat.1, Mo., 30.Okt., 20.15 Uhr; Kabel eins, Sa., 4. Nov., 23.10 Uhr.

Folge 3: Sat.1, So., 5. Nov., 20.15 Uhr; Kabel eins, Mi., 8. Nov., 22.00 Uhr.

Folge 4: Sat.1, Mo., 6. Nov., 20.15 Uhr; Kabel eins, Sa., 11. Nov., 21.50 Uhr.

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