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Unverständliche Euro-Rettung: Irgendwas mit Geld

Der Bundestag hat der EFSF-Hebelung zugestimmt, womit der Kreditrahmen... Moment. Wie war das noch mal? Hebel? EFSF? Versteht überhaupt noch irgendjemand, was gerade mit unserer Währung geschieht? Wahrscheinlich nicht, meint Stefan Kuzmany. Aber wahrscheinlich ist das gar nicht so schlecht.

Spitzenpolitiker Steinmeier, Merkel: Die werden schon das Richtige tun. Hoffentlich. Zur Großansicht
dapd

Spitzenpolitiker Steinmeier, Merkel: Die werden schon das Richtige tun. Hoffentlich.

Nun seien wir mal alle beruhigt, denn: Es scheint geschafft zu sein. Vorerst zumindest. Sie wissen schon: Der Deutsche Bundestag hat der Hebelung des Euro-Rettungsschirmes EFSF zugestimmt. Zwar bleibt es bei der bisherigen Garantiesumme von 211 Milliarden Euro, doch mit dem nun beschlossenen Hebel soll sich die potentielle Finanzausstattung des Rettungsschirmes vervielfachen - was allerdings auch das Verlustrisiko des garantierten Betrages anhebt. Vielleicht.

Ja, ist klar. Aber wie war das gleich noch mal im Mittelteil? Hebelung? EFSF? Potentielle Finanzausstattung? Könnten wir bitte nochmal von vorne anfangen? Ach so, keine Zeit. Bloß nicht die Märkte nervös machen! Die nächsten Beschlüsse stehen schon an.

Dies ist kein Erklärtext. Es ist ein Stoßseufzer

Der Versuch der Euro-Rettung vollzieht sich zwar vor aller Augen, doch genauso gut könnte er hinter verschlossenen Türen stattfinden: Es ist schlicht unverständlich, was der Bundestag heute beschlossen hat. Und damit ist nicht nur der für Finanzlaien schwer nachhvollziehbare "Hebel" gemeint, von dem jetzt alle reden - selbst, wenn man den Erklärungen kluger Kollegen aus dem Politik- und Wirtschaftsressort einigermaßen folgen konnte, ergeben sich daraus immer mehr Fragen: Ist der Euro mit dieser Maßnahme nun gerettet oder nicht? Wieviel werden die europäischen Staaten, die überhaupt noch zahlungsfähig sind, tatsächlich noch zahlen müssen für die klammen Bruderländer? Soviel, bis sie selbst zahlungsunfähig sind? Und was geschieht eigentlich, wenn die Ratingagenturen kein einziges Land mehr mit einer Bestnote versehen - sind dann die nicht mehr ganz so guten Noten die neuen Bestnoten? Und wie und wann soll eigentlich dieser ominöse "Europäische Stabilitätsmechanismus" (ESM) funktionieren? Und will der an unser Gold?

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Erst Berlin, dann Brüssel: Der Tag der Euro-Rettung
Es geht drunter und drüber, es geht durcheinander, es ist verwirrend. Sie sehen schon: Dies ist kein Erklärtext. Es ist ein verzweifelter Stoßseufzer. Denn nicht nur die allermeisten Wählerinnen und Wähler scheinen mit Vokabular und Methoden der Euro-Rettung überfordert zu sein, auch die Volksvertreter haben da offenbar ihre Schwierigkeiten. Das aber immerhin in drei Kategorien:

Da gibt es zunächst jene, die zumindest eine Ahnung davon zu haben scheinen, was sie da heute beschlossen haben, es allerdings vorziehen, sich möglichst technokratisch auszudrücken, damit sie bloß nichts Falsches sagen. Prominentestes Beispiel dafür sind Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier.

In die zweite Gruppe fallen jene, die unabhängig von ihrer eigenen Kompetenz mit Lust auf die Unverständlichkeit der Maßnahmen hinweisen, weil sie hoffen, dafür politische Zustimmung des ratlosen Publikums ernten zu können. So macht es Gregor Gysi von der Linkspartei.

Vertrauensvoll der Regierung ausgeliefert - zwangsläufig

Die größte Gruppe jedoch bilden wohl jene Abgeordnete, die sich in ihrer Überforderung darauf verlassen, dass ihre Fraktionsspitzen schon das Richtige tun werden, wenn sie ihnen die Zustimmung zu Was-auch-immer nahelegen. Sie sind damit tröstlicherweise immerhin legitime Volksvertreter: Ahnungslos und daher zwangsläufig vertrauensvoll den alternativlosen Vorschlägen der Regierung ausgeliefert.

Und irgendwann tut es auch nicht mehr weh: Was spielt es schon für eine Rolle, ob noch weitere 100 Milliarden Euro in der Schuldenkrise riskiert werden? Die schiere Größe der Zahlen hat die Summen längst unvorstellbar gemacht. Es ist wie nach der Atomkatastrophe von Fukushima: Zuerst schaute man gebannt auf die Strahlenwerte. Wochen später hatten sie sich vervielfacht, aber es interessierte keinen mehr. Die Verstrahlung des fernen Japans über zwei oder drei Generationen lässt sich ebenso wenig überblicken wie die Verschuldung Deutschlands auf lange, lange Zeit - und deshalb lässt sie die Bewohner irgendwann kalt.

Wir rennen nicht zum nächsten Geldautomaten und heben alles ab, was geht. Wir stehen nicht bei der Bank in der Schlange und auch nicht beim Goldhändler. Wir gehen zur Arbeit, danach zum Einkaufen. Und hoffen, dass es schon irgendwie gut gehen wird. Auch wenn wir keine Ahnung haben, wie. Wir sind ganz ruhig.

Wahrscheinlich ist es allein diese Ignoranz, die dieses System noch retten kann.

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1. darum aber...
heuwender 26.10.2011
Zitat von sysopDer Bundestag hat der EFSF-Hebelung zugestimmt, womit der Kreditrahmen... Moment. Wie war das noch mal? Hebel? EFSF? Versteht überhaupt noch irgendjemand, was gerade mit unserer Währung geschieht? Wahrscheinlich nicht, meint Stefan Kuzmany.*Aber wahrscheinlich ist das gar nicht so schlecht. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,794209,00.html
wenn es die Politiker nicht wissen,wie soll es dann der kleine Bürger wissen,unverständlich was heute abgelaufen ist.Die Merkel hat wieder ihren Willen durchgesetzt,mehr wollte sie garnicht.
2. Fr.
chico 76 26.10.2011
Zitat von heuwenderwenn es die Politiker nicht wissen,wie soll es dann der kleine Bürger wissen,unverständlich was heute abgelaufen ist.Die Merkel hat wieder ihren Willen durchgesetzt,mehr wollte sie garnicht.
Merkel hat sich für die Rettung des Euro starkgemacht und über 500 Volksvertreter haben ihrem Weg zugestimmt. Sie unterschätzen die Kompetenz der Abgeordneten, mit ihren Infoquellen. Es ist eigentlich einfach zu verstehen, wenn man sich etwas informiert. Wer dies nicht macht, dem ist es egal, dann sollte er aber nicht nur mit unterirdischem Merkelbashing reagieren.
3. Griechenland II?
schweineigel 26.10.2011
War das nicht auch in Griechenland so? Die Regierung hat zum EU-Beitritt "irgendwas" mit dem Geld gemacht? Danach gab es "kaum" Grund zur Besorgnis? Die Neuverschuldung war "irgendwie" nicht Besorgniserregend? Die Griechen haben jedenfalls daran geglaubt, dass ihre ReGIERung es schon irgendwie gut machen werde -- haben die doch gesagt -- oder? Da waren doch Experten im Finanzministerium, die schon dafür sorgen werden, dass alles Rechtens ist. Darum wurden die doch gewählt, oder? Und alle haben gesagt, dass sie es schon gut schaffen werden. Aber sind wir sicher, dass die Leute in unserer Regierung nicht genau so verlogen und/oder unfähig sind?
4. Nicht verfassungsgemäß
cup01 26.10.2011
Zitat von sysopDer Bundestag hat der EFSF-Hebelung zugestimmt, womit der Kreditrahmen... Moment. Wie war das noch mal? Hebel? EFSF? Versteht überhaupt noch irgendjemand, was gerade mit unserer Währung geschieht? Wahrscheinlich nicht, meint Stefan Kuzmany.*Aber wahrscheinlich ist das gar nicht so schlecht. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,794209,00.html
Aus meiner Sicht ist der heutige Beschluss verfassungswidrig. Sollte Deutschland aus der EFSF ein Betrag X zahlen müssen, würde aller Voraussicht nach die im GG stehende Schuldenbremse gerissen werden. Man könnte vor dem Gesetz nicht mit einer Naturkatastrophe oder einer Rezession im eigenen Land argumentieren. Wie soll das gehen?
5. Ich rieche Madoff'sche Methodik
Michael Giertz, 26.10.2011
Zitat von sysopDer Bundestag hat der EFSF-Hebelung zugestimmt, womit der Kreditrahmen... Moment. Wie war das noch mal? Hebel? EFSF? Versteht überhaupt noch irgendjemand, was gerade mit unserer Währung geschieht? Wahrscheinlich nicht, meint Stefan Kuzmany.*Aber wahrscheinlich ist das gar nicht so schlecht. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,794209,00.html
Verschleiern, Gelder "generieren" und die Rendite für die Altkunden aus den Einlagevermögen der Neukunden finanzieren. Das Ganze ist einfach nur ein Budenzauber, der dank vieler kleiner und großer Nebelkerzen nicht ganz so durchsichtig ist. Letztendlich aber ist es einfach nur ein großer Luftballon: ein Rettungspaket, welches mit Geldern aufgefüllt wird, welches keinem Staat gehört sondern den Kreditgebern dieser Länder (= die Gesamtverschuldung der Eurozonenländer steigt also) plus eine Versicherung, welche das ganze Volumen nochmal kräftig aufbläst ... das funktioniert nicht. Leute, lasst euch nicht für blöd verkaufen! Das ganze Ding hier schaut stark vereinfacht so aus: Nachbar Krause ist über beide Ohren verschuldet - sein Gehalt ist verpfänden, er lebt grad so auf Existenzminimum. Jetzt tritt er auf Sie zu und möchte Geld borgen - 5000,- Euro sollen es sein, damit er irgendwas zurückzahlen kann. Sie haben aber keine 5000,- Euro übrig, allerdings sind Sie kreditwürdiger als Krause. Sie gehen zur Bank, nehmen einen Kredit über 5000,- Euro auf und gehen zu Krause. Dem drücken Sie die 5000,- Euro in die Hand zu günstigeren Zinsen - natürlich nur gegen das Versprechen, Krause könne Ihnen Zinsen und Darlehen irgendwann zurückzahlen. Dazu nehmen Sie noch eine Bürgschaft über 20.000 Euro auf, sollte Krause jemals wieder in Bedrängnis kommen, seine Verpflichtungen nicht mehr erfüllen zu können. Würden Sie das tun? Also ich nicht. Nennen Sie's herzlos, egoistisch, was auch immer - hätte Krause nachhaltiger gelebt wäre er jetzt nicht überschuldet. Es mag auch jede Menge unverschuldeter Pleite-Nachbarn geben, aber die Griechen gehören da sicherlich nicht dazu.
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Merkel im Blick: Warten auf die Euro-Rettung

Finanzkrise in Griechenland
Europa wird ungeduldig: Griechenland bekommt sein Schuldenproblem nicht in den Griff - inzwischen wird offen über eine geplante Insolvenz des Landes gesprochen. Doch ist das die Rettung für den Euro?

dapd
Was würde eine Pleite Griechenlands bedeuten? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick:
Welche Folgen hätte eine Pleite Griechenlands?
Für die Euro-Zone wären die Folgen weitreichend: Die Gläubiger müssten ganz oder teilweise auf ihr Geld verzichten. Die Europäische Zentralbank etwa müsste Verluste auf die Staatsanleihen hinnehmen. Gleiches gilt für Geschäftsbanken oder Versicherer, die in griechische Staatsanleihen investiert haben. Das würde ihr Eigenkapital belasten. Allerdings haben die großen Banken im Ausland ihre Papiere schon zum Teil abgeschrieben.

Umstrittener sind die Folgen für Griechenland: Einige Ökonomen halten eine Pleite für die beste Option. Denn die Schuldenlast des Landes würde vermindert, die Zinsbelastung im Haushalt würde sinken, und die Tilgungsverpflichtungen dürften abnehmen. Als endgültige Lösung für die Schuldenkrise gilt eine Pleite aber keineswegs, denn die Griechen müssten ihre laufenden Ausgaben trotzdem ihren Einnahmen anpassen. Sonst häufen sie weiter Schulden an. Der Teufelskreis wäre nicht durchbrochen. Außerdem blieben griechische Banken bei einer Pleite auf Forderungen sitzen. Das Bankensystem im Land könnte kollabieren.
Wäre ein Austritt aus der Euro-Zone sinnvoll?
Die konkreten ökonomischen Folgen eines Austritts Griechenlands aus der Euro-Zone sind schwer vorhersehbar. Viele Experten sind sich aber sicher, dass die Auswirkungen für das Schuldenland und andere Staaten des Währungsraums verheerend wären.
Für Griechenland könnte es der wirtschaftliche Zusammenbruch sein. Ohne Euro müsste das Land wieder seine alte Währung Drachme einführen, die vermutlich eine drastische Abwertung erfahren würde. Über billigere Produkte würde dies zwar der internationalen Wettbewerbsfähigkeit Athens zugutekommen. Viel schwerwiegender wäre aber, dass zugleich die in Euro aufgenommenen Altschulden drastisch steigen würden. Das wäre allerdings nicht der Fall, wenn es vorher zu einer Pleite gekommen wäre.
Hinzu kommt, dass das Land seine Staatsausgaben mangels Kreditfähigkeit nur aus seinen Einnahmen finanzieren könnte. Die Folge wäre ein vermutlich noch viel stärkerer Abschwung als bisher.

Auch für die Euro-Zone hätte ein Austritt mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit verheerende Folgen. An den Finanzmärkten würden wohl schnell andere finanzschwache Länder unter Druck geraten, der sogenannte Domino-Effekt könnte eintreten. Die Risikoaufschläge für Staatsanleihen entsprechender Länder würden drastisch steigen und die jeweiligen Länder ähnlich wie Griechenland an den Rand der Zahlungsunfähigkeit führen. Letztlich könnte so der gesamte Währungsraum ins Wanken geraten.
Gibt es eine Alternative zu Pleite und Austritt?
Wichtig ist vor allem, dass Athen seine Sanierungspläne einhält und keine neuen Schulden anhäuft: Der Staat muss verschlankt werden, die Steuerhinterziehung bekämpft, die Privatisierung von Staatseigentum muss weitergehen. Zudem muss das zweite Rettungspaket für Athen umgesetzt werden, das bis 2014 die Unabhängigkeit vom Kapitalmarkt garantiert und dem Land so Zeit für tiefgreifende Reformen geben soll.

Fakten zur Euro-Zone

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