Unwort des Jahres 2004 "Öko-Stalinist" gegen "Mitnahme-Mentalität"

Gotteskrieger, Tätervolk, Ich-AG: Jährlich kürt eine mehrköpfige Wissenschaftler-Jury eine umstrittene Vokabel zum "Unwort des Jahres". Top-Kandidat für dieses Jahr: die "Mitnahme-Mentalität".


Kanzler Gerhard Schröder: Ideengeber für das "Unwort"-Ranking
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Kanzler Gerhard Schröder: Ideengeber für das "Unwort"-Ranking

1991, als das Unwort des Jahres zum ersten Mal ermittelt wurde, kam "Ausländerfrei" auf den ersten Platz der ideologisch unerträglichen Vokabeln. Das fremdenfeindliche Schlagwort soll in Hoyersweda seine dubiose Karriere angetreten haben und setzte sich gegen die "druchrasste Gesellschaft", "intelligente Waffensysteme" und die "Personalentsorgung" durch.

Wenn die sechsköpfige Experten-Jury am 18. Januar 2005 ein neues Unwort 2004 küren wird, hat die "Mitnahme-Mentalität" beste Chancen, der markanteste sprachliche Missgriff in der öffentlichen Kommunikation der letzten 12 Monate zu werden. Die Formulierung stammt aus einer von Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) angeregten Debatte über den Sozialstaat.

Um zum fragwürdigen Begriff erster Güte nominiert zu werden, muss ein Wort besonders negativ auffallen, sachlich grob unangemessen sein oder möglicherweise sogar die Menschenwürde verletzen. Die "Mitnahme-Mentalität" erfüllt diese Kriterien teilweise insofern, als sie nur einem bestimmten Teil der Bevölkerung angelastet worden sei, wie der Sprecher der "Unwort"-Jury, Prof. Horst-Dieter Schlosser in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa in Frankfurt erklärte. Diejenigen, die das meiste mitnähmen, seien vom Kanzler allerdings nicht kritisiert worden, so der Wissenschaftler.

Schröder hatte einer Zeitschrift erklärt, dass es in Ost wie West eine Mentalität bis weit in die Mittelschicht hinein gebe, staatliche Leistungen mitzunehmen, wo man sie kriegen könne. "Die 'Mitnahme- Mentalität' ist natürlich gezüchtet worden im Laufe der Zeit; und man hatte schreckliche Vorbilder", kommentierte Schlosser. Als Beispiel führte der Germanistik-Professor Großverdiener wie den ehemaligen Mannesmann- Konzernchef Klaus Esser an, "die ja nun eine ganze Menge mitgenommen haben - unter Zustimmung von Gewerkschaftsführern sogar".

Der Mitnahme-Gesellschaft droht allerdings ein rabiater Gegner: der "Öko-Stalinist". So hatte CSU-Landesgruppenchef Michael Glos im Februar Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) bezeichnet. Und weil die anhaltende Konjunkturschwäche auch vor dem Sprachgebrauch nicht Halt macht, kann auch "Armutsgewöhnungszuschlag" auf den "Unwort"-Zuschlag rechnen. "Wenn die Armut zuschlägt, muss man sich noch daran gewöhnen", meinte Schlosser lakonisch. Allerdings sei die Quelle für diesen Vorschlag noch nicht ganz klar.

1520 Einsendungen sind seit Beginn der "Unwort"-Suche im Oktober eingegangen, etwa 50 Prozent mehr als sonst um diese Zeit. Der diesjährigen Jury gehören als ständige Mitglieder vier Sprachwissenschaftler und -wissenschaftlerinnen verschiedener Universitäten an. Hinzu kommen dieses Jahr der Publizist und Vizepräsident der Sächsischen Akademie der Künste Dr. Friedrich Dieckmann sowie der Schriftsteller Volker Braun.



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