Sprachkritik: "Opfer-Abo" ist das Unwort des Jahres 2012

Jörg Kachelmann hat die zweifelhafte Ehre, das Unwort des Jahres 2012 geprägt zu haben: In einem SPIEGEL-Interview sprach er davon, Frauen hätten in Vergewaltigungsprozessen ein "Opfer-Abo". Diese Formulierung rügte nun eine sprachkritische Jury.

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dapd

Jörg Kachelmann: Seine Rede vom "Opfer-Abo" der Frauen ist das Unwort des Jahres

Darmstadt - "Opfer-Abo" ist das Unwort des Jahres 2012. Das gab die Jury der sprachkritischen Aktion am Dienstag in Darmstadt bekannt. Den Begriff prägte Jörg Kachelmann in einem SPIEGEL-Gespräch zu den Verwaltigungsvorwürfen gegen ihn.

Der Wettermoderator sagte wörtlich: "Das ist das Opfer-Abo, das Frauen haben. Frauen sind immer Opfer, selbst wenn sie Täterinnen wurden. Menschen können aber auch genuin böse sein, auch wenn sie weiblich sind." Nach Ansicht der Jury stelle das Wort Frauen in inakzeptabler Weise unter den Verdacht, sexuelle Gewalt zu erfinden.

In ihrer Begründung betonte die Jury, dass sie nicht über mögliche Verleumdungen im Einzelfalle urteilen wolle und somit auch nicht über den Fall Kachelmann. Vielmehr kritisiere sie "einen Wortgebrauch, der gängige Vorurteile in Bezug auf eine Vortäuschung von Vergewaltigungen oder eine Mitschuld der Frauen bestätigt." Ausdrücke dieser Art drohten, "den zivilgesellschaftlichen und juristischen Umgang mit sexueller Gewalt in bedenklicher Weise zu beeinflussen".

Auf die folgenden Plätze wählte die Unwort-Jury, der 2012 als nichtständiges Mitglied der Kinderfernsehmoderator Ralph Caspers angehörte, die Begriffe "Pleite-Griechen" und "Lebensleistungsrente".

Favorit "Schlecker-Frauen" nicht unter den drei Unwörtern

2232 Einsendungen haben die Sprachforscher entgegengenommen, mit 1109 verschiedenen Vorschlägen. 163-mal und damit am häufigsten vorgeschlagen wurde "Schlecker-Frauen", ein Begriff aus der Krise der Drogeriemarktkette Schlecker. Auf Platz zwei landete die Bezeichnung "Anschlussverwendung" (125), auf Rang drei der Begriff "moderne Tierhaltung" (102). Die Jury habe aber unabhängig entschieden, sagte deren Sprecherin Nina Janich, Sprachwissenschaftlerin an der Technischen Universität Darmstadt.

Die Formulierung "Schlecker-Frauen" war bereits bei der Kür zum Wort des Jahres auf Platz vier gelandet. Nach Ansicht der Gesellschaft für deutsche Sprache wird den ehemaligen Mitarbeiterinnen damit "sprachlich ein Denkmal" gesetzt. Die Wahl von "Rettungsroutine" zum Wort des Jahres 2012 war umstritten, kritisiert wurde, dass der Begriff nicht sehr verbreitet sei.

Das von der Darmstädter Jury gewählte Unwort des Jahres war 2011 "Döner-Morde" als Bezeichnung für die rechts-terroristische Mordserie des NSU. 2010 war es der Begriff "alternativlos" gewesen. Die "Unwort"-Aktion gibt es seit 1991. Potential für ein Unwort haben den Angaben zufolge Begriffe, die die Menschenwürde verletzen, gegen sachliche Angemessenheit verstoßen oder einen Sachverhalt verschleiern.

Als Börsen-Unwort 2012 wurde von Mitarbeitern der Börse Düsseldorf der Begriff "Freiwilliger Schuldenschnitt" gewählt. Bei dem als freiwillig deklarierten Schuldenschnitt Griechenlands habe es sich für Privatanleger vielmehr um eine Art Enteignung gehandelt, so die Jury zur Begründung.

feb/dapd/dpa

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insgesamt 170 Beiträge
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1.
!!!Fovea!!! 15.01.2013
Zitat von sysopJörg Kachelmann hat die zweifelhafte Ehre, das Unwort des Jahres 2012 geprägt zu haben: In einem SPIEGEL-Interview sprach er davon, Frauen hätten in Vergewaltigungsprozessen ein "Opfer-Abo". Diese Formulierung rügte nun eine sprachkritische Jury. Unwort des Jahres 2012 in Darmstadt gekürt: Opfer-Abo - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/unwort-des-jahres-2012-in-darmstadt-gekuert-opfer-abo-a-877533.html)
Nun ja, nicht nur in Vergewaltigungsprozessen, im Familiengerichtsprozessen ist das "Opfer - Abo" Muttis vorbehalten, die den Vater diskreditieren. In der Hinsicht hat Herr Kachelmann recht.
2.
niska 15.01.2013
Zitat von sysopJörg Kachelmann hat die zweifelhafte Ehre, das Unwort des Jahres 2012 geprägt zu haben: In einem SPIEGEL-Interview sprach er davon, Frauen hätten in Vergewaltigungsprozessen ein "Opfer-Abo". Diese Formulierung rügte nun eine sprachkritische Jury. Unwort des Jahres 2012 in Darmstadt gekürt: Opfer-Abo - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/unwort-des-jahres-2012-in-darmstadt-gekuert-opfer-abo-a-877533.html)
Nie gehört das Wort. Da hätte es bestimmt was besseres gegeben.
3. soweit an den Vorschlägen vorbei ...
sok1950 15.01.2013
Unwort? Das mögen einige wünschen - aber es beschreibt nur die Tatsachen. Wer eine Scheidung, einen Sorgerechtsstreit oder gar ein Verfahren wegen angeblicher Vergewaltigung hinter sich hat, weiß wovon Kachelmann spricht.
4. Der Herr Kachelmann...
KnoKo 15.01.2013
...hat anscheinend nicht verinnerlicht, dass Political Correctness die neue Religion ist und Wahrheiten heutzutage nicht so einfach ausgesprochen werden dürfen.
5.
joschitura 15.01.2013
Was für dubiose Gestalten sitzen eigentlich in dieser "Darmstädter Jury"? Statt dem allgemein verbreiteten Terminus "Schleckerfrauen" oder meinetwegen auch "Anschlußverwendung", einen Begriff zu wählen, der erstmal umschweifig erklärt werden muß, legt (in diesem Fall) den Verdacht nahe, dass da eine Art Schattenjustiz aufgemacht werden soll, die dem Herrn Kachelmann im Nachhinein ans Bein pinkeln will, weil er freigesprochen wurde und sich zurecht über gewisse Usancen erregt.
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