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Unwort des Jahres: "Entlassungsproduktivität"

"Smartsourcing", "Qualitätsoffensive", "Unternehmerische Hygiene": Die ökonomische Sphäre ist für viele grob verharmlosende Begriffe gut. Auch die Top-Vokabel des euphemistischen Sprachgebrauchs kommt aus der Wirtschaft: "Entlassungsproduktivität" ist das Unwort des Jahres 2005.

Frankfurt/Main - 1100 Vorschläge gingen bei der Jury ein, darunter das vollmundige "Smartsourcing", das Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann benutzte, um die Verlagerung Tausender Arbeitsplätze in den Niedriglohnsektor euphemistisch zu beschreiben. Auch die "Qualitätsoffensive", mit der DaimlerChrysler eine Rückrufaktion bezeichnete, wurde als Favorit gehandelt, ebenso der moralisch leicht schmuddelige Begriff der "unternehmerischen Hygiene".

Unwort des Jahres: "Entlassungsproduktivität"
DPA

Unwort des Jahres: "Entlassungsproduktivität"

Der Sieger ist allerdings ein spröder terminus technicus: "Entlassungsproduktivität" lautet das Unwort des Jahres 2005. Gemeint ist eine gleichbleibende, wenn nicht gar gesteigerte Arbeits- und Produktionsleistung, nachdem zuvor zahlreiche, für "überflüssig" gehaltene Mitarbeiter entlassen wurden. Der Begriff verschleiere die Mehrbelastung derjenigen, die ihren Arbeitsplatz behalten hätten, urteilte die Jury.

Der Begriff sei bereits 1998 aufgetaucht, erklärte der Jury-Sprecher Horst Dieter Schlosser. Damals habe ihn Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder kritisiert. Mittlerweile werde das Wort auch in Fachbüchern verwendet, zudem habe Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegiesser den Terminus im vergangenen Jahr benutzt.

Unter den Einsendungen für die Nominierung für 2005 fanden sich auch Begriffe, die in der politischen und kulturellen Sphäre ihr Unwesen treiben. Dazu gehörten "Ehrenmord" (Platz zwei) und "Bombenholocaust" (Platz drei). "Ehrenmord" sei eine sprachlich paradoxe Formulierung, die "die Ermordung von in der Regel weiblichen Familienmitgliedern mit Berufung auf eine archaische, in unserem Kulturkreis absolut inakzeptable Familienehre" relativiere. "Bombenholocaust" stelle einen weiteren Höhepunkt der Leugnung beziehungsweise der Verniedlichung des NS-Völkermords dar.

Letztes Jahr war "Humankapital" der Sieger im Wettbewerb um den am meisten verharmlosenden oder sogar die Menschenwürde verletzenden Begriff. Das Wort degradiere Menschen zu "ökonomisch interessanten Größen", lautete damals das Verdikt des Gremiums, bestehend aus vier Sprachwissenschaftlern und ein bis zwei wechselnden Vertretern der öffentlichen Sprachpraxis.

Die "Entlassungsproduktivität", eine Vokabel mit dem Charme eines muffigen Kellerbüros, ist keine spektakuläre Wahl, ein Unwort ist der Begriff ganz sicher. In Unwortdeutsch formuliert: ein Fall für eine rhetorische "Qualitätsoffensive".

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