Unwort des Jahres "Freiwillige Ausreise"

Die Jury rügte Wortungetüme wie "Konsumopfer" und "Neiddebatte", entschied sich aber letztlich für einen Begriff aus der Ausländer- und Flüchtlingspolitik: Sie kürte "Freiwillige Ausreise" zum Unwort des Jahres.


Köthen - Die Formulierung "Freiwillige Ausreise" bezeichne die Konsequenz aus der "intensiven Beratung" abgelehnter Asylbewerber, Deutschland doch lieber von selbst wieder zu verlassen. Er werde in Abgrenzung zum amtlichen Begriff Abschiebung, der Zwangsmaßnahmen beinhalte verwendet. Die Freiwilligkeit einer solchen Ausreise dürfe jedoch bezweifelt werden, erklärte die sechsköpfige Jury der Frankfurter Universität in Köthen in Sachsen-Anhalt. Die Menschenrechtsorganisation Pro Asyl begrüßte die Wahl des Begriffes zum Unwort des Jahres.

Die Jury rügte ausdrücklich zwei weitere Wörter: "Konsumopfer" und "Neiddebatte". Mit Konsumopfer habe der Modemacher Wolfgang Joop Models bezeichnet, die zu Lasten der Gesundheit für das Schönheitsideal der Konsumgesellschaft, extrem magere Figuren, hungern müssten. Mit dem Wort Neiddebatte sei durch den ehemaligen Bundesbankchef Ernst Welteke die ernsthafte Diskussion um die Angemessenheit von Millionenbezügen bestimmter Spitzenmanager herabgewürdigt worden.

Pro Asyl bewertete die Wahl nicht nur als eine Kritik am Begriff, sondern auch an der zugehörigen Praxis deutscher Ausländer- und Flüchtlingspolitik. Deutsche Ausländerbehörden, Verwaltungsgerichte und das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge hielten die "freiwillige Ausreise" in fast jeden Staat dieser Welt für möglich, ungeachtet der Frage, ob dort Verfolgung, Bürgerkrieg oder willkürliche Gewalt herrschten. Dies gelte auch für Staaten wie Afghanistan, den Irak oder Sri Lanka. Wer von der Möglichkeit der "freiwilligen Ausreise" keinen Gebrauch mache, dem drohe entweder die Abschiebung oder er werde mit einer Duldung abgespeist.

Die deutsche Migrations- und Flüchtlingspolitik sei eine Produktionsstätte von "Unwörtern", in der Begriffe mit politischer Absicht verbogen und umgearbeitet würden, kritisierte Pro Asyl weiter. So würden Lager zu "Gemeinschaftsunterkünften" und ein Gesetz, mit dem Asylsuchenden ein Großteil der Sozialleistungen entzogen wurde, sei "Asylbewerberleistungsgesetz" genannt worden.

Mit dem Unwort des Jahres werden alljährlich sprachliche Missgriffe in der öffentlichen Kommunikation bezeichnet, die "sachlich grob unangemessen sind und möglicherweise sogar die Menschenwürde verletzen". Es wurde jetzt bereits zum 16. Mal gewählt. In diesem Jahr lagen der Jury 1130 Vorschläge vor, insgesamt gab es 2247 Einsendungen. Darunter befanden sich auch Begriffe wie "Unterschicht", "Prekariat", "Problembär Bruno", "Prozessökonomie", "Kleinvoliere" oder "Kindgerechte Abschiebung".

"Wir lassen uns bei der Auswahl aber nicht von dem am meisten genannten Wort beeindrucken", sagte Sprachwissenschaftler Horst Dieter Schlosser im Vorfeld. Es gehe immer nach inhaltlichen Kriterien. Nur einmal gab es bislang eine Übereinstimmung zwischen den meisten Einsendungen und dem Jury-Votum - beim Wort Kollateralschaden. "Das hätten wir auch gewählt, wenn es nur einer eingeschickt hätte", sagte Schlosser.

Die öffentliche Bekanntgabe erfolgte in diesem Jahr in Köthen, da dort die erste deutsche Sprachgesellschaft, die "Fruchtbringende Gesellschaft" gegründet worden war. Erstes Oberhaupt dieser literarischen Gruppe der Barockzeit war Fürst Ludwig von Anhalt-Köthen.

Die bisherigen Unwörter lauten:

2005: Entlassungsproduktivität (Gewinne aus Produktionsleistungen eines Unternehmens, nachdem zuvor zahlreiche für "überflüssig" gehaltene Mitarbeiter entlassen wurden.)

2004: Humankapital (degradiert Menschen auf eine rein ökonomische Größe)

2003: Tätervolk (in Zusammenhang mit Juden, aus der Rede des CDU-Bundestagsabgeordneten Martin Hohmann zum 3. Oktober)

2002: Ich-AG (Reduzierung von Individuen auf sprachliches Börsenniveau)

2001: Gotteskrieger (Bezeichnung von Taliban- und Al-Qaida-Terroristen)

2000: national befreite Zone (zynisch heroisierende Umschreibung einer Region, die von Rechtsextremisten terrorisiert wird)

1999: Kollateralschaden (Verharmlosung der Tötung Unschuldiger, offizieller NATO-Terminus im Kosovo-Krieg)

1998: sozialverträgliches Frühableben (zynisch wirkende Ironisierung)

1997: Wohlstandsmüll (Umschreibung arbeitsunwilliger wie -unfähiger Menschen)

1996: Rentnerschwemme (falsches, angstauslösendes Naturbild für einen sozialpolitischen Sachverhalt)

1995: Diätenanpassung (Beschönigung der Diätenerhöhung im Bundestag)

1994: Peanuts (abschätziger Bankerjargon)

1993: Überfremdung (Scheinargument gegen Zuzug von Ausländern)

1992: ethnische Säuberung (Propagandaformel in Ex-Jugoslawien)

1991: ausländerfrei (fremdenfeindliche Parole in Hoyerswerda)

hoc/AP/ddp



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