Unwort des Jahres Hohmann lobt Jury-Entscheidung für "Tätervolk"

Martin Hohmann kann's nicht lassen. Der fraktionslose Abgeordnete hat die Entscheidung der Frankfurter Jury als "gute Wahl" gelobt, den Begriff "Tätervolk" zum Unwort des Jahres zu küren. Der CDU-Mann hatte seiner Partei mit seiner umstrittenen Rede mächtig zugesetzt.


CDU-Politiker Hohmann: "Beleg für den immer noch wirkenden Antisemitismus"
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CDU-Politiker Hohmann: "Beleg für den immer noch wirkenden Antisemitismus"

Frankfurt/Main - Die bei der Goethe-Universität angesiedelte unabhängige Jury gab am Dienstag in Frankfurt am Main das "Unwort des Jahres" bekannt. Mit "Tätervolk" sei ein Begriff gewählt worden, der schon "grundsätzlich verwerflich" sei. Er mache "jeweils ohne jede Ausnahme ein ganzes Volk für die Untaten kleinerer oder größerer Tätergruppen verantwortlich, erhebt also den Vorwurf einer Kollektivschuld", sagte Jury-Sprecher Horst Dieter Schlosser.

Hohmann lobte die Entscheidung. Die Bezeichnung "Tätervolk" sei ein ungerechtfertigter Kollektivvorwurf gegenüber einem Volk. Einen solchen Vorwurf lehne er ab. Dies habe er auch in seiner umstrittenen Rede vom 3. Oktober 2003 getan.

Vor allem durch diese Ansprache wurde das Wort "Tätervolk" über die Maßen bemüht. Hohmann hatte in seinem Heimatort Neuhof unter anderem über die Beteiligung von Juden an der kommunistischen Revolution in Russland referiert. Dabei fiel auch der Begriff "Tätervolk". Hohmann sagte dazu am Dienstag, der Kernsatz seiner Rede sei gewesen: "Daher sind weder die Deutschen noch die Juden ein Tätervolk." Hohmann sitzt derzeit als fraktionsloser Abgeordneter im Bundestag. Gegen ihn läuft ein Parteiausschlussverfahren.

"Die Verbindung des Begriffs, wie Hohmann ihn gebrauchte, mit 'den' Juden' zumal, ist ein aktueller Beleg für den immer noch wirkenden Antisemitismus", heißt es in der einstimmig gefallenen Entscheidung der Jury. "Bereits im religiösen, antijudaistischen Ursprung dieser Einstellung wurde das Volk der Juden kollektiv für den Tod Jesu Christi verantwortlich gemacht und sogar als 'Gottesmörder' gebrandmarkt." Schlosser sagte: "'Tätervolk' ist aber keine Erfindung von Herrn Hohmann." Wann das Wort zum ersten Mal verwendet wurde, konnte die Jury jedoch nicht ausmachen.

Sprachwissenschaftler lobten die Wahl des diesjährigen Unworts. Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, sagte lächelnd zu der Entscheidung: "Keine Einwände". Der Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt, Prof. Klaus Reichert, hält die Wahl des Unworts für "sehr gut, weil es unsäglich ist, wenn man ein ganzes Volk zu Tätern stempelt". Ganz besonders "unsäglich dumm" sei es auch gewesen, die Juden oder die Israelis insbesondere zu einem Tätervolk zu machen. "Sozusagen eine Analogie zwischen den Deutschen und den Israelis aufzumachen; überhaupt nur an eine Vergleichbarkeit zu denken", sagte Reichert. Der CDU-Politiker habe das Wort sicher nicht geprägt, "aber es ist durch ihn in Umlauf gekommen".

Auf dem zweiten Platz rügten die Juroren den Begriff "Angebotsoptimierung" als Beschönigung für die Verringerung von Dienstleistungen. So sei die Stilllegung von Bahnstrecken oder der Abbau von Briefkästen als Optimierung angepriesen worden. "Das Wort Optimierung entlarvt sich inzwischen generell als Verschleierung bloßen Profitdenkens", kritisierte Schlosser. Auf Platz drei landete der Begriff "Abweichler". Mit diesem Wort seien Bundestagsabgeordnete diskriminiert worden, die es "gewagt" hätten, ihre im Grundgesetz verankerte Pflicht zur Gewissensentscheidung über einen Fraktions- oder Koalitionszwang zu stellen.

Die sechs Sprachexperten hatten bei der 13. Entscheidung für das Unwort des Jahres zwischen 1160 und damit ungewöhnlich vielen verschiedenen Vorschlägen die Wahl. 2270 Einsender hatten ihr Votum abgegeben, das sei die zweithöchste Beteiligung überhaupt. In die engere Wahl seien auch "Bildungsgutscheine" gekommen, die "neueste Erfindung, die Misere an den Hochschulen zu beschönigen". Außerdem sei 2003 der Begriff "Reform" stark entwertet worden, kritisierte die Jury. Mit 198 Nennungen sei dieses Wort am häufigsten als Unwort vorgeschlagen worden, häufig in Zusammensetzungen wie "Gesundheits-", "Hartz-" oder "Rentenreform".

Die bisherigen "Unwörter":


1993: "Überfremdung"
(Scheinargument gegen den Zuzug von Ausländern)


1994: "Peanuts"
(Der ehemalige Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Hilmar Kopper, geringschätzig über die offenen Handwerkerrechnungen in Höhe von rund 50 Millionen Mark im Zusammenhang mit der Pleite des Bauunternehmers Jürgen Schneider)


1995: "Diätenanpassung"
(Beschönigung der Diätenerhöhung im Bundestag)


1996: "Rentnerschwemme"
(falsches, Angst auslösendes Naturbild für einen sozialpolitischen Sachverhalt)


1997: "Wohlstandsmüll"
(Umschreibung arbeitsunwilliger und -unfähiger Menschen des früheren Verwaltungspräsidenten von Nestlé, Helmut Maucher)


1998: "sozialverträgliches Frühableben"
(zynisch wirkende Ironisierung des Ex-Präsidenten der Bundesärztekammer Karsten Vilmar)


1999: "Kollateralschaden"
(Verharmlosung der Tötung Unschuldiger als Nebensächlichkeit, Nato-offizieller Terminus im Kosovo-Krieg)


2000: "National befreite Zone"
(zynisch heroisierende Umschreibung einer Region, die von Rechtsextremisten terrorisiert wird)


2001: "Gotteskrieger"
(Kein Glaube an einen Gott gleich welcher Religion kann einen Krieg oder gar Terroranschläge rechtfertigen)


2002: "Ich-AG"
(Beleg für zunehmende Versuche, schwierige soziale und sozialpolitische Sachverhalte mit sprachlicher Kosmetik schönzureden)



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