Uraufführung "Das letzte Feuer" Trauma-Tanz auf dem Tragödienkarussell

"Das letzte Feuer" am Thalia Theater Hamburg ist ein erbarmungsloser Ringelreihen von Verzweiflung, Verlust, Krankheit, Schuld und Tod. Regisseur Kriegenburg hat den Text auf eine ständig rotierende Drehbühne gebracht – und einen eindrucksvollen, schwindelerregenden Trauma-Tanz geschaffen.

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Draußen peitscht ein Januarsturm ums Thalia Theater. Drinnen schickt Andreas Kriegenburg sein Ensemble über einen Parcours der Verzweiflung: eine Drehbühne, die in ständiger Bewegung ist, Hamsterrad und Mühlstein in einem. Die Schauspieler bleiben notgedrungen im Vorwärtsgang, anfangs im Schritttempo, gegen Ende im Laufschritt.

"Das letzte Feuer" von Kriegenburgs Haus-Autorin Dea Loher, das gestern in Hamburg uraufgeführt wurde, ist ein Ringelreihen der Geißeln der Menschheit: Einsamkeit, Krankheit, Verlust, Trauer, Trauma, Schuld. Am Ende hat das Publikum ein buchstäblich schwindelerregendes Schaustück erlebt, eine vitale Demonstration dessen, was das Theater heute noch kann. Und das, obwohl der Text nicht viel mehr zu bieten hat als einen mit Schmerzverstärkern aufgepumpten Albdruck.

Die Katastrophe, die den Anfang macht, ist ein Dominostein in einer ganzen Dominostein-Armee, einer von hundert Auslösern, die hundert schlimme Folgen haben: Ein betrunkener, zugekokster Mann rast eine Straße entlang. Ein Kind erschrickt und rennt über die Straße. Eine Polizistin verfolgt den Raser – und überfährt das Kind. Ein Fremder, der eben erst angekommen ist, wird zum einzigen Zeugen des Unfalls und nimmt gewissermaßen den Schmerz des ganzen Viertels in sich auf, verstümmelt sich selbst, Schmerz gegen den Schmerz.

Die Polizistin, die Eltern des Jungen, seine demenzkranke Großmutter, die brustamputierte Nachbarin, der arbeitslose Geliebte des Todesfahrers - die Ansammlung Leidender, die Dea Loher zusammen in dieses Rennen ohne Ziel schickt, ist grotesk. Nur Sandra Flubacher und Angelika Thomas schaffen als "Wir", gewissermaßen als Chor der Nachbarn, gelegentlich ein bisschen Abstand, indem sie in nüchternem Tonfall vom Leid der anderen sprechen.

Leidensmarsch im Herzschlag-Beat

Die Drehbühne, die zwei Stunden lang fast nie stillsteht, rotiert von links nach rechts: ein Flur mit Mustertapete, eine zusammengewürfelte Wohnküche mit Schwarz-Weiß-Fernseher im Eck, ein Wohnzimmer mit brauner Samt-Sitzgruppe und Topfpflanze auf dem Piano, ein vernachlässigt wirkendes Bügelzimmer, ein schäbiges Schlafzimmer mit integrierter Duschkabine, ein Bad samt Wanne, die Gasse vor dem Haus. Zwei Stunden lang paradieren diese Räume am Zuschauer vorbei. Laurent Simonetti hat den Leidensmarsch mit einem langsamen Herzschlag-Beat unterlegt und leise hingezupften Tönen von Kontrabass, Gitarre, manchmal ein paar Streicher. Wie die Bühne bleibt diese hypnotische, schmerzdämpfende Tonspur fast nie stehen.

Die Schauspieler eilen von rechts nach links, immer weiter, ohne vorwärts zu kommen, reißen Türen auf und schließen sie wieder, schlurfen gleichmäßig oder rennen hektisch, immer von einer Tür zur nächsten, fast ohne Verschnaufpause - eine tänzerische, eine glanzvolle Ensemble-Leistung.

Nur zweimal bleiben zwei Personen länger im Blickfeld des Parketts: Einmal ist im Wohnzimmer auf wundersame Weise eine Videokamera aufgetaucht. Der Kriegsversehrte Rabe (Hans Löw) und die vom Krebs verstümmelte Karoline (Susanne Wolff) kommen sich auf dem Sofa näher, die Kamera überträgt das auf eine Fläche über dem Tragödienkarussell – ein etwas bemüht wirkender Voyeurismus-Kommentar. "Das hat mir gefehlt, das was fehlt", sagt der traumatisierte Veteran Rabe, als er über ihre frisch angeschafften Brust-Prothesen streichelt.

Ein anderes Mal bleibt die Bühne stehen, und die Musik auch, nach über eineinhalb Stunden Rotation. Schwindelgefühle stellen sich ein, wie wenn man von einem Karussell absteigt. Auf der stehenden Bühne macht einer, der fast alles verloren hat, dem Leben der eigenen Mutter ein Ende, in der Badewanne – aber auch das wird nur berichtet, von Opfer und Täter gemeinsam, nicht vorgeführt.

Liebe erleichtert, rettet aber nicht

Trotz der permanenten Bewegung geschieht auf der Bühne fast nichts. Indem die Schauspieler über den kreiselnden Boden eilen, erzählen sie von der Vergangenheit und der Gegenwart. In einem stetigen Strom der Worte wird die Geschichte von einem zum anderen weitergereicht, mehr Prosa als Dialog. Auch die Gegenstände wandern von Raum zu Raum, der Klavierhocker auf den Wäscheschrank das Leergut aus der Küche ins Wohnzimmer und dann den Flur. Langsam, fast unmerklich, wächst die Unordnung.

Während die Personnage allein, zu zweit oder zu dritt die Räume durchwandert, stehen, sitzen oder liegen im Hintergrund andere, meist in Unterwäsche, ganz privat und ganz allein, stille, starre Skulpturen der Verzweiflung. Sie liegen auf dem Fußboden, sitzen mit einem Fön am Rand der Wanne, einmal hängt eine über dem Bügelbrett, mit dem Kopf nach unten. Die Wohnung ist jedermanns Wohnung, die Verzweifelten, die reden, sind denen, die starr schweigen, ganz nahe, aber Nähe kommt trotzdem nie zustande: "Die Gemeinschaft, die wir vorgeben zu sein, gibt es womöglich gar nicht." Selbst die Liebe kann da nur kurze Augenblicke der Erleichterung bringen, keine Rettung.

Zwischen all die persönlichen Schicksale hat Loher auch noch die Themen der Gegenwart gestopft: den Terrorismus und die Angst davor ("Euch ist euer Attentäter wichtiger als eure Nachbarn"), die fernen Kriege, die nicht mehr so genannt werden dürfen ("Das Wort stirbt aus"), Arbeitslosigkeit und Bildungsnotstand. Die Malerin hört auf zu malen, die Klavierlehrerin spielt nicht mehr, die Bilder an den Wänden verblassen. Die Dogge des Arbeitslosen hört auf den Namen Humboldt, wird dann aber in "Würger" umbenannt, sonst wird es nichts mit dem Job als Nachtwächter.

Entspanntes Gespräch zum Schluss

Nach zwei Stunden, nach der letzten Katastrophe, nach dem titelgebenden Feuer, das Rabe verschlingt und Susanne (Natali Seelig) allein zurücklässt, sind alle tot oder verschwunden, weggezogen oder in der Psychiatrie. Die Wohnung ist leer bis auf Umzugskartons und Müllsäcke, helle Flecken statt Bilden an den Wänden. Da versammeln sich noch einmal alle gemeinsam in der Wohnküche und unterhalten sich ein bisschen über ihre Gegenwart, im Grab oder in der Klinik, heiter und entspannt, gar nicht mehr verzweifelt.

"Es ist einfach so, dass es immer weitergeht, das Leben", sagt Susanne. "Es ist nicht fertig und wird nie fertig sein, egal, was mit uns geschieht. Das ist kein neuer Schmerz, es ist kein Trost. Es ist nie zu Ende."



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