Theater in Wien: "Wir haben Pornos. Ich geh nicht wieder raus"

Von Johan Dehoust

Heimatlos überfordert: In "Luft aus Stein" sucht die Autorin und Regisseurin Anne Habermehl, 31, Worte und Bilder für eine Generation, die sich einigelt und die Sprache verliert. Und findet sie in der Vergangenheit.

Theater in Wien: "Wir haben Pornos. Ich geh nicht wieder raus" Fotos
Antoine Turillon

Paula will reden, ist aber unfähig dazu. Seit sie mit dem Auto gegen eine Tunnelwand gekracht ist, schafft sie es nicht mehr, ihre Gedanken in Worte zu fassen. Ob ihre Sprachlosigkeit aber wirklich durch den Unfall verursacht wurde, da ist sich ihr Arzt in der Rehabilitationsklinik unsicher. Es gebe für die junge Frau auch genügend andere Gründe zu verstummen: Ihr Liebesverhältnis zu ihrem lebensmüden Bruder Anton, der das Auto gegen die Wand steuerte. Ihre Beziehung zu der in sich gefangenen Mutter, mit der sie seit zwanzig Jahren kein Wort mehr gewechselt hat. Oder ganz allgemein: Ihre Überforderung in einer globalisierten, nihilistischen Welt.

Warum gerät ein junger Mensch so stark ins Taumeln, dass er sich seiner Worte plötzlich nicht mehr sicher ist? So oder ähnlich könnte die Ausgangsfrage gelautet haben, die sich Anne Habermehl gestellt hat, bevor sie mit der Arbeit an ihrem Stück "Luft aus Stein" begann. Ein Auftragswerk des Schauspielhauses Wien, das die Schmerzen und die Verlustgefühle einer Generation einfängt, zu der auch die 31 Jahre alte Autorin gehört. Da Habermehl nach dem Schreiben auch gleich die Regie für die Uraufführung (17.1.) übernommen hat, kann man hoffen, dass die Eindringlichkeit des Textes auch von der Bühne herab spürbar wird.

Generationsübergreifendes Loch

Zunächst einmal umschreibt Habermehl in "Luft aus Stein" die Lebenslage von Paula und Anton: Sie irren wurzellos umher und suchen verzweifelt nach Halt. Paula macht ständig Fotos und legt sie vor sich auf den Boden, es wirkt wie ein krampfhafter Versuch, ihr Leben in Augenblicke zu bannen. Anton dagegen pumpt seine Muskeln immer stärker auf und schluckt Amphetamine, so als wolle er sich einen Panzer zulegen.

Die Geschwister sind so verängstigt und verwirrt, dass sie sogar mit dem Inzest-Verbot brechen. Die Angst vor der bodenlosen Gesellschaft klebt sie ans gemeinsame Kinderbett. "Wir haben DVDs. Wir haben Pornos. Wir haben Decken. Ich geh nicht wieder raus. Mir fehlt nichts", sagt Anton. Und als sie das Leben dann doch wieder nach draußen treibt, weiß er sich nicht anders zu helfen: Er lenkt ihr Auto gegen die Tunnelwand.

Um zu verstehen, warum Paula und Anton so ohnmächtig sind, bleibt Habermehl in ihrem Stück aber nicht in der Gegenwart: "Ich habe schnell gemerkt, dass ich in der Zeit zurückgehen muss, um einer momentanen Stimmung auf die Spur zu kommen." Sie hat Paula und Anton daher Figuren aus der Vergangenheit an die Seite gestellt: Ihre Eltern und Großeltern, die zeitlebens versuchen, großen Kriegen zu entfliehen. Sie verdrängen die erlebten Grausamkeiten, um nicht wahnsinnig zu werden. Und ihr daraus resultierendes Loch im Bewusstsein geben sie an ihre Kinder weiter.

Nah am Vorbild Sarah Kane

In ihrer Inszenierung kommt es Habermehl vor allem darauf an, die generationsübergreifenden Beziehungen zwischen ihren Figuren spürbar werden zu lassen. Wie schon bei "Narbengelände" - dem ersten eigenen Stück, bei dem sie auch Regie führte - baut sie auf ein reduziertes Bühnenbild, nichts soll ablenken. Die Schauspieler spielen in einem tunnelartigen Gewölbe, also jenem Gebäude, in dem Paula ihre Sprache verloren hat. Durch die Wiederkehr bestimmter musikalischer Klänge will die junge Regisseurin die vielen Zeitsprünge, die beim Lesen ihres Textes manchmal ein bisschen irritieren, für das Wiener Publikum leichter erkennbar machen.

Trotz dieser kleinen Hilfe verspricht der Abend am Schauspielhaus allerdings nicht leicht verdaulich zu werden, eher verstörend und finster. So nah wie mit "Luft aus Stein" dürfte Habermehl ihrem dramaturgischen Vorbild, der verstorbenen britischen Autorin Sarah Kane, noch nie gekommen sein: Ihr neues Stück ist so schmerzvoll-poetisch, dass man selbst nach der Lektüre für einen Moment die Worte verliert. Aber, das Gute ist: Danach springt man auf und hat doch etwas im Kopf, worüber man sich mit seinen Mitmenschen unterhalten kann.



"Luft aus Stein". Text und Regie: Anne Habermehl. Uraufführung am 17.1. am Schauspielhaus Wien. Weitere Aufführungen am 26., 30. und 31.1. Karten unter Tel. 0043/1/317 01 01 18.

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1. Das ist so gewollt....
tylerdurdenvolland 17.01.2013
In einer Welt des Internet und der Globalisierung gibt es keine behüteten Schutzräume mehr in dem Kinder und Heranwachsende Zeit haben sich zu entwickeln. Das ist zwar richtig beobachtet von der Autorin, aber dann kommt eben der übliche Fehler, dass man eine Änderung wie üblich als Verschlechterung sehen muss, weil sie es UNSEREN, offensichtlich überlebten Masstäben nach ist. Die Evolution schreitet voran, und der Einzelne entwickelt sich mit, oder er fährt halt mit dem Auto gegen die Wand. Daran ist gar nichst so schwer zu verstehen, wenn man als erstes mal die Wertung, das Gut und Böse, weglässt Das Leben nimmt keine Rücksicht.... und dies dürfte ein interessanter Theater Abend sein.
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