Uraufführung "Ulrike Maria Stuart" Heiterer Abgesang auf die radikale Linke

Elfriede Jelinek lässt in "Ulrike Maria Stuart" die RAF-Frauen Meinhof und Ensslin mit den Königinnen Maria Stuart und Elisabeth kollidieren. In der Uraufführung am Hamburger Thalia-Theater gab es keinen Skandal - sondern einen heiteren Reigen aus Terroristenwitzen mit Meditationen über Frauen und Macht.

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Hamburg - Großes war prophezeit für diesen Abend: Die Literaturnobelpreisträgerin hat ein Stück geschrieben. Über zwei furchtbare deutsche Frauengestalten des vergangenen Jahrhunderts. Hat den Terroristinnen Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin auch noch die verfeindeten Königinnen Maria Stuart und Elisabeth gegenübergestellt: eine Meditation in Schiller-Versen über Frauen, Konkurrenz und Macht, über "die Spielformen weiblicher Herrschaft, die am Ende alle in den Tod führen", wie Jelinek im Programmheft sagt. Sogar einen kleinen Skandal gab es schon, weil Ulrike Meinhofs Tochter Bettina Röhl der Meinung ist, das Stück verletze ihre Persönlichkeitsrechte. Was am Ende herausgekommen ist, ist eher ein melancholisch-heiterer Abgesang auf die radikale deutsche Linke – und den hat man in letzter Zeit dann doch schon ziemlich oft gehört.

Am Anfang kommt Sebastian Rudolph durch den Vorhang geschlüpft, in einem grünen Damenkostüm mit Minirock und einem Stapel Papier in der Hand. Auf den Vorhang projiziert: Ein Bild von Ulrike Meinhof. Rudolph kündigt an, nun gebe es "Ulrike Maria Stuart" von Elfriede Jelinek, und beginnt, von den Zetteln abzulesen, verteilte Rollen mit verstellter Stimme markierend. Die "Prinzen im Tower", gewissermaßen die Jugend von heute, formulieren gleich mal ihre Anklage gegen die gewaltbereiten Welt-Vereinfacher von damals: "Ach, wie gerne hätten wir die repressiven ideologischen Apparate selber noch erlebt, doch diese Offensivposition gab’s nur für dich, wir hatten nicht die Wahl." Dann wird Rudolph piepsstimming zur Meinhof, mit Perücke und Trenchcoat, und bekommt Gesellschaft von Andreas Döhler und Felix Knopp, ebenfalls im Damenkostüm.

Gemeinsam wiederholen und rearrangieren sie nun die immer gleichen Text-Bröckchen, sprechen gemeinsam, mit verteilten Rollen und hintereinander weg: Die Schauspieler probieren das Stück (aus). Noch ein Vorhang geht auf, und noch einer, und irgendwann erscheint auf der Bühne eine Leinwand – auf der läuft ein Filmtrailer: "Der Untergang 2, präsentiert von Bernd Eichinger und Stefan Aust." Eine Anspielung auf den geplanten Film, den der Star-Produzent und der Autor des Baader-Meinhof-Standardwerks derzeit gemeinsam angehen. Auf der Leinwand sprechen Susanne Wolff und Judith Rosmair direkt in eine Kamera, mit Trenchcoats und Sonnenbrillen – coole Guerrilleras beim Abgesang auf sich selbst: "Das Sprechen reicht nicht aus!" Demnächst in ihrem Kino.

Mörderische Hybris, politische Verzweiflung

Dann sind wieder die Herren in den Kleidchen dran, versuchen im Chor die Probleme des Widerstandes im Allgemeinen, und die der Frauen im Besonderen zu erklären ("Emanzipationsproblem!"), werden aber immer wieder von einem klingelnden Telefon unterbrochen. Ensslin/Rosmair geht ran, hört kurz zu und verkündet dann: "Die Wirtschaft ist in Schwierigkeiten." Dann wird ein bisschen gekalauert, dass die Wirtschaft ja vielleicht nur ein Hypochonder sei und schließlich fast immer in Schwierigkeiten. Aber der vernichtende Punkt ist längst gemacht: Wie bitteschön soll man eine Gesellschaft radikal verändern, die doch in einem globalen Netz ökonomischer Abhängigkeiten gefangen ist, hochtechnisiert und –organisiert? Das ist Jelineks zentrales Thema: Die mörderische Hybris von damals und die politische Verzweiflung von heute. "Der bäuerliche Sozialismus", heißt es einmal, "ist nicht brauchbar für die großen Städte".

Roman Herzogs Ruck-Rede aus dem Hotel Adlon wird zitiert, in immer aufgeregterem Ton wird gesagt, "wir haben kein Erkenntnisproblem, sondern ein Umsetzungsproblem!". Von der zu überwindenden Trägheit im Lande wird geredet - mit künstlichem Schaum vor dem Mund. Die Forderungen passen verblüffend gut in den Meinhof-Kontext, auch wenn da natürlich ein böses Spiel getrieben wird mit dem Altbundespräsidenten. Am Ende ist ein Satz eingefügt: "Und natürlich darf geschossen werden!"

Weiter geht es in einem bunten Reigen, getragen von Musik und immer wieder kreiselnden Satz-Schleifen, die von Sprecher zu Sprecher wandern: Die "Königinnen" im elisabethanischen Kostüm, ein Streitgespräch mit Blockflöten austragend. Gudrun Ensslin als Show-Dame, die davon singt, dass sie ja "dem schönen Pulli", "dem Mann mit den blauen Augen", aber eben auch "den Verhältnissen" niemals widerstehen konnte - im Hintergrund posiert der Rest der Truppe heiter in James-Bond-Manier mit imaginären Waffen in den Händen.

Schutzfolien für das Publikum

Die Tatsache, dass Ensslin ein Modefan war und ausgerechnet in einer Boutique verhaftet wurde, ist für Jelinek ein zentraler Punkt, eine Chiffre für das Problem von Frauen und Macht: Dass, wie später zwei gewaltige Stoff-Vaginas am Bühnenrand mit österreichischem Akzent beklagen, der sexuelle Wert der Frau sich nicht durch den Intellekt steigern lässt. Dazwischen treten gealterte Versionen von Ensslin, Meinhof und Baader auf, ergraute Ex-Terroristen mit Gehhilfe und verbittertem bis abgeklärtem Blick in die eigene Vergangenheit: "Wir haben uns noch eingebildet, etwas hätte einen Sinn."

Einmal wird’s richtig wüst, mit allem, was die Regietheaterverächter der jüngeren Zeit nicht mehr sehen wollen auf der Bühne: Nackte Männer mit Schweinemasken im Schritt, Herumgespritze mit Wasser und Farbe, unartikuliertes Geschrei. Dem Publikum werden mit ausgesuchter Höflichkeit Schutzfolien aus Plastik und Wasserbomben aus Luftballons überreicht. Mit denen darf man dann nach Pappkameraden mit den Köpfen von Gerhard Schröder, Bild-Chef Kai Diekmann, Josef Ackermann und Johannes B. Kerner werfen. Widerstand light gewissermaßen, und die Auflehnungs-Objekte sind heute irgendwie auch nicht mehr das, was sie mal waren. Das ganze endet in einer nassen, nackten, gutgelaunten Brüllorgie auf der Bühne, "diese ganze Scheiße hier" müsse doch nun endlich einmal aufhören.

Nicolas Stemann hat in einem Interview von dem Neid gesprochen, den er den RAF-Terroristen gegenüber verspürt: Neid auf dieses einfache Weltbild, das es ermöglichte, sich dem wahnwitzigen Irrglauben hinzugeben, man könnte alles verändern, indem man einfach irgendetwas tut. Jelinek dagegen hat für diese Dummheit vor allem Verachtung übrig, und auch ein bisschen Mitleid für die jämmerliche Meinhof, die doch schon viel älter war als die anderen und es besser hätte wissen müssen – und dann eben auch nicht so richtig dazugehört hat zur Gruppe. Dass Jelinek/Stemann jedoch fürs Töten irgendeine Sympathie hätten, braucht man nicht zu befürchten: Die RAF ist bei ihnen am Ende eine lächerliche Truppe egozentrischer Pop-Selbstdarsteller, Terror-Models, die sich selbst für Menschen und die anderen für Schweine halten. Das kennt man schon: Aus dem "Baader"-Film von Christopher Roth aus dem Jahr 2002.

Tragisch-lächerliche Ulrike Meinhof

Einmal klagen und jammern alle auf der Bühne über Isolationsfolter und Zwangsernährung in Stammheim und sammeln sich dann zu einem jammernden und schluchzenden Kreis. Als Meinhof/Wolff aus der Kulisse kommt und auch mitjammern will, hören die anderen erschrocken auf und gehen woanders weiterkuscheln. All das ist für die Nobelpreisträgerin auch Selbst-Spiegelung: Sie selbst war einst Mitglied der österreichischen Kommunistischen Partei, sie selbst weiß heute nicht mehr, wie man sich überhaupt noch engagieren soll, sie selbst fühlt sich verzweifelt und machtlos und droht immer wieder mit dem eigenen endgültigen Verstummen.

Meinhof ist bei Jelinek tragisch-lächerlich durch ihre endlose Theoretisiererei und ihr Verlierersein auf dem Feld des Weiblichen - schließlich hat Ensslin Baader abbekommen, und das betont sie auch im Stück. Dabei, wiederholt Elisabeth Schwarz als die greise Meinhof immer wieder, könnte man doch ruhig noch ein bisschen Respekt haben für sie, wo sie doch so viel geschrieben und gedacht habe.

Irgendwann hängt die einsame Meinhof in der Bühnenmitte an einem langen Seil - und das Stück will trotzdem nicht aufhören. Der alte Baader kommt als Engel auf die Bühne und lacht noch einmal über die lächerliche Linke und die "liberalen Fotzen". Auf dem Bühnenvorhang wird das Meinhof-Bild durch ein Porträt von Angela Merkel ersetzt. Keine simple Provokation, sondern ein letzter Verweis auf Jelineks Leiden am Thema Frauen und Macht. Das farbverschmierte Ensemble versammelt sich zu einer Gruppen-Improvisation mit Schlagzeug und Gitarre auf der rotierenden Drehbühne, der Regisseur selbst sitzt, mit einer Jelinek-Perücke, auf der Bühne und liest mit österreichischem Akzent einen Text über das einsame Sterben der Meinhof. Die Luft ist raus, und zweimal versucht jemand im Saal, der Sache mit forciertem Applaus ein Ende zu machen, ohne Erfolg. Nach zwei Stunden pfeift das letzte Feedback aus dem Gitarrenverstärker.

Der Skandal ist ausgeblieben, und Bettina Röhl täte gut daran, diesen heiter-harmlosen Theaterabend in Frieden zu lassen – angeblich hatte sie sogar beim Text ein Mitspracherecht. Wenn darin überhaupt etwas verletzt wird, dann ist es das Recht des Zuschauers auf ein furioses Finale.


Frau Bettina Röhl legt Wert auf Feststellung der Tatsache, dass die Hamburger Inszenierung des Theaterstücks "Ulrike Maria Stuart" entsprechend ihrer "verfassungsrangigen Rechte" angepasst wurde, insofern also alle Streitigkeiten mit dem Thalia Theater beigelegt seien. d. Red.



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