Uraufführung von "Das Reich der Tiere" Bestialisch komisch

Schauspieler sind schon schräge Vögel, aber ein Spiegelei darzustellen ist auch keine Traumrolle. Das Berliner Deutsche Theater eröffnete die Spielzeit mit der Farce "Das Reich der Tiere" - ein Bühnenabgesang von animalischer Bissigkeit.

Von Jenny Hoch


Die Theatersaison hat noch gar nicht richtig angefangen, da geht auf der Bühne des Deutschen Theaters in Berlin der Vorhang schon wieder zu: Fünf Schauspieler drohen arbeitslos zu werden, weil ihr Stück abgesetzt werden soll. Sechs Jahre lang haben sie sich Tag für Tag mit Hilfe aufwendiger Masken in Tiere verwandelt. Ihr tausendmal abgenudeltes Repertoire ist eine Parabel aus dem Reich der Tiere, die von Ferne an das Musical "König der Löwen" erinnert. Nun sind sie alle nicht mehr jung und alles andere als berühmt. Fließbandarbeiter der darstellenden Branche, ohne Chance, ohne Hoffnung, ohne Gesicht.

Schauspielerin Wehlisch: Tierisches Daseinslamento
Jean Paul Raabe

Schauspielerin Wehlisch: Tierisches Daseinslamento

Es ist in der Vergangenheit viel über den Zustand des Theaters in Deutschland geschimpft worden, und fast scheint es, als wolle man am Deutschen Theater dem Publikum gleich zu Beginn der neuen Spielzeit das wahre Ausmaß des Desasters zeigen. Für diese Selbstentblößung beauftragte man den Vielschreiber und Fachmann fürs Ungefähre, Roland Schimmelpfennig. Der lieferte auch prompt die gewünschte Nabelschau: eben jenes Drama mit Hartz-IV-Flair um fünf desillusionierte Schauspieler inklusive der üblichen Mimen-Eitelkeiten und dem Jammern über den unmenschlichen Theaterapparat, garniert mit ein paar farbenfrohen Metaphern, geheißen "Das Reich der Tiere".

Doch was Regisseur Jürgen Gosch aus der eher schütteren Vorlage gemacht hat, ist alles andere als von ungefähr. Das ist pralles, kraftstrotzendes Theater, das mit Fleiß an den Grenzen des sogenannten guten Geschmacks entlangschrammt und den konservativen Mahnern und Ekeltheater-Schreiern frech ins Gesicht lacht. Da ist der erste Schauspieler schon nackt, lange bevor das erste Wort gesprochen wird, da wird sich zum Zwecke der Verwandlung vom Menschen zum Tier lustvoll mit Farbe und Federn beschmiert, und da wird minutenlang aus Wasserflaschen gepinkelt und dabei über den Wiedererkennungswert von Schauspielerinnenärschen sinniert.

Aufregend anstrengend

Fein ziselierte Regiekunst ist das nicht gerade; Gosch macht eben im besten Sinne affekteheischendes Theater. Brüllend komisch, grotesk überladen und oft extrem eklig. Als Zuschauer wird man von der aufreibenden Gagfrequenz förmlich aufgeregt. Das mag anstrengend sein, und ist doch um der guten alten Katharsis Willen dringend nötig.

Dabei fängt alles ganz harmlos an: Die Schauspieler schlurfen in Alltagsklamotten durch den schlichten grauweißen Bühnenkasten von Johannes Schütz. Dort stehen neben Spiegeln und Stühlen allerhand Kübel, deren Zweck sich erst später erschließt. Nämlich dann, wenn die Schauspieler in die Maske müssen, was sie ausnahmslos selbst besorgen.

Ernst Stötzner wird mittels Farbe, Sand und einer Wuschelperücke zum stolzen Löwen, Falk Rockstroh zum schwarzweißen Zebra und Wolfgang Michael klatscht sich mit Todesverachtung klebrigen Schleim auf den Körper, um sich anschließend mit Federn zu bestreuen - fertig ist der Marabou. Aus Dörte Lyssewski wird mittels einer samtäugigen Gummimaske eine scheue Antilope, und Kathrin Wehlisch verwandelt sich farbbesudelt in eine aufgekratzt röchelnde Ginsterkatze.

Das alles dauert - gemäß Regieanweisung - so lange, "wie es dauert", sich zu verkleiden, also ziemlich lange. Das macht aber nichts, denn diese Szenen sind reinstes Schauspielerfutter, auf die sich das großartige Ensemble stürzt wie ausgehungerte Raubtiere. Ihre Rollen sind dabei zweigeteilt: Einerseits spielen sie Tiere, andererseits Schauspieler, die über ihr Dasein lamentieren. Bald bröckelt die Fassade routinierter Geschäftigkeit, und die blanke Verzweiflung der Berufsmimen wird sichtbar. Parallel zur Regression vom Mensch zum Tier steigert sich ihr Martyrium, spielen sie ihre Qualen genüsslich krächzend, schnarrend und röhrend aus. Als Zuschauer im Parkett hat man irgendwann Mitleid mit diesen komischen Vögeln.

Die Kunst geht nach Toastbrot

Schauspieler, das wird schnell klar, sind nichts weiter als an Leib und Seele versehrtes Menschenmaterial. Ihr Leben ist öde und leer, nur ihr Überlebensinstinkt zwingt sie, weiterzumachen. Auf der Bühne, in ihrem zweifelhaften Tierstück, wird wenigstens noch etwas verhandelt, auch wenn es das ewig gleiche groteske Machtspiel ist: Wer wird warum König? Der starke Löwe oder das nachdenkliche Zebra? Immerhin existiert noch so etwas wie eine Utopie der persönlichen Freiheit, der Mensch soll sein dürfen, was er will - Gosch macht daraus eine Musicalnummer.

Im wahren Leben aber gibt es immer einen Stärkeren. Da muss der Schauspieler, der mittelmäßige zumal, mit dem Strom schwimmen und sich zur Not einer List bedienen, um an Engagements zu kommen. Und wenn gar nichts mehr geht, das ist der Ausweg, den Schimmelpfennig seinen Figuren im "Reich der Tiere" zugesteht, müssen sie eben eine Rolle als Toastbrot oder Spiegelei annehmen.

Und so lässt der Regisseur die Uraufführung von Roland Schimmelpfennigs bitterböser Backstage-Persiflage mit einem grandiosen Schlussbild enden. Die Schauspieler haben sich in ihr Schicksal ergeben und betreten, vorsichtig tastend, in überdimensionalen Spiegelei-, Toast-, Ketchup- und Pfeffermühlen-Kostümen die Bühne. Eingezwängt in das Korsett der übergestülpten Rolle haben sie keinerlei Bewegungsfreiheit und erst recht keinen Interpretationsfreiraum.

Das ist der eigentliche, ziemlich selbstkritische Befund dieses Abends: Dem Theater drohen die Träume auszugehen, es herrscht das Diktat von trocken Brot und rotem Saft.



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