Theaterhorror In der Gemeinde des Grauens

Rätselhaft, verunsichernd, verstörend: Der Sprachkünstler Händl Klaus hat ein Stück geschrieben, das an Horror- und Kriminalfilme erinnert. Die Uraufführung in Köln besorgt Anna Viebrock. Die beste Komplizin, die denkbar ist.

Von

Walter Mair

Der Tod ist nicht sinnlos in der Gemeinde des Grauens, die der Theaterautor Händl Klaus sich ausgedacht hat, die Toten tragen ihren Teil bei zum Gelingen des Gemeinwesens: Das beliebte Jugendstil-Hallenbad wird beheizt über das Krematorium. Vater, Mutter, Sohn leben in der Gemeinde des Grauens und bauen einen "Erfrischungsraum" tief unten in ihr Einfamilienhaus: eine klinisch weiße Kammer, die eher an einen Obduktionssaal erinnert als an einen Partykeller. Die Mutter gibt dem Sohn ein Messer, um den entkräfteten Vater - einen Polizisten - zu töten. Der Vater wehrt sich mit Liebesbekundungen. Gerettet scheint er, als die Frau des Sohnes - ebenfalls Polizistin - aus dem Wald fremde Gäste mitbringt, darunter ein weiterer Polizist. Die Gäste überreichen der Familie ein Gastgeschenk, das sie von einem ehemaligen Häftling bekommen haben wollen: eine Schatzkarte, die auf ein Versteck im Garten der Nachbarn hinweist. Nachts graben sie dort, werden von den Nachbarn erwischt, gehen zum Öffnen der Schatzkiste gemeinsam zurück in den "Erfrischungsraum" - und brechen zusammen.

Wer das neueste Stück des österreichischen Dramatikers Händl Klaus liest, ist am Ende ratlos, verunsichert, verstört, und so wird es vermutlich auch den Besuchern der Uraufführung gehen, die Anna Viebrock am Donnerstag in Köln unter dem Titel "Gabe/Gift" auf die Bühne bringt. Vorhang zu, wird es heißen, und alle Fragen offen: Ist die Schatzkiste ein vergiftetes Geschenk des Häftlings, ein Racheakt an den drei Polizisten? Und warum erfrischt der "Erfrischungsraum" nicht die Menschen, sondern erfrischt sich an ihnen? Warum saugt er die Kraft aus ihnen? Bringt die große Gier die Menschen in diesem kleinen Raum um? Oder sind die Ängste tödlich, die in dem Raum gespeichert sind? Ist etwa der Sohn der Familie einst in diesem Raum missbraucht worden? Oder reicht die Geschichte des Raumes noch weiter zurück, etwa bis in Zeiten der Judenvernichtung?

Händl Klaus legt falsche Fährten

Alles ist möglich, nichts ist sicher in diesem Stück, was daran liegt, dass Händl Klaus auf der inhaltlichen Ebene mit Motiven des Krimi- und Horrorgenres arbeitet, mit falschen Fährten zum Beispiel. Und daran, dass er auf der formalen Ebene keinen roten Faden anbietet, nicht einmal einen klitzekleinen Dialog lang: Die Sprecher fallen sich ständig ins Wort, so dass kaum einer mehr als ein Satzfragment am Stück sprechen kann; meist sind es nur Worte oder gar Silben, bis der nächste Sprecher übernimmt, ergänzt, korrigiert. Niemand ist Herr der Geschichte, die er erzählt, niemand ist Herr der Gedanken, die ihm einfallen, die in ihn einfallen. Es ist wie ein Tauziehen um den Satzsinn, und so lockt der Text den Leser auch formal, von Wort zu Wort, auf falsche Fährten.

"Der Text besteht aus hochartifiziellen Sprachpartituren", sagt Kölns Chefdramaturgin Rita Thiele, "für die Schauspieler ist das eine wahnsinnige Herausforderung." Manchmal sind die Figuren sich einig, "dann müssen die Schauspieler sich so flüssig wie möglich mit der Rede abwechseln", manchmal zerren sie am Satzsinn, "dann müssen die Schauspieler mit Stille arbeiten oder mit Rhythmusverschiebungen".

Händl Klaus, geboren 1969 als Klaus Händl, sieht "Gabe/Gift" als dritten Teil einer "Trilogie der Polizei" nach dem Singspiel "Furcht und Zittern" und dem Musikstück "Eine Schneise": "Jedes Mal geht es auch um die Polizei als Exekutive", sagt er, um "Komplizenschaft mit selbiger - bis hin zur Familienbildung", um "Nähe, die stets umschlagen kann in Grausen". Den aktuellen Text hat er speziell für das Schauspiel Köln geschrieben, gefördert durch den mit 15.000 Euro dotierten Autorenpreis des Kölner KunstSalon. Und tatsächlich wirkt er wie gemacht für das Team, das ihn nun umsetzt: für die Kölner Schauspieler wie Marion Breckwoldt, Josef Ostendorf und Julia Wieninger, für den Komponisten und Musiker Ernst Surberg und allen voran für die Regisseurin Anna Viebrock.

Viebrock war mehrfach Bühnen- und Kostümbildnerin des Jahres, ihre Entwürfe haben die Arbeiten der Regisseure Jossi Wieler und Christoph Marthaler geprägt - und wurden so zu einer Marke im Gegenwartstheater. Der Viebrock-Raum ist ein Raum, in dem das Leben Spuren hinterlassen hat, ein Raum, in dem viel Zeit verstrichen ist und nun stillsteht, ein Wartesaal für die Bahn ins Totenreich. Der Viebrock-Raum ist also aufgeladen mit Geschichte, so wie auch der "Erfrischungsraum" in Händl Klaus' Stück. Und: Der Viebrock-Raum ist auf den ersten Blick naturalistisch banal, auf den zweiten aber surrealistisch kompliziert, etwa durch Türen und Treppen, die ins Nichts führen. Es sind falsche Fährten, die das Vertraute fremd erscheinen lassen.

Rätselhaft, verunsichernd, verstörend: Für den Text von Händl Klaus ist eine bessere Geburtshelferin als Anna Viebrock kaum denkbar.


Gabe/Gift. Uraufführung am 7. März, weitere Vorstellungen am 8., 9., 12., 13., 14. und 16. März, Halle Kalk des Schauspiel Köln, Kartentelefon 0221/22 12 84 00.

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insgesamt 4 Beiträge
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taleweaver 06.03.2013
1. Klingt nach einem für den Zuschauer kaum nachvollziehbaren Stück
Für die Schauspieler sicherlich eine Herausforderung, und die Regie kann sich schön an dem komplexen Text abarbeiten - aber anschauen möchte ich mir so was eher nicht. Wenn der Zuschauer eher mit der Unverständlichkeit des Textes gequält als intellektuell herausgefordert werden soll, macht das bestenfalls einen schönen, schlagzeilenträchtigen Skandal aus, aber kein interessantes Theatererlebnis. Die Literaturkritik wird's trotzdem lieben - die wird das Stück auch eher lesen als ansehen.
alicewunder 06.03.2013
2. Genial. Für Steuerzahler ein wahnsinnige Herausforderung
Der Händl Klaus – ein Titan! Endlich mal ein Sprachkünstler, der ein Stück über seine Opfer schreibt. „"Jedes Mal geht es auch um die Polizei als Exekutive", sagt er““ und "Nähe, die stets umschlagen kann in Grausen". Den aktuellen Bezug zu mir erlaube ich mir als Steuerzahler herzustellen. Sollte ich mich weigern für so was mein sauer subventionsfrei verdientes Geld zwangsweise als Subvention für „Sprachkünstler“ (Quelle der Bezeichnung: Händl selber?) herzugeben lerne ich ja die Polizei als Exekutive kennen. „Eine Nähe die schnell umschlagen kann in Grausen.“ Für mich Deppen eine Sensation, dass deutsches Theater als Geschäftsmodell für Thiele, Händl etc unter Anwendung von Gewalt mir gegenüber funktioniert. Mein tiefer Respekt vor der Doppelmoral der Mitglieder des Schauspiels Köln!
karl1967 10.03.2013
3.
Zitat von alicewunderDer Händl Klaus – ein Titan! Endlich mal ein Sprachkünstler, der ein Stück über seine Opfer schreibt. „"Jedes Mal geht es auch um die Polizei als Exekutive", sagt er““ und "Nähe, die stets umschlagen kann in Grausen". Den aktuellen Bezug zu mir erlaube ich mir als Steuerzahler herzustellen. Sollte ich mich weigern für so was mein sauer subventionsfrei verdientes Geld zwangsweise als Subvention für „Sprachkünstler“ (Quelle der Bezeichnung: Händl selber?) herzugeben lerne ich ja die Polizei als Exekutive kennen. „Eine Nähe die schnell umschlagen kann in Grausen.“ Für mich Deppen eine Sensation, dass deutsches Theater als Geschäftsmodell für Thiele, Händl etc unter Anwendung von Gewalt mir gegenüber funktioniert. Mein tiefer Respekt vor der Doppelmoral der Mitglieder des Schauspiels Köln!
karl1967 10.03.2013
4. keine müde mark für sprachkünstler!
Liebe Frau alicewunder, Vielleicht haben Sie es noch nicht begriffen, daß in unserer Gesellschaft eine Vereinbarung besteht, Kunst - und Künstler- zu fördern, weil Sie vielleicht auch wichtig sind für den normalen Bürger , in dem was Sie tun, auch wenn sich das nicht jedem alicewunder erschließt. So fördern Sie durch Ihre Steuern auch so verhasste Dinge wie Bibliotheken(voller Bücher von schrecklichen Sprachkünstlern), Kunsthallen, Symphonieorchester, Kindergärten, Ampelanlagen - und die lit.Cologne! Aber was das Stück von Händl Klaus betrifft: Keiner Ihrer Euros wurde verschwendet: Der Abend war großartig
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