Gorki Theater Hipster im Hamsterrad

Was haben Berliner Hipster mit den Bewohnern der utopischen Stadt Coby County gemeinsam? Sie haben alles und fühlen nichts. Ein Regiekollektiv probt die Uraufführung von Leif Randts Erfolgsroman - und entblößt eine Generation der Unschlüssigkeit.

Gorki Theater/ Thomas Aurin

Von Laura Hamdorf


In Berlin übt man Hipstertum - das ist keine Überraschung. Neuerdings übt man aber auch die dunklen Seiten der Hipness, und zwar im Maxim Gorki Theater. Auf der Studiobühne lümmeln vier Vorzeigehipster: Das Bärtchen ist gestriegelt, die Leggins leuchten, der Blick haftet beim Gitarrenzupfen melancholisch im Nichts. Hier sitzen keine Vorreiter der Coolness-Generation, sondern vier Mittzwanziger, die sich Sorgen um die eigenen Emotionen machen, weil sich ihr Leben mit seinem ganzen Überfluss leer anfühlt.

Es sind die Proben für die Uraufführung eines Überraschungsromans: "Schimmernder Dunst über Coby County", geschrieben von dem 28-jährigen Leif Randt und ausgezeichnet mit dem Ernst-Willner-Preis beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 2011 (Randt gewann auch 2009 den Nachwuchsautoren-Wettbewerb des KulturSPIEGEL). Der Roman spielt in der immer sauberen, immer friedvollen, immer sonnigen Stadt am Meer: Coby County. Dort lebt der 26-jährige Wim, der so ist wie alle anderen dort: total tolerant, total zufrieden und total rational. Er schlendert durch seine perfekte Stadt, arbeitet als Literaturagent, durchlebt eine Trennung, erlebt Alkoholabstürze - und denkt permanent darüber nach, was er bei alldem fühlen sollte. Was er wirklich fühlt, bleibt offen. Genau das sei die Kunst des Buches, finden die Regisseure Robert Hartmann und David Czesienski: "Dadurch zwingt er uns permanent, etwas anzunehmen, indem wir es mit uns abgleichen. Wir als Leser stecken genau das rein, was wir von uns in dieser Situation denken würden."

Die beiden Regisseure, 27 und 29 Jahre alt, sitzen nebeneinander vor der Bühne. "Ich glaube, jeder, der hier in Berlin lebt, kommt fast nicht drumherum, bei Coby County ein bisschen an Prenzlauer Berg und Berlin-Mitte zu denken", sagt Hartmann, der wie Czesienski im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg wohnt. Das sauber durchstrukturierte Leben, die heile Caffelatte-Welt, der Wert der Optik - das sind Parallelen zwischen den Berliner Szenebezirken und der utopischen Stadt Coby County. Die Hipster-Ästhetik ist für die Regisseure nur ein mögliches, sehr plakatives Symptom eines Mangels: "Ein Problem unserer Generation ist, dass wir uns nicht gemeinsam gegen etwas verhalten müssen, wie z.B. die 68er sich gemeinsam gegen ihre Eltern verhalten mussten. Man kann natürlich zu Greenpeace gehen, oder man wird radikaler FDP-Juli. Aber alles wird akzeptiert. Diesen Zustand haben wir mit Wims Generation in Coby County gemein."

Das Prinzip Rollentausch

Die Uraufführung ist ihre Diplominszenierung. Seit dem ersten Semester an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin arbeiten Czesienski und Hartmann zusammen, das war vor vier Jahren. 2010 gründeten sie das Regiekollektiv das "Prinzip Gonzo", zu dem auch Tim Tonndorf gehört, der in dieser Produktion die Hauptrolle spielt. Jeder von ihnen stand schon als Schauspieler für gemeinsame Arbeiten auf der Bühne, jeder war schon Regisseur. Sie gehören einer neuen Generation von Theatermachern an, die sich nicht auf Arbeitsbereiche festlegen will. Bislang war diese Arbeitsteilung vorwiegend ein Phänomen in der freien Szene - mit dem "Prinzip Gonzo" schwappt sie nun aufs Stadttheater über. Mit Erfolg: Ihr Stück "Die fabelhafte Familie Baader", uraufgeführt im September am neuen Theater Halle, wurde gerade zu den diesjährigen Autorentheatertagen im Deutschen Theater in Berlin eingeladen.

Bei zwei Regisseuren mag man eine Inszenierung als Kompromiss sehen, irgendeiner muss doch zurückstecken. Hartmann und Czesienski wissen mittlerweile, wie ein Regiekollektiv funktioniert und welche Chancen es hat: "Im Gespräch erzählt man sich jeden Quatsch, und häufig stößt man dann eine Assoziationskette an, zu der man alleine nie gekommen wäre."

Komm, wir spielen Coby County

Die Bühne der Gonzos ist nicht Coby County, sondern eine Coby-County-Versuchsanordnung. Ein Ort, vielleicht ein Wohnzimmer, an dem vier Jugendliche sich aus ihrem Luxusleben heraus eine erfüllende Welt erdenken wollen: Die Welt von Coby County. "Man kann keinen Text haltungslos als weißen Schwamm auf die Bühne stellen. Wir versuchen, die Offenheit des Textes durch die Spiel-Ebene zu erhalten", sagt Hartmann.

Das Spiel der vier Hipster könnte sich auch im Kopf all jener abspielen, die alles haben und sich trotzdem leer fühlen. Das Experiment scheitert: Die perfekte Welt bringt ihnen keine Erfüllung, sondern macht sie noch mehr zu Gefangenen ihrer selbstbezogenen Reflexionen. Dazu passt auch das Bühnenbild, ein Holzsteg in Form einer Acht. Die Regisseure nennen es ein "begehbares Hamsterrad": Mal schlendern, mal tigern die Figuren über das helle Eichenholz und kommen doch immer wieder an denselben Startpunkt. Statt Entscheidungen zu treffen, sind sie gefangen in der Handlungsunfähigkeit.


"Schimmernder Dunst über Coby County". Premiere der Uraufführung am 22.4. im Gorki-Studio Berlin. Weitere Vorstellungen am 26.4. und 6.5., Karten: Telefon 030/20221-115.



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