Theaterstreit in Frankfurt am Main: Ein Nörgelprofi fühlt sich als Idiot vorgeführt

Von

Theaterstreit in Frankfurt: Der Meckermeister Fotos
Birgit Hupfeld

Der Autor Oliver Kluck sorgt für mächtig Theater, in Frankfurt läuft nun sein neuestes Stück. Schon vorab hat Kluck die Spielfassung heftig kritisiert und seinen Vertrag mit dem Rowohlt Theaterverlag gekündigt. Was ist da passiert?

Er ist gekommen, um sich zu beschweren: Oliver Kluck, ein Kind der späten DDR, geboren 1980 in Bergen auf Rügen, aufgewachsen in Stralsund. Sein Vater war mal Hilfsarbeiter und mal Altenpfleger, seine Mutter mal Friseuse und mal Kosmetikerin, Kluck zunächst Realschüler und dann Azubi zum Wasserbauer. Karrieren im bildungsbürgerlichsten aller bildungsbürgerlichen Kulturbetriebe, dem deutschen Stadttheater, beginnen normalerweise anders.

Kluck aber kam zur Bundeswehr, ärgerte sich über dies und über das, und schrieb, anders als seine Kameraden, die sich auch ärgerten, jedes Mal einen Beschwerdebrief. Es waren seine ersten Werke als Schriftsteller. Denn im Grunde tut Kluck das noch heute: Beschwerdebriefe schreiben. Nur dass er es professioneller tut, nach einer Ausbildung am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Und dass er dafür bezahlt wird, vom deutschen Stadttheater. Kluck ist ein Nörgelprofi, der das Schimpfen zum Geschäft gemacht hat.

Das Theater umarmte Kluck schnell und heftig, sicher nicht nur wegen seiner Geschichten, auch wegen seiner Geschichte: der Exoten-Biografie, die sich prima vermarkten ließ. 2009 bekam er den Förderpreis für neue Dramatik beim Stückemarkt des Berliner Theatertreffens, 2010 den Kleist-Förderpreis, 2011 den Dramatikerpreis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft. Ein Theatermärchen, das sich die Theaterszene wieder und wieder erzählte, ohne zu bemerken, wie fremd sich Kluck nach wie vor in ihr fühlte. Von diesem Fremdheitsgefühl handelt sein neues Weltekel-Stück "Was zu sagen wäre warum", eine fiktive Schimpforgie, an der in Frankfurt ein realer Streit entbrannt ist.

Unterschichtler beim Oberschichten-Empfang

Ein Theaterautor, der vieles mit Kluck gemeinsam hat, erhält in dem Stück einen Preis, fühlt sich beim Empfang aber fremd: Er hat noch nie vorher einen Anzug gekauft und kauft auch für den Empfang keinen; ein Gast hält ihn für den Kellner und reicht ihm sein leeres Glas; ein anderer Gast schickt ihn ein volles holen. Das Theater, denkt sich der Theaterautor, ist "nichts anderes als ein gesellschaftsredundanter Diskursraum einer assimilierten Minorität, einer Oberschicht", in dem es um die Frage gehe, "wer dazugehören darf und wer nicht". In diesem Diskursraum sei er "der Idiot, den man vorführt".

Der Theaterautor reist aus der Gegenwart, in die er eingebrochen ist, zurück in die Vergangenheit, aus der er ausgebrochen ist: vom Oberschichten-Empfang zur Unterschichten-Familie. Sein Vater ist tot, aber das Erbe ist lebendig, das immaterielle Erbe, das der Sohn nicht ausschlagen kann: Der Vater war Gerüstbauer, Schornsteinfeger, Briefsortierer, Kurierfahrer, Möbelträger, Hilfspfleger im Krankenhaus, Hausmeister in der Irrenanstalt. Er trank Bier und Korn am Kiosk, irgendwann nur noch Korn, er kaufte "Fett und Verfettung" im Discounter. Zu Hause las er die "Bild", schiffte gelegentlich ins Waschbecken. Der Sessel roch nach Mettwurstbrot.

Es ist ein Stallgeruch, den der Sohn nicht loswird. Getreu dem Sprichwort: Man kriegt den Jungen aus der Gosse, aber nicht die Gosse aus dem Jungen. "Erst dachten sie, ich sei lustig und so erfrischend anders, plötzlich begreifen sie, dass ich nichts anderes bin als ein Idiot."

Der Autor Kluck fühlt sich zensiert

Der Theaterautor in "Was zu sagen wäre warum" steckt voller Welt- und Menschenekel. Er hat das Gefühl, zu kurz zu kommen, und dieses Gefühl scheint auch Kluck nicht fremd zu sein, im Gegenteil, er schickt sich an, die Geschichte seines Stücks in der Realität fortzuschreiben. Kluck hat gegen die Strichfassung protestiert, die die Regisseurin Alice Buddeberg für die Frankfurter Uraufführung erstellt hat, und seinen Vertrag mit dem Rowohlt Theaterverlag gekündigt. Sein Text, schreibt er auf seiner Homepage, sei "zusammengestrichen bis an die Grenzen der Zensur", die neue Chronologie sei "blödsinnig", er werde dastehen "wie ein Idiot". Auf Klucks Veto hin muss der Abend nun mit einem Zusatz angekündigt werden: "In einer Fassung des Schauspiel Frankfurt". Beide Fassungen, die des Autors und die des Theaters, lassen sich auf Klucks Homepage vergleichen.

"Die Sprachregelung wurde auf den ausdrücklichen Wunsch des Autors gesucht", sagt Bastian Häfner, Lektor beim Rowohlt Theaterverlag. "Um es ganz vorsichtig auszudrücken: Andere Autoren hätten darauf nicht bestanden. Aus unserer Sicht ist die Strichfassung völlig im Rahmen dessen, was bei einer Uraufführung in Deutschland so gemacht wird mit einem dramatischen Text." Er wisse nicht, was Kluck so verbittert habe: "Das leuchtet mir nicht ein. Ich überblicke die Konfliktlage nicht."

Eine Rolle gespielt haben dürfte eine Mail, die Kluck von einem Frankfurter Schauspieler bekommen haben will. Der äußert darin laut Kluck den Verdacht, dass das Stück antisemitisch sei. "Das Schauspiel Frankfurt hat zu keiner Zeit einen Antisemitismus-Vorwurf gegenüber Oliver Kluck erhoben", erklären Theaterleitung und Regieteam auf Anfrage. "Sollten sich Mitarbeiter des Hauses in diese Richtung geäußert haben, würde dies lediglich die private und subjektive Meinung des Mitarbeiters darstellen und nicht der Haltung des Hauses entsprechen."

Kluck fühlt sich als Blödmann benutzt

Die Regisseurin Buddeberg, die vor einiger Zeit bereits Klucks Stück "Warteraum Zukunft" uraufgeführt hatte, lobt das neue Stück im Interview sogar: "Verglichen mit 'Warteraum Zukunft' ist 'Was zu sagen wäre warum' der viel ernsthaftere Text." Gleichzeitig habe er einen sehr eigenen Humor, sei "komödiantisch und angenehm unsentimental". Klucks Protest gegen die Strichfassung mache sie jedoch ratlos: "Mich hat das erstaunt, weil Kluck früher immer gesagt hat, er begreife einen Text als Material für das Theater."

"Das Erstaunen der Regisseurin ist kokett", schreibt Kluck per Mail aus den USA, "als performativer Akt ist es bereits Teil der Inszenierung. Den Betrieb des Schauspiel Frankfurt als eine einzige Vorstellung zu verstehen, ist ein erster Schritt zur Darstellung der tatsächlichen Situation. Nicht eine aus dem Kontext herausgelöste Inszenierung, sondern das ganze Haus muss zum Theatertreffen eingeladen werden." Er werde nicht als Erzählender gebraucht, schimpft Kluck, sondern als Blödmann: "Das Vorführen vor einem assimilierten Publikum ist meine tatsächliche Funktion. Ich habe mich zum Idiot gemacht, indem ich über ein halbes Jahr lang versucht habe, einen ernsthaften Text zu schreiben, eine Geschichte zu erzählen, ohne zu bemerken, dass die Herrschaften (in Frankfurt) längst wussten, was sie für ihr Spiel benötigen." Die Kommunikation zwischen ihm und dem Schauspiel Frankfurt sowie dem Rowohlt Theaterverlag, schreibt Kluck, liefere eine großartige Vorlage für eine Farce. Womöglich ist es die bessere Vorlage als das Stück selbst.


"Was zu sagen wäre warum". Uraufführung am 8. Mai, weitere Aufführungen am 9., 24., 30. und 31. Mai, Kammerspiele des Schauspiel Frankfurt, Kartentelefon 069/21 24 94 94.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 10 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Streichfassung ist gefällig
Lampenluft 08.05.2013
Wenn man die beiden Versionen vergleicht, die der Autor in das Netz gestellt hat, so fällt auf, dass an mehreren Stellen gerade die gesellschaftskritischen Anteile gestrichen sind (Reflektion über den Frisör bzw. seiner Stellung in der Gesellschaft und der "Herr von Reibach"). Obwohl es sich unter Betrachtung der Textmenge sicherlich um kleine Textmengen handelt, so sind diese essentiell für die Gesellschaftskritik in diesem Stück. Die Kritik des Autors ist nachzuvollziehbar in diesen Teilen. Das Herausstreichen dieser Anteile reduziert das Stück auf "persönliches Klagen". Die Streichfassung wirkt tatsächlich gesellschaftlich gefälliger.
2. Was solls...
fatherted98 08.05.2013
...den Kram guckt sich doch eh keiner an...vielleicht ist die Premiere voll...aber dann ist der Saal leer und der Steuerzahler finanziert das Ganze...
3. Zum Kommentar von fatherted98......
xira 08.05.2013
Steuerzahler finanziert? Verstehe jetzt wer will, aber ich glaube nicht, dass solche Aufführungen von Steuergeldern finanziert werden. Es gibt sehr viele Menschen, die sich....ich zitiere..."den Kram"... anschauen.
4.
thelix 08.05.2013
Zitat von fatherted98...den Kram guckt sich doch eh keiner an...vielleicht ist die Premiere voll...aber dann ist der Saal leer und der Steuerzahler finanziert das Ganze...
Guter Mann... seit fünf Jahren (!) machen Sie hier nichts als meckern, schimpfen und lästern - und das ohne jeglichen inhaltlichen Zusammenhang. Ich habe in all den Jahren noch keinen einzigen konstruktiven Beitrag von Ihnen gelesen und bin mittlerweile zu dem Schluß gekommen, daß Sie dringend Sex brauchen! Glauben Sie mir: das entspannt. ;o)
5.
Bobby Shaftoe 08.05.2013
Zitat von thelixGuter Mann... seit fünf Jahren (!) machen Sie hier nichts als meckern, schimpfen und lästern - und das ohne jeglichen inhaltlichen Zusammenhang. Ich habe in all den Jahren noch keinen einzigen konstruktiven Beitrag von Ihnen gelesen und bin mittlerweile zu dem Schluß gekommen, daß Sie dringend Sex brauchen! Glauben Sie mir: das entspannt. ;o)
eine ziemlich subtile Anmache, könnte bei aufmerksamkeitshaschenden Forentrollen aber durchaus ziehen ;-)
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Gesellschaft
RSS
alles zum Thema KulturSPIEGEL-Tageskarte Theater
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 10 Kommentare


Facebook