"Urfaust" am Hans-Otto-Theater Rock Ju Göthe 

Von wegen "Fack ju Göthe". In Potsdam hat Alexander Nerlich einen großartigen "Urfaust" inszeniert, bei dem Gelehrte in Techno-Schuppen abhotten. Und das Beste daran: Sogar Alt-Goetheaner kommen auf ihre Kosten.

Hans Ludwig Böhme

Von Christine Wahl


Wie ein Wissenschaftsguru, der uns erklären will, "was die Welt im Innersten zusammenhält", sieht Doktor Faust am Potsdamer Hans-Otto-Theater nicht aus. Eher haben wir es mit einem Jeans- und Sweatshirt-Träger aus dem akademischen Prekariat zu tun, für den Scheitern und Sinn-Mangel so selbstverständlich zum Job-Profil gehören wie Audimax und Uni-Bibliothek. "Da steh ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor", feixt Faust-Darsteller René Schwittay zynisch hinter seinem Bücherstapel hervor und macht dazu ein Gesicht, als träfe ihn diese Erkenntnis mindestens dreimal täglich.

Irgendetwas ist diesmal allerdings anders. Die bis dato schwarze Rückwand von Fausts Gelehrtenbude wird - grandioser Effekt - plötzlich transparent und gibt den Blick auf einen Kollegen frei, der dem Nullachtfünfzehn-Akademiker nicht nur zum Verwechseln ähnlich sieht, sondern auch jede seiner Bewegungen doppelt. Der Kumpel heißt Mephisto und wird im Folgenden all das tun, wovon der Biedermann Faust bestenfalls mal in seinen politisch unkorrektesten Alpträumen phantasiert haben dürfte: Kneipen-Prügeleien anzetteln, jungfräuliche Teenager verführen und deren Mütter vorher mit Schlafmitteln außer Gefecht setzen. Holger Bülow spielt ihn als zielstrebig- abgründigen Verführer, der den Doktor kurzerhand ruhigstellt und seine Rolle übernimmt, sobald der sich mal wieder mit lästigen Moralvorstellungen selbst im Weg steht.

"Zwei Seelen wohnen, ach! In meiner Brust": Diesen Faustischen Stoßseufzer macht der 34-jährige Regisseur Alexander Nerlich zum zentralen Motiv seiner höchst bemerkenswerten "Urfaust"-Inszenierung. Ebenso intelligent wie originell geht es hier 110 Minuten lang um Doppelungen, Projektionen und Komplementärbilder. Denn nicht nur Faust und Mephisto unterhalten eine Beziehung wie Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Sondern auch die exzessive Party in Auerbachs Keller, der es in Potsdam übrigens locker mit den angesagtesten Berliner Techno-Schuppen aufnehmen kann, bildet quasi das dionysische Kontrastprogramm zur Unschuldswelt des frommen Gretchens.

In deren Kinderzimmer - einem Kasten, der wie ein Puppenstube aufs Szenario gefahren wird -, hängen die Madonnenbilder überm Bett wie bei post-goetheanischen Teenagern die Justin-Bieber-Poster. Und Gretchens frühemanzipierte Nachbarin Marthe (Meike Finck), die sich bei ihren einsamen Champagner-Besäufnissen am eigenen Spiegelbild berauscht, verkörpert als Dessous-Diva im Fifties-Stil zudem das weibliche Gegenbild zur Heiligen Grete (toll: Zora Klostermann) im züchtigen Kniestrumpf-Look.

Nerlich hat Goethes "Urfaust" unangestrengt ins Heute übertragen

Clever ist diese Regie-Idee gleich aus mehreren Gründen. Zum einen sichert sie der Uralt-Geschichte um den burnout-verdächtigen Geisteswissenschaftler in der Midlife-Crisis auf bemerkenswert unverkrampfte Weise die philosophische Tiefendimension. Gerade weil sich Nerlich für den "Urfaust" entschieden hat - Goethes frühen "Faust"-Entwurf, in dem der spätere Germanisten-Klassiker zwar schon deutlich angelegt ist, aber just die intellektuellentauglichsten Momente wie der Teufelspakt oder Fausts Verjüngung in der Hexenküche noch nicht auftauchen.

Zum Zweiten entsteht beim Trip durch diese Spiegel- und Gegenwelten der Eindruck eines postmodernen Milieu-Hoppings, das den fragmentarischen Charakter von Goethes "Urfaust" unangestrengt ins Heute überträgt: Diese ganzen einsamen, grundverzweifelten Gestalten, die ihren abhanden gekommenen Lebenssinn hier wahlweise beim Keller-Rave, im Schampus wie Frau Marthe oder eben wie Gretchen in strenger Religionsausübung suchen, kommen einem ziemlich bekannt vor.

Einen Riesenanteil am Erfolg dieser Inszenierung hat Wolfgang Menardis Bühnenbild, ein Szenario von enormer Raumtiefe, das kongenial zwischen düsterem Gelehrten-Bunker und hipper, unsanierter Fabriketage mit abgerockten Ost-Waschbecken changiert: Gerade so zeitlos wie möglich und so modern wie nötig.

Mit scheinbar völlig leichter Hand gelingt Nerlich, der früher Hausregisseur am Bayerischen Staatsschauspiel München war und in Potsdam bereits seine zweite Inszenierung vorstellt, hier tatsächlich etwas sehr Seltenes: Der Abend wirkt unverstaubt und auf eine Art zeitgenössisch, die niemals präpotent kraftmeiernd, dümmlich oder aufgesetzt daherkommt. Von wegen "Fack ju, Göthe": In Potsdam hat der 265 Jahre alte Mann uns erstaunlich viel zu sagen!


Johann Wolfgang Goethe: "Urfaust"; Regie: Alexander Nerlich; Nächste Vorstellungen im Hans-Otto-Theater Potsdam am 01., 02. Februar und 12. Februar, Karten unter Telefon 0331/98118.



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herrdainersinne 27.01.2014
1. Gretchenfrage......
Darf ichs wagen ? Die Übertragung klassischer Stücke in die Moderne heißt sie ihrem ursprünglichen Kontext zu entreisssen. Gott und Teufel haben heute nicht mehr die Wucht der damaligen Zeit, was eine Übertragung in die Moderne zu einem bunten Bilderspektakel werden lassen kann, aber unmöglich das Gefühl transportieren kann, diesen höheren Mächten ausgeliefert zu sein. ---------------- Ob nun Mephisto oder Hamlet, all diese großen phantastischen Stücke sind Erzählungen, sind ein Spiegel Ihrer Zeit. Sind Sie gut inszeniert, führen Sie uns weg von der Leichtigkeit des Jetzt, des Mainstream und des bunten Krakeels all dessen was "Kunst" heute ist. Sie führen uns zum Ursprung, zu den Sinnfragen, die gerade dann am eindringlichsten sind, wenn sie uanadaptiert bleiben. Sie ins jetzt und heute zu ziehen, Parallelen zu unserer zeit aufzuzeigen, statt sie den Besucher selbst entdecken und ziehen zu lassen, zeugt nur vom Darstellungsbedürfnissen des Plagaitisten. Es ist, wie Tschaikowsky neu abgemischt im Synthy-Pop Stil mit Schlagzeug zu hören. Nette, eingängige Unterhaltung, ein Hamburger für zwischendurch. Was davon bleibt ....ist bestenfalls ein lächeln, während das echte Stück ein Mal ist, was nicht nur den Bacu füllt, Unterhaltung für einen Abend ist, sondern einem für lange zeit satt macht, weil man etwas davon mitnimmt, etwas davon bei einem bleibt. Ich habe Faust das letzte mal vor 20 Jahren in Bonn gesehen. Keine Lightshow. Ein Tisch, ein Schrank, 2 Stühle, eine Tür. Ich habe nicht nur nichts vermisst....das Schauspiel, die Zerissenheit, die Zweifel der Protagonisten, ich erinnere mich noch heute an dieses beeindruckende Erlebniss. Während diese Inszenierung sich in der Erinnerung sicherlich leicht mit dem nächsten Kino- oder Club-besuch vermengen dürfte. ---- Und das vielleicht sehr zu recht. -------- ( Um es mit den Worten des großen Reich-Ranicki zu sagen. )
kritilligenz 27.01.2014
2. Korrektur
Der erfolgreichste Kino-Film des Jahres 2013 (gemessen an den Zuschauerzahlen in Deutschland) heißt "Fack Ju Göhte" und nicht "Fack ju Göthe".
kulturfex13 27.01.2014
3. Eine krude Inszenierung ...
... die sehr geschmäcklerisch und rumpelig rüberkam. So sah ich das und auch etliche andere Premierenbesucher. Die Figuren unscharf und beliebig inszeniert, viele Mätzchen und zuviel Aktionismus. Damit aber das richtige für die erkennbare Zielgruppe: Deutschgrundkurs 11. Schuljahr, Provinzgymnasium
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