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Urteil im Kunstfälscher-Prozess: Gutgelaunt im Gefängnis

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Der Prozess um den bisher spektakulärsten Fall von Kunstfälschung in Deutschland ist beendet - und der verurteilte Bandenboss Wolfgang Beltracchi darf sich freuen. Wegen seines Geständnisses erhielt der Millionenbetrüger eine milde Strafe, die Wahrheit wurde einem Deal geopfert.

Trotz Haftstrafe: Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi hat allen Grund zur Freude Zur Großansicht
dapd

Trotz Haftstrafe: Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi hat allen Grund zur Freude

Überrascht war niemand, als Richter Wilhelm Kremer am Donnerstagmittag um kurz nach halb zwölf im Saal 7 des Kölner Landgerichts das Urteil verkündete: Wegen "bandenmäßigen Betrugs" verurteilte die 10. Große Strafkammer den Maler Wolfgang Beltracchi, 60, zu sechs Jahren Haft. Seine Frau Helene, 53, bekam vier Jahre Gefängnis, deren Schwester Jeanette ein Jahr und neun Monate auf Bewährung. Beltracchis alten Kumpel und Komplizen Otto Schulte-Kellinghaus, 67, verurteilte das Landgericht Köln zu einer Haftstrafe von fünf Jahren.

Der unterhaltsame Prozess, bei dem es um 14 gefälschte Gemälde ging, fand nach nur neun Verhandlungstagen sein Ende. Ursprünglich hatte das Gericht 40 Sitzungen bis zum Frühjahr nächsten Jahres angesetzt, doch von den 168 benannten Zeugen wurde kein einziger gehört. Der kurze Prozess und das Urteil basieren auf einem Deal zwischen Anklage und Verteidigung. Im Gegenzug für ausführliche Geständnisse sollten Beltracchi und seine Bande milde Strafen erhalten - eine Vereinbarung, die für alle Beteiligten unwiderstehliche Vorteile bot. Die Staatsanwältin, die bis zum Geständnis Beltracchis nicht beweisen konnte, dass er die Fälschungen tatsächlich fabriziert hat, bekam Urteile, die von der Verteidigung nicht mehr angefochten werden. Und die Angeklagten kamen mit vergleichsweise milden Strafen davon.

Wie es ohne Deal hätte ausgehen können, zeigt der Fall des falschen "Reichsgrafen von Waldstein", den das Landgericht Stuttgart im Juni dieses Jahres zu neun Jahren Haft verurteilte. Er hatte Skulpturen verkauft, die angeblich von Alberto Giacometti gefertigt waren. Seine Bande hatte mit gefälschten Statuen rund acht Millionen Euro verdient - nur ein Bruchteil des kriminellen Gewinns der Beltracchi-Bande.

Viele Fälle sind schon verjährt

Auf der Strecke blieb im Kölner Kunstfälscher-Prozess gegen die Beltracchi-Bande die Wahrheitsfindung. Was mit der Anklage und den Geständnissen aufgeklärt werden konnte, ist nur die Spitze des Eisbergs im größten Fall von Kunstfälschung, den Deutschland bisher erlebt hat. So stützte sich die Anklage ohnehin nur auf 14 Bilder, die von bekannten Vertretern der klassischen Moderne stammen sollten, und mit denen die Bande rund 16 Millionen Euro verdiente.

Alte Ermittlungen der Berliner Kripo ergaben aber, dass Beltracchi bereits in den achtziger Jahren mindestens 15 Fälschungen geliefert hat, die Komplizen dann verkauften. Diese Fälle konnten aufgrund einer Verjährungsfrist von zehn Jahren nicht mehr angeklagt werden.

Auch von den späteren Fälschungen haben die Ermittler nicht unbedingt alle entdeckt. Bis zu hundert Falsifikate dürften Helene Beltracchi, ihre Schwester und Otto Schulte-Kellinghaus und möglicherweise weitere noch unbekannte Helfer auf den Kunstmarkt geschleust haben. Der Kunstexperte Ralph Jentsch geht gar von 150 bis 200 Fälschungen aus, die von Beltracchi produziert und von Helfern erfolgreich auf dem Markt platziert wurden. Es ist damit zu rechnen, dass in den nächsten Jahren weitere Fälschungen von Beltracchi auftauchen.

Opas Erbe ist plötzlich Millionen wert

Im Zentrum der Anklage standen fünf Gemälde, die angeblich der Surrealist Max Ernst gemalt haben soll. Alle wurden von dem Kunsthistoriker und "FAZ"-Autor Werner Spies gegen beträchtliche Honorare für echt erklärt. Eines davon kaufte schließlich der Ex-Verleger Daniel Filipacchi in New York für 5,5 Millionen Euro.

Die Legende, die Helene Beltracchi möglichen Käufern der Fälschungen über die Provenienz der Bilder auftischte, war clever konstruiert. Sie habe die Bilder von ihrem Großvater Werner Jägers geerbt, der sie bei dem berühmten Galeristen Alfred Flechtheim in Düsseldorf gekauft habe, erzählte sie. Tatsächlich trugen die meisten der gefälschten Bilder hinten auf den Rahmen Papieraufkleber mit der Aufschrift "Sammlung Alfred Flechtheim" und einem Porträt des jüdischen Kunsthändlers, der 1937 im Londoner Exil starb. Auch Otto Schulte-Kellinghaus ist ein alter Kumpel Beltracchis, erzählte von seinem Opa, dem Schneidermeister Johann Wilhelm Knops aus Krefeld. Auch der habe in den zwanziger Jahren bei Alfred Flechtheim Bilder gekauft.

Viele seiner alten Bekannten haben Beltracchi als arroganten Egoisten in Erinnerung, doch vor dem Kölner Gericht zeigte sich der malende Hippie von seiner charmanten Seite. Der Fälscher mit dem Musketier-Bärtchen, der wie aus einem Mantel-und-Degen-Film entsprungen wirkt, hatte die Lacher immer wieder auf seiner Seite.

Kein Ende der Show

Schließlich hat er die Absurdität des Kunstmarktes entlarvt, auf dem Gemälde berühmter Maler vordergründig Bilder, vor allem aber spekulative Kapitalanlage sind. Nicht die ästhetische Qualität eines Gemäldes entscheidet darüber, ob es Millionen wert ist, sondern die Frage, ob es von einem bekannten, teuren Künstler produziert wurde.

Beispielhaft führte Beltracchi auch vor, wie von Eitelkeit und Gier getriebene Experten und Kunsthändler bedenkenlos Bilder für echt erklärten, die es nicht sind. Was darüber hinaus für eine sympathische Darstellung der Truppe durch die Journalisten sorgte: Bei den von ihnen Betrogenen handelt es sich nicht um arme Rentnerinnen, sondern um geldgierige Kunsthändler und schwerreiche Sammler. Wer nun glaubt, dass künftig die Auktionatoren, Kunsthändler und Käufer mit größerer Sorgfalt die Authentizität ihrer Bilder prüfen werden, dürfte sich täuschen. The show must go on. Die Preise steigen. Es gibt kaum vergesslichere Zeitgenossen als die Kunstspekulanten.

Und Beltracchi? Er ist nach Berichten eines Mithäftlings schon deshalb bei seinen Gefängniswärtern beliebt, weil er sie porträtiert. Der Fälscher muss noch knappe drei Jahre absitzen, dann dürfte er dank guter Führung vorzeitig entlassen werden. Dass er in dem Labyrinth seiner Konten in Andorra oder anderswo noch einen Notgroschen verborgen hat, erscheint logisch. Ist er deshalb stets so gutgelaunt vor Gericht aufgetreten?

In seinem Schlusswort hat er sich bei den Prozessbeteiligten dafür bedankt, "dass alles so fair und locker war und dass Sie so oft gelächelt haben".

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insgesamt 42 Beiträge
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1. "milde" Strafe
haggi45, 27.10.2011
Für ein bisschen Malen geht man 6 Jahre ins Gefängnis, und dies wird noch als milde Strafe bezeichnet. Wenn man hingegen einer am Boden liegenden Person gegen und auf den Kopf tritt, kriegt man nur 2 Jahre und 8 Monate. Irgendwas stimmt mit den Relationen in unserem Gesetzbuch überhaupt nicht.
2. Bandenboss...
gerd33 27.10.2011
Zitat von sysopDer Prozess um den bisher spektakulärsten*Fall von Kunstfälschung in Deutschland ist beendet - und der*verurteilte Bandenboss Wolfgang Beltracchi*darf sich freuen. Wegen seines Geständnisses erhielt der Millionen-Betrüger*eine milde Strafe, die Wahrheit wurde einem Deal geopfert. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,794376,00.html
... ist wohl die falsche Bezeichnung. Und 6 Jahre Gefängnis sind extrem viel, für jemanden, der keinerlei Gefahr für irgendwen darstellt. Traurig anzusehen, dass die Richter am gleichen Gericht gewaltbereite Intensivtäter immer wieder laufen lassen. Außerdem, Ein Bild ist so viel wert, wie der Kunde bezahlt. Und keiner von uns hat daneben gestanden, als Rembrandt, Spitzweg oder Picasso den Pinsel geschwungen haben.
3. Das System muss sich selbst schützen
grubenlampe 27.10.2011
Wolfgang Beltracchi ein Millionenbetrüger. Wie kommt man auf so eine Summe für ein paar Bilder, die er gemalt hat. Offensichtlich war seine Qualität so hoch, dass auch Experten keinen Unterschied zu den Originalen erkennen konnten. Folglich sollten sie auch ähnlich viel Wert sein. Das passt natürlich nicht in ein System in dem Urheber arm sterben und Rechteverwerter durch Handeln reich werden. Das System muss sich selbst schützen, damit die Anderen daran verdienen können.
4. Wertigkeit
Jominator 27.10.2011
Zitat von gerd33... ist wohl die falsche Bezeichnung. Und 6 Jahre Gefängnis sind extrem viel, für jemanden, der keinerlei Gefahr für irgendwen darstellt. Traurig anzusehen, dass die Richter am gleichen Gericht gewaltbereite Intensivtäter immer wieder laufen lassen. Außerdem, Ein Bild ist so viel wert, wie der Kunde bezahlt. Und keiner von uns hat daneben gestanden, als Rembrandt, Spitzweg oder Picasso den Pinsel geschwungen haben.
Das kann man so nicht sehen. Schließlich kaufen sie ja eine Geldanlage. Wenn Ihnen einer einen Klumpen Messing als Gold angedreht hat würden Sie sich wohl auch beschweren.
5. Klar, ...
ThomasGB, 27.10.2011
... und was glaubt ihr, was die echten Fälschungen - ähm Gemälde - von Konrad Kujau zwischenzeitlich wert sind ? So ein echter "Kujau" in der heimeligen Vernissage - das hat doch was, oder ?
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