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Urteil mit Folgen: Beuys-Witwe darf Performance-Fotos zensieren

Das Museum Schloss Moyland darf die Fotografien einer Performance von Joseph Beuys nicht ohne die Genehmigung der Witwe des Künstlers ausstellen, entschied das Landgericht Düsseldorf. Ein Urteil mit Vorgeschichte, aber auch mit möglicherweise schwerwiegenden Folgen für die Fotografenzunft. 

Joseph Beuys (auf einem Archivbild von 1983): "Drehscheibe"-Performance nicht archiviert Zur Großansicht
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Joseph Beuys (auf einem Archivbild von 1983): "Drehscheibe"-Performance nicht archiviert

Düsseldorf/Hamburg - In einem Rechtsstreit um eine Schau mit Fotografien einer Live-Aktion von Joseph Beuys ist das Museum Schloss Moyland der Witwe Eva Beuys unterlegen. Das Urteil kann weitreichende Folgen für Fotodokumentationen von Kunstaktionen, aber auch Theater- und Musikaufführungen haben. Moyland darf die 1964 entstandenen Fotos künftig bei Androhung von bis zu 250 000 Euro Ordnungsgeld oder Ordnungshaft nicht mehr ausstellen, entschied das Düsseldorfer Landgericht am Mittwoch. Die Direktorin des im niederrheinischen Bedburg-Hau gelegenen Museums, Bettina Paust, kündigte Revision beim Oberlandesgericht an.

Die Fotografien der Beuys-Aktion sind nach Auffassung des Gerichts eine unzulässige Umgestaltung des Originalwerks. Mit der Ausstellung habe das Museum das Urheberrecht von Eva Beuys verletzt. Die Kammer schloss sich damit der Argumentation der Verwertungsgesellschaft (VG) Bild-Kunst an, die Eva Beuys, 77, vor Gericht vertritt. Nach Ansicht der Kläger sind die Fotos der Fluxus-Aktion eine "Transformation vom Dynamischen ins Statische" und deshalb genehmigungspflichtig.

Durch das Urteil werde die Dokumentationsfotografie künstlerischer Aktionen abgeschafft, kritisierte Paust. Fotografen hätten künftig keine Rechte mehr an ihren Fotos von dynamischen Aufführungen. Die Museumsarbeit werde massiv erschwert, da sie entsprechende Fotos aus ihren Beständen nicht mehr ausstellen dürften. Auch die wissenschaftliche Forschung werde behindert. Das Urteil widerspreche auch dem erweiterten Kunstbegriff von Beuys (1921-1986).

Die bis dahin unveröffentlichten Fotos dokumentieren Beuys' Live- Aktion "Das Schweigen von Marcel Duchamp wird überbewertet". Der 2008 gestorbene Fotograf Manfred Tischer hatte die TV-Live-Übertragung des Beuys-Happenings im Rahmen der Sendung "Drehscheibe" im Düsseldorfer ZDF-Studio festgehalten. Eine Aufzeichnung der gesamten ZDF-Sendung existiert nicht. Moyland musste die Fotos vergangenes Jahr nach einer einstweiligen Verfügung des Landgerichts abhängen.

Nach Angaben der Anwälte der Stiftung Museum Schloss Moyland kommt das Urteil des Gerichts dennoch "nicht überraschend". Die Anwälte kündigten an, gegen das Urteil Berufung beim Oberlandesgericht Düsseldorf einlegen zu wollen. Da es sich bei dem Rechtsstreit um einen Präzedenzfall handelt, könnte das Verfahren bis zum Bundesgerichtshof gehen.

"Beuys hat immer Fotografen bei seinen Happenings zugelassen"

Es gibt Befürchtungen, dass in Zukunft nicht nur Fotos von Kunstaktionen, sondern auch von Konzerten, Theater- und Opernaufführungen bald der Zensur der Künstler - oder ihrer Erben - unterliegen könnten. Entsprechend löst das Urteil in Expertenkreisen Verwunderung aus.

Die Leiterin der Fotografischen Abteilung des Essener Folkwang-Museums, Ute Eskildsen, sagte gegenüber der Nachrichtenagentur dpa, es gebe viele andere, bisher nie beanstandete Fotos von berühmten Beuys-Aktionen: "Warum gerade diese?" Beuys habe immer Fotografen bei seinen Happenings zugelassen, sagt Eskildsen, die selbst bei Aktionen des weltbekannten Künstlers dabei war. Jeder Performance-Künstler sei an der Vermittlung seiner zeitlich begrenzten Aktion interessiert - und nehme dabei in Kauf, dass der Fotograf diese auch interpretiere.

Eskildsen sieht die Rechte von Fotografen nicht genug geschützt und kritisiert den Geschäftsführer der VG Bild-Kunst, Gerhard Pfennig. Die VG Bild-Kunst vertrat Eva Beuys als Klägerin vor Gericht, gleichzeitig ist Pfennig privater Anwalt der Künstlerwitwe. "Er müsste die Fotografen genauso schützen wie die Künstler", sagt Eskildsen. Pfennig selbst scheint die Entscheidung Unbehagen zu bereiten: In einem Zeitungsinterview im Juli hatte er selbst eingeräumt, dass das Gericht Museen und Fotografen "keinen Gefallen" tue, wenn es der von ihm angestrengten Klage der VG Bild- Kunst stattgebe

Zwischen der Witwe des Künstlers und dem Museum schwelt schon seit längerem ein Streit. Eva Beuys wünscht sich einen stärkeren Einfluss auf das durch eine 1990 gegründete Stiftung des Landes Nordrhein-Westfalen betriebene Museum in einem Wasserschloss nahe Kleve. Schloss Moyland verfügt über die weltweit größte Beuys-Sammlung, die sich aus Werken speist, die von Beuys' frühen Förderern, den Bauernsöhnen Hans und Franz Joseph van der Grinten erstanden wurde. Die Witwe bestreitet allerdings, dass tatsächlich alle Werke im Eigentum der Brüder van der Grinten seien. Ein vollständiges Inventar fehlt anscheinend.

Von Experten wurde immer wieder die unprofessionelle Präsentation der Kunstwerke im Schloss Moyland kritisiert - Ende 2009 unterschrieben Künstler wie Georg Baselitz, Anselm Kiefer oder Jeff Koons eine Petition an den damaligen NRW-Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers, in der den Moyland-Verantwortlichen "offenbare Unfähigkeit, beschämende Gleichgültigkeit und Provinzialismus" vorgeworfen wurde. Doch die seit 2009 als Moyland-Direktorin amtierende Kunsthistorikerin Paust gibt sich kämpferisch. Sie will den Neubeginn für das Museum einleiten. Derzeit werden die Schlossräume neu gestaltet und damit auch die krude Hängung der Beuys-Werke in mehreren Reihen übereinander abgeschafft.

feb/dpa/dapd

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 2 Beiträge
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1. O weh
archie, 29.09.2010
Bis an die Decke vollgeklatschte Wände, wahlos in Schaukästen verteilte Plastiken, das ganze wirkt wie ein Flohmarkt. So präsentiert Moyland uns einen der größten deutschen Künstler, dessen Arbeiten die Kunstwelt geprägt haben und bis heute beeinflussen. Das als provinziell zu bezeichnen,ist noch viel zu harmlos. Schamlos und unverschämt bereichert man sich an Leihgebühren, man meint mit Leuten von wie vom Kölner Klüngel zu tun zu haben. Die Witwe ist 100% im Recht.
2. Oh weh Nein.
hollo 29.09.2010
Zitat von archieBis an die Decke vollgeklatschte Wände, wahlos in Schaukästen verteilte Plastiken, das ganze wirkt wie ein Flohmarkt. So präsentiert Moyland uns einen der größten deutschen Künstler, dessen Arbeiten die Kunstwelt geprägt haben und bis heute beeinflussen. Das als provinziell zu bezeichnen,ist noch viel zu harmlos. Schamlos und unverschämt bereichert man sich an Leihgebühren, man meint mit Leuten von wie vom Kölner Klüngel zu tun zu haben. Die Witwe ist 100% im Recht.
Hier geht es ja nicht um ein verwahrlostes Museum sondern es geht um das eigene Urheberrecht des Fotografen und das Recht auf Dokumentation. Nach dem Urteil können Sie alle Archive schliessen - da geht dann gar nicht mehr. Ich glaube der Richter hatte keine Ahnung und das Urteil wird die Revision nicht überstehen. Ich würde ja auch gerne mal die Urteilsbegründung lesen.
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