Zum Tode von Pete Seeger Ein aufrechter Mann

Pete Seeger machte aus vergessenen Folksongs Protestlieder. Er sang mit sanfter Entschiedenheit gegen Krieg und für Bürgerrechte, er inspirierte mit Songs wie "We Shall Overcome" Generationen von Singer/Songwritern. In ihm brannte ein Feuer - musikalisch wie politisch.

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Am 18. Januar 2009 war Pete Seeger endgültig in der Mitte seines Landes angekommen. Beim Konzert "We Are One" anlässlich der Inauguration von Barack Obama als US-Präsidenten sang Seeger zusammen mit seinem Enkel Tao Rodriguez und Bruce Springsteen "This Land Is Your Land", den links-patriotischen Klassiker von Seegers altem Weggefährten Woody Guthrie. Auf Seegers Wunsch - so viel Kommunist war er noch immer - sangen sie auch die sonst oft weggelassenen Strophen, die vom Privatbesitz handeln.

Pete Seeger, der mit seinen Liedern zahlreiche Friedens-, Freiheits- und Widerstandsbewegungen inspirierte, nicht nur in den USA, sondern rund um die Welt, stammte aus einem Clan, der die US-Folk-Bewegung prägte. Angeführt wurde er vom Patriarchen Charles Seeger, einem in Harvard ausgebildeten Ethnomusikologen.

"Mein Vater war ein großer Einfluss für mich", sagte Pete Seeger einst dem "New Yorker": "Er war sein Leben lang überenthusiastisch. Mal für dies, dann für das." Inspiriert von Hanns Eisler wurde Vater Seeger Teil eines Komponistenkollektivs, das Lieder für Streikposten und Demonstrationen komponierte.

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US-Folklegende: Traditionalist in Opposition
Pete Seeger hatte ein Harvard-Studium abgebrochen, als ihm der Folksong-Archivar Alan Lomax einen Job im Archive of the American Folk Song verschaffte. Bei einem Abend zu Ehren von John Steinbecks Roman "Früchte des Zorns" hatte er seinen ersten öffentlichen Auftritt als Sänger - in einem Line-up mit den Folk-Legenden Leadbelly und Aunt Molly Jackson.

Die Wiedergeburt des amerikanischen Folksongs

So war Seeger bereits ein respektierter Sänger und Aktivist, als Alan Lomax ihn am 3. März 1940 in Manhattan mit Woody Guthrie bekanntmachte, dem großen Poeten der Dust Bowl, dem staubigen Mittleren Westen der USA. Mit diesem Händedruck formten Guthrie und Seeger eine Allianz aus gebildeter Musikwissenschaft und roher Arbeitermusik. "Man kann die Wiedergeburt des amerikanischen Folksongs auf diesen Abend datieren", sagte Lomax später.

Mit den Almanac Singers nahm Seeger alte Arbeiterlieder, aber auch Friedenslieder auf. Das wurde zum Problem im beginnenden Zweiten Weltkrieg. Seeger hasste zwar den Faschismus, aber auch den Krieg. Als US-Präsident Roosevelt das erste Album der Alamanac Singers, "Songs for John Doe", 1941 zu hören bekam, soll er gewütet und nach Verhaftungsgründern gesucht haben. Doch als Woody Guthrie den Almanacs beitrat, änderte sich die Ausrichtung, und nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor sangen die Almanac Singers sogar für den Krieg. In "Dear Mr. President" hieß es: "We got to lick Mr. Hitler and until we do / other things can wait".

Nachdem Seeger 1948 den erfolglosen Präsidentschaftskandidaten Henry Wallace von der Progressive Party unterstützt hatte, zog sich Seeger resigniert zurück, kaufte Land in Peekskill im Staat New York. Doch als ein Open-Air-Konzert auf seinem Grundstück von einem Ku-Klux-Klan-Mob gestört wurde, der den schwarzen Sänger Paul Robeson lynchen wollte, begann das politische Feuer in Pete Seeger wieder zu lodern.

Protestsong-Klassiker

1950 hatte er mit den Weavers Amerikas meistverkaufte Single aufgenommen, ein Cover von Leadbellys "Goodnight Irene". Zwar sangen die Weavers wenig subversive alte Folksongs, gerieten aber dennoch unter Kommunismusverdacht. Als öffentlich wurde, dass drei Weavers-Mitglieder der Kommunistischen Partei angehörten, wurde die Gruppe zur populärsten nicht vermittelbaren Kapelle Amerikas. 1953 wurden die Weavers von der Plattenfirma Decca fallengelassen, und Seeger verließ die Gruppe.

Weil Pete Seeger offen kommunistisch war, dachte man in der Hexenjagd-Atmosphäre der McCarthy-Jahre, dass jeder Folksänger mit akustischer Gitarre Kommunist sein könnte. 1955 wurde Seeger vom McCarthy-Komitee verhört und gab sich unkooperativ. Im selben Jahr schrieb er einen seiner berühmtesten Songs, "Where Have All the Flowers Gone?", das in den Versionen von Peter, Paul & Mary und Joan Baez zur Friedenshymne wurde; die deutsche Fassung "Sag mir, wo die Blumen sind" sang erstmals Marlene Dietrich im Jahre 1962.

Den anderen Protestsong-Klassiker, den man für immer mit Pete Seeger verbinden wird, hörte er 1947 in der Highlander Folk School in Tennessee: "We Shall Overcome". Die Wurzeln des Liedes reichen zurück zu den Plantagen des Südens. Seeger war fasziniert: "Es hat das Geniale des Einfachen", sagte er einmal: "Die Dinge kompliziert machen kann jeder Depp." Er dichtete zwei Strophen hinzu.

Kabel mit der Axt kappen

1962 sang Seeger bei einer Bürgerrechtlerveranstaltung in Albany, Georgia. Während das Publikum von seinen anderen Hits wie "If I Had a Hammer" ungerührt blieb, ging es bei "We Shall Overcome" begeistert mit. Pete Seeger tourte durch die Südstaaten, und "für Hunderttausende freiheitsliebende Amerikaner wurde daraus mehr als ein Lied: Es wurde DAS Lied", erinnerte sich Seeger später.

Doch Seeger kam so langsam etwas aus der Mode in den Sechzigern. "Heute lechzt man nach diesen engagierten Songs, die junge Hörer aufrütteln, die glauben wollen, dass ihnen jemand etwas voller Überzeugung vorspielt, der noch nicht ganz so tatterig ist wie Pete Seeger, Gott segne ihn", heißt es in dem Roman "Dissident Gardens" von Jonathan Lethem. Und 1961 kam ein solcher Sänger im wirklichen Leben dort an: Bob Dylan.

Als Dylan beim von Pete Seeger mitinitiierten Newport Folk Festival 1965 seine elektrische Gitarre einstöpselte, wollte Folk-Guru Seeger das Kabel mit der Axt kappen. "Als Folksänger galt, wer einen selbst oder von anderen ausgegrabenen Song so vortrug, wie er im Original geklungen hat bzw. geklungen haben könnte", schrieb Günter Amendt einmal: "Jede textliche, musikalische und interpretatorische Abweichung vom Original wurde als Verrat an der Folk-Tradition angeprangert." Der elektrifizierte Dylan muss dem Traditionalisten Pete Seeger wie eine Gefahr vorgekommen sein.

Zu Unrecht, denn seine Lieder begleiteten noch jahrelang Protestbewegungen rund um die Welt. In den Neunzigern wurde Seeger nicht nur von US-Präsident Bill Clinton mit der Nationalen Kunstmedaille geehrt, sondern auch von der kubanischen Regierung. Am Montag ist Pete Seeger im Alter von 94 Jahren gestorben.

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