Fotoreporter McCurry: Die magischen Augen der Mona Lisa

Von Karin Schulze

Verzaubern und zugleich verstören - geht das? Der US-Fotograf Steve McCurry zeigt den Schrecken oft direkt neben dem Schönen, wie nun in einer Schau in Wolfsburg zu sehen ist. Dort hängt auch sein weltberühmtes Werk: das Flüchtlingsmädchen mit dem Hypnoseblick.

Sie war ihm sofort aufgefallen. Weil sie aber besonders scheu wirkt, fotografiert Steve McCurry erst einmal die anderen Mädchen in dem Schulzelt des afghanischen Flüchtlingslagers. Vielleicht will sie ja dann nicht mehr abseits stehen und allein bleiben? Sein Kalkül geht auf. Als er sich ihr zuwendet, hat sie zwar noch immer einen trotzigen, misstrauischen Zug um den Mund, blickt aber mit ihren hypnotisierenden, hellgrünen Augen direkt in seine Kamera.

In dem Moment hatte McCurry eine Aufnahme im Kasten, die zu einem der berühmtesten Bilder der Dokumentarfotografie werden sollte. Als das Porträt 1985 auf dem Cover von "National Geographic" erschien, löste es eine Flut von Leserbriefen aus. Künstler wollten es malen. Freiwillige meldeten sich für Hilfsdienste in den Camps. Ein paar Männer träumten davon, die Fotografierte zu heiraten. Die sah zwar erwachsen aus, war aber erst zwölf Jahre alt.

Und als McCurry - mit seinen 62 Jahren inzwischen längst Mitglied der noblen Agentur Magnum Photos und mit zahllosen Preisen geehrt - bei der Presse-Führung durch seine Ausstellung im Kunstmuseum Wolfsburg ging, knipste der Tross der Zeitungsfotografen ihn bevorzugt vor dem Hintergrund dieses Bildes.

Die "afghanische Mona Lisa"

Oder eigentlich: dieser Bilder. Denn neben der "afghanischen Mona Lisa", wie das Foto bald genannt wurde, hängen zwei weitere Porträts. McCurry, der zunächst die Spur des Mädchens verloren hatte, fand ihre Identität erst im Jahr 2002 heraus: Sie hieß Sharbat Gula, war jetzt 30 Jahre alt, verheiratet, hatte Kinder. Er konnte sie wieder fotografieren: Jetzt aber verschatteten tief herabgezogene Augenbrauen das vorzeitig gealterte Gesicht.

McCurry war in den siebziger Jahren nach einem ersten Fotografenjob in Pennsylvania nach Indien gegangen. Zwei Wochen wollte er bleiben, zwei Jahre wurden es. Und dann passierte, was ihn mit einem Schlag zu einem gefragten Reportagefotografen machte: Er traf 1979 in Pakistan auf afghanische Flüchtlinge, schloss sich ihnen an, kleidete sich in Landestracht und überquerte mit ihnen die Grenze nach Afghanistan, wo gerade die sowjetische Invasion begann. McCurry machte die ersten Bilder vom Konflikt und brachte die Filme, eingenäht in seine Kleidung, außer Landes.

Seit diese Fotos von Zeitungen wie der "New York Times" als erste Bilder des sowjetisch-afghanischen Krieges gedruckt wurden, bereist McCurry fotografierend - oft im Auftrag des "National Geographic" - die Welt. Er berichtet aus Krisengebieten wie der Golfregion oder dem Libanon. Und immer wieder bereist er die süd- und südostasiatischen Länder: Indien, Tibet, Burma, Kambodscha.

McCurry hat sein Fotostudio in New York, ist aber neun Monate im Jahr unterwegs. Ruhelos ist er jedoch nicht. Sich in fremden Städten oder Landschaften zu verlieren, hat für ihn etwas Meditatives. Und wenn er an einem Motiv dran ist, vergehen oft Tage, bis alles stimmt: das Licht, der Hintergrund, die Gesten, der Gesichtsausdruck.

Das Fremde ganz nah

Einmal raubten ihn Bewaffnete aus, zweimal wurde er im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet festgenommen, immer wieder geriet er in Bomben-Attacken oder Artilleriefeuer. Doch McCurry ist kein Haudegen, sondern ein kleiner, ruhiger Mann mit freundlich strahlenden Augen. Für ihn ist das Verlangen nach Respekt und Liebe das, was allen Menschen über religiöse oder kulturelle Differenzen hinweg gemein ist. Diese Haltung scheint ihm die vertrauensvolle Nähe zu Fremden zu ermöglichen, die seine Fotos bezeugen.

In Wolfsburg werden etwa hundert seiner oft spektakulären Fotos gezeigt: Kamele während des Golfkrieges 1990/91, die inmitten brennender Ölfelder nach Wasser suchen, von Öllachen trinken und verenden. Wie Schattenrisse zeichnen sie sich vor dem glutroten Horizont ab. Oder der alte Mann, der seine ebenfalls betagte Nähmaschine durch Monsunfluten schleppt. Die Stelzenfischer an der Küste Sri Lankas - erhaben wie Säulenheilige. Und auch die dampfende Lokomotive vor dem Taj Mahal ist eine unglaubliche Aufnahme, deren hübsche Schwaden den Betrachter aber auch einnebeln.

So stellt sich beim Gang durch die Ausstellung doch nicht nur Begeisterung ein. McCurry fängt lieber das schöne Schwindende lokaler Kulturen ein als die hässlichen Folgen der Globalisierung. Und er betont eher die Würde und Stärke, die Einzelne trotz Armut, Krieg oder Unterdrückung wahren, als die entwürdigenden Umstände, unter denen sie leben. Die Brillanz der Aufnahmen droht die Brisanz der Inhalte zu überlagern.

Waren die Aufnahmen bei ihrem Erscheinen in Printmedien in kulturelle oder politische Kontexte eingebettet, so kommt ihnen - isoliert an Museumswänden und weitgehend nach Genres und nicht nach Regionen gehängt - ihre analytische Kraft abhanden. Etliche spielen ins Pittoreske oder Touristische hinein. Bleibt also die Frage, ob sie in einem Kunstmuseum am richtigen Ort sind.


Steve McCurry - Im Fluss der Zeit. Fotografien aus Asien 1980 - 2011; 19.1. bis 16.6. im Kunstmuseum Wolfsburg.

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