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US-Fotografin Nan Goldin: "Ich beneide Transsexuelle"

Drag Queens, Bohemiens, Hausbesetzer: Die US-Fotografin Nan Goldin hat wie kaum eine andere Künstlerin das Leben in den Subkulturen dokumentiert. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht sie über ihre wilden Jahre in Berlin, den Selbstmord ihrer Schwester - und den Tod als ihr Lebensthema.

SPIEGEL ONLINE: In den Jahren vor und nach dem Mauerfall waren Sie oft in Berlin, jetzt zeigt eine Ausstellung Ihre Arbeiten die während dieser Aufenthalte entstanden sind. Was bedeutet Ihnen die Stadt?

Nan Goldin: Berlin war ein Zuhause für mich. Ich habe die meiste Zeit meines Lebens nach so etwas gesucht. Ich habe in Boston, New York und Paris gelebt. Berlin ist einer der Orte, an denen ich mich am glücklichsten fühle.

SPIEGEL ONLINE: Was war damals, in den Achtzigern, der Unterschied zwischen Berlin und New York?

Goldin: Wichtiger war die Ähnlichkeit. Nach New York zogen die Amerikaner, die wegkommen wollten von Amerika. Und nach Berlin zog man, um Deutschland, der Schule, der Bundeswehr, der Familie und der Geschichte des Holocaust zu entkommen - um hier frei zu leben. Es war eine offene, freie und wilde Zeit, wie an der Lower Eastside New Yorks um 1980. Berlin, diese eingeschlossene Stadt, war eine Insel der Möglichkeiten. Und die Hälfte der Fotos meiner "Ballade von der sexuellen Abhängigkeit" habe ich in Berlin gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Vollkommen unbeschwert war Ihre Berliner Zeit aber nicht.

Goldin: Zuerst war ich 1983 hier, um meine Arbeit im Arsenal Kino zu zeigen. Als ich 1984 wiederkam, um hier zu leben, bin ich von meinem damaligen Freud übel geschlagen worden. Ich landete im Krankenhaus und musste zurück nach Boston, um operiert zu werden.

SPIEGEL ONLINE: Sie kamen trotzdem wieder.

Goldin: Ja, schon 1985. Ich wohnte in Kreuzberg, in einem besetzten Haus mit 40 Bewohnern, inklusive der Performance-Gruppe "Die Tödliche Doris". Wir gingen ständig aus, in die Oranien-Bar, ins Risiko, in den Dschungel - eine wunderbare Zeit. Manchmal war ich mit der Künstlerin Kiki Smith unterwegs.

SPIEGEL ONLINE: Findet sich das, was Sie Ihre Berliner Familie nennen, in der Ausstellung wieder?

Goldin: Ganz wichtig war meine langjährige Freundschaft zu Alf Bold, dem Programmleiter des Arsenal Kinos. Ich zeige in der Ausstellung eine Collage über seinen Tod. Ich habe viel Zeit im Krankenhaus mit ihm verbracht und ich war bei ihm, als er 1993 an Aids starb. Andere Fotografien zeigen Leute, die ich in Berlin kennenlernte und Leute, die ich hierher brachte.

SPIEGEL ONLINE: Anfang der neunziger Jahre waren Sie abermals in Berlin.

Goldin: Die Mauer war gefallen, eine sehr eigenartige Zeit. Mit dem Rad konnte man plötzlich durch die ganze Stadt fahren! Die Einheit war noch nicht wirklich da. Es gab viele verlassene Häuser und Grundstücke, seltsame Bars. Mein Freund, der Fotograf David Armstrong, kam für eine Woche rüber - und blieb drei Jahre. Und Siobhan, meine damalige Freundin, kam auch. Und mein Freund Joey, der gerade dabei war, von einem Jungen zu einem Mädchen zu werden. Es war die glücklichste Zeit meines Lebens.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat die Stadt Ihre Arbeit beeinflusst?

Goldin: Ich verließ damals das Fotoghetto und kam in die Kunstwelt. Ich bekam Kontakt zu vielen Künstlern - wie etwa Rachel Whiteread. Bei der Whitney Biennale 1993 zeigte ich eine Arbeit, die meine Zeit hier reflektierte und die New Yorker Kunstwelt auf mich aufmerksam machte.

SPIEGEL ONLINE: In welcher Situation entstanden Fotos wie "Bea with the blue drink"?

Goldin: Die Situation war genau so, wie das Foto sie zeigt. Es war in der Oranien-Bar. Bea bestellte einen Drink mit Curaçao. Ich arbeite nicht metaphorisch. Meine neuen Arbeiten sind zwar anders, aber bis vor einigen Jahren war meine Arbeit das Tagebuch meines Lebens. Bei den Bildern sieht man genau das, worum es geht.

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Sapientia 20.11.2010
Zitat von sysopDrag Queens, Bohemiens, Hausbesetzer: Die US-Fotografin Nan Goldin hat wie kaum eine andere Künstlerin das Leben in den Subkulturen dokumentiert. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht sie über ihre wilden Jahre in Berlin, den Selbstmord ihrer Schwester - und den Tod als ihr Lebensthema. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,730036,00.html
Mit Berlin in Zusammenhang gebracht werden immer wieder irgendwelche Provinzialisten, die sich ggü ihren Herkunftsbegrenzungen hier ausleben, wohl fühlen und doch immer wieder nur ihr, wie auch immer geartetes Spießertum ausleben, als sein berlin das Synomym für die Emanzipation von den Eltern; dabei ist höchst auffällig, dass immer mit Randgruppen und sexuellen Variationen gearbeitet, fotographiert etc. wird. Kann mal jemand nach Berlin kommen, ohne sich über mit der Brille des verspießten Elternhauses über den vollgepissten 3. Hinterhof zu definieren?
2. Wuerde eher sagen die Frau hat noch nie mit dem
blob123y 20.11.2010
Objekt ihres "Desire" zu tun gehabt. Ich wohn' in Phuket ich habe JEDEN Tag mit denen zu tun, das ist mentales Chaos und sonst fast nichts. Schaut mal hier: http://www.thailandmagic.com/Patpong.html wenn ich bei einen Thai airways Schalter einchecke schau ich ganz genau hin denn die Beschaeftigen die meisten dieser "ladyboys" und jedesmal wenn ich da hingeh gibts ein groesseres Problem, das unterliegende Problem ist das die ihre "Denke" nicht in die Reihe bringen koennen, da ist ein Start, dann "seitliche Arabesken" und totales Chaos im Kopf. Thailand ist geradezu eine Anschauungsmoeglichkeit fuer das, da etwa 60% der Maenner entweder bi oder schwul sind, bei den weiblichen Personen ists bei etwa 70% total fliessend, das ist so.
3. Ganz meine Meinung
24moskito 20.11.2010
Zitat von SapientiaMit Berlin in Zusammenhang gebracht werden immer wieder irgendwelche Provinzialisten, die sich ggü ihren Herkunftsbegrenzungen hier ausleben, wohl fühlen und doch immer wieder nur ihr, wie auch immer geartetes Spießertum ausleben, als sein berlin das Synomym für die Emanzipation von den Eltern; dabei ist höchst auffällig, dass immer mit Randgruppen und sexuellen Variationen gearbeitet, fotographiert etc. wird. Kann mal jemand nach Berlin kommen, ohne sich über mit der Brille des verspießten Elternhauses über den vollgepissten 3. Hinterhof zu definieren?
Noch schlimmer ist es geworden seit die Mauer weg ist und immer mehr Wessis (als solche wurden West-Deutsche auch schon immer von WEST-Berlinern bezeichnet) in die vermeintliche Hochburg von Kriminalität und Unterwelt kommen um dann hochtrabend damit anzugeben. Wir haben die nie und werden diese Leute nie brauchen und Berliner werden die in 50 Jahren nicht! Nur gut das die meistens eh nur in Bezirken leben wo sie eh unter ihresgleichen sind ((((-: Richtige Berliner brauchen weder SchickiMicki Bars noch die dazugehörige Klientel.
4. go to Transsilvanien...sorry Thailand
24moskito 20.11.2010
Zitat von blob123yObjekt ihres "Desire" zu tun gehabt. Ich wohn' in Phuket ich habe JEDEN Tag mit denen zu tun, das ist mentales Chaos und sonst fast nichts. Schaut mal hier: http://www.thailandmagic.com/Patpong.html wenn ich bei einen Thai airways Schalter einchecke schau ich ganz genau hin denn die Beschaeftigen die meisten dieser "ladyboys" und jedesmal wenn ich da hingeh gibts ein groesseres Problem, das unterliegende Problem ist das die ihre "Denke" nicht in die Reihe bringen koennen, da ist ein Start, dann "seitliche Arabesken" und totales Chaos im Kopf. Thailand ist geradezu eine Anschauungsmoeglichkeit fuer das, da etwa 60% der Maenner entweder bi oder schwul sind, bei den weiblichen Personen ists bei etwa 70% total fliessend, das ist so.
Das hatte ich beinahe vergessen, bin auch seit ewigen Jahren Phuketianer und wenn die junge Frau mal Transikultur erleben will dann möchte sie doch mal bitte nach Thailand kommen...sooo schön ist das nun wirklich nicht wenn jeder dritte schwul oder jede 50ste Frau im Körper eines Mannes geboren wurde....oder dies zumindest annimmt und dann auch so lebt. Mag ja altmodisch sein aber mir sind normale Hetero Beziehungen immer noch sympathischer, ich lebe nämlich gern und kann und möchte mir nicht vorstellen zwei Papas als Eltern zu haben.....auch wenn schwule Aussenminister inzwischen ja normal zu sein scheinen. Daran zu denken wie die es miteinander "machen" vertreibt mir jeglichen Appetit.
5. Titellos glücklich!
kjartan75 20.11.2010
Schade, dass offensichtlich keiner der bisher veröffentlichten Foristen überhaupt das Werk von Nan Goldin kennen, sondern da wird erstmal allgemein rumpalavert. Diese Ausstellung steht noch auf meiner Liste, die noch unbedingt besucht werden wollen. Ich war wirklich beeindruckt von ihren Bildern, die vor einem Jahr im c/o ausgestellt wurden. Starke Fotografin, die gut und intensiv Geschichten erzählen kann in ihren Bildern. Auch wenn natürlich das Thema ihrer frühen Werke heutzutage nicht mehr der Aufreger ist wie damals (naja, bei manchen Kommentaren scheint es ja doch noch der Fall zu sein ;) ).
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Zur Person
Nan Goldin, 57, ist eine us-amerikanische Fotografin. Schon im Alter von 14 Jahren verließ Goldin ihr Elternhaus, um sich der Bohème-Szene von Boston anzuschließen. Fortan waren Künstler, Homosexuelle und Drag-Queens ihre Ersatzfamilie - und früh wurden sie zum Objekt ihres fotografischen Interesses. 1978 zog sie nach New York, 1991 - da schon gefeierte Künstlerin - begann sie einen zweijährigen Aufenthalt in Berlin. 2007 wurde sie mit dem Hasselblad-Preis ausgezeichnet, einer der wichtigsten Ehrungen in der Kunstfotografie. Seit 2006 ist sie "Commandeur dans l'Ordre des Arts et des Lettres".


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