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US-Fundamentalist Beck in Israel: Folgt der Feuersäule!

Von Juliane von Mittelstaedt, Tel Aviv

Die Welt brennt, das Böse wächst - doch Gotteskrieger Glenn Beck ist zur Stelle. Das Sprachrohr der amerikanischen Rechten begab sich in Jerusalem auf eine Erweckungsmission ganz besonderer Art. Er warb für Israel, die Botschaft Jesu - und um neue Abonnenten für seinen Internetkanal.

US-Fundamentalist Beck: Gift über Linke und Muslime versprühen Fotos
DPA

Die Glocken läuten, und Apostel Glenn erscheint. Über seinem Kopf schwebt die Aksa-Moschee, hinter ihm steht die Klagemauer. Er sagt, er wolle heute über die Wahrheit reden. Die Wahrheit ist: "Die Welt brennt. Man muss kein Prophet sein, um zu sehen, dass die Dinge nicht gut laufen. Das Böse wächst. Die Dunkelheit zieht herauf."

Glenn Beck, 47 Jahre alt, Mormone, Ex-Junkie und Ex-Theologiestudent, predigt, wie vielleicht nur jemand predigen kann, der jahrelang bei den Anonymen Alkoholikern war. Der Verstärker verleiht seiner Stimme künstlichen Hall, ein Chor singt. Die Erlösung naht.

Beck ist natürlich kein Prophet. Aber hat er nicht irgendwie doch alles vorhergesehen? 1999, da hat er Osama Bin Laden gehört und gleich gewusst, der würde New York angreifen. 2006 war ihm klar, dass der US-Immobilienmarkt zusammenbricht. Und als die Welt sich noch über den sogenannten arabischen Frühling freute, da wusste er bereits: Das Böse wird aus Ägypten kommen und den Tod nach Israel bringen. "Und genauso kam es." Aber, sagt Beck: "Wir können den Lauf der Geschichte verändern."

Genau dafür ist er hier. Er will sich der Geschichte entgegenstemmen: dem amerikanischen Präsidenten Barack Obama, den Vereinten Nationen, den sogenannten Menschenrechten, den Medien.

99,95 Dollar pro Jahr

Halt, war nicht auch Glenn Beck mal in den Medien? War er nicht bis vor acht Wochen das Sprachrohr der amerikanischen Rechten, der Mann, der täglich Gift über Linke, Liberale und Muslime versprühte - bis er selbst seinem Arbeitgeber, dem konservativen Nachrichtensender Fox News, unheimlich wurde?

Jetzt ist er wieder da, auferstanden in Jerusalem, wo sonst. Als Anführer einer neuen, globalen Bewegung der Wahrheit und als Chef von GB TV, seinem Abo-Sender im Internet, 99,95 Dollar pro Jahr für den Premiumzugang.

Um für seine neue Sendung zu werben, hat Glenn Beck zu einer Roadshow ins Heilige Land gerufen. Gefolgt ist ihm eine Rentnerarmee mit Strohhüten und Gleitsichtbrillen. Sie haben für fünf Tage Israel und drei Abende als Glenn-Beck-Kulisse den Sonderpreis von 4999 Dollar bezahlt. Es hat sich gelohnt. Sie jubeln euphorisch. Schwenken Israel-Flaggen. Buhen an den richtigen Stellen. Klagen nicht über die Sonne. Sie sind schließlich bei etwas ganz Großem dabei: der "Erneuerung des Mutes". Eine Art Tea Party, nur eben nicht in Texas oder Virginia, sondern da, wo richtig was los ist. Im Nahen Osten.

Dieser Abend ist der Höhepunkt der Tour. Es gibt Musik, das Publikum wird gesegnet, sogar der Brief eines friedlichen Araber-Scheichs aus Hebron wird verlesen. Dann werden die "Helden des Mutes" ausgezeichnet: die überlebenden Kinder der Siedlerfamilie Fogel, die von Palästinensern ermordet wurde. Durchhaltewille! Die Besitzer eines in die Luft gejagten Restaurants. Widerstand! Und der israelische Millionär Rami Levi, weil er einen Supermarkt eröffnet hat, wo Israelis und Palästinenser gemeinsam einkaufen gehen. Koexistenz!

"Den ultimativen Preis zahlen"

Fast wie Martin Luther King und Mutter Teresa, auch die hat Beck als Vorbilder genannt. Nur dass man noch hinzufügen könnte, dass in Rami Levis gepriesenem Supermarkt gerade ein arabischer Packer gefeuert wurde, weil er eine Affäre mit einer jüdischen Kassiererin hatte. Aber Details lenken nur ab vom großen Ziel: Glenn Becks neuer Bewegung.

"Ich bitte euch heute, mir zu folgen", sagt Glenn Beck. Seine Stimme bricht, er weint jetzt. "Ich schlage euch heute einen neuen Weg vor. Einen Weg, bestimmt von euch. Einen Weg, bestimmt von Individuen." Keine Politiker mehr! Keine Präsidenten! Keine Kommissionen! Nur noch die ewige Weisheit Gottes. "Ich habe Vertrauen, dass ihr euch zusammenschließt, mutig aushaltet und der Feuersäule folgt."

Die Feuersäule hat die Juden einst aus Ägypten ins Gelobte Land geführt. Wohin sie jetzt führen soll, bleibt etwas unklar. Es hat mit Israel zu tun und mit der Verbundenheit, die evangelikale Christen mit diesem Staat empfinden. Ein Staat, der zwar nicht perfekt sei; welcher Staat sei schon perfekt? "Aber sie strengen sich an!" Und sie haben Mut! "In Israel gibt es auf einer Quadratmeile mehr Mut als in ganz Europa. In Israel hat ein Soldat mehr Mut als alle kaltherzigen Bürokraten der Vereinten Nationen zusammen."

Das hören die Israelis im Publikum gern, sie haben ja derzeit nicht so viele Freunde in der Welt, die Israel kritiklos unterstützen. Denn die Logik der Evangelikalen und Glenn-Beck-Fans geht so: Wer auf Israels Seite steht, der verhindert die Zweistaatenlösung. Die ist gefährlich, weil sie auch Jerusalem teilen würde und Jesus dann nicht wiederkehren könnte. Und ohne Jesus kein Tausendjähriges Reich, wie es die Offenbarung des Johannes voraussagt.

Sind auf den Straßen in Kairo nicht bereits Hakenkreuze zu sehen?, fragt Beck. Haben die Demonstranten dort nicht auf ihre Schilder geschrieben: "Wir bauen die Gaskammern wieder auf"? Steht nicht ein neuer Holocaust bevor? Nur Apostel Glenn und seine Schar stemmen sich dem Bösen entgegen. "Viele von uns werden auf dem Weg fallen. Manche werden ihre Ehre verlieren, ihr Unternehmen und ihre Karriere. Und andere werden den ultimativen Preis zahlen", ruft Beck.

Dann geht die Sonne am Tempelberg unter, und Glenns Gotteskrieger machen sich hastig davon. Sie wollen weg sein bis 19.16 Uhr. Dann ruft der Muezzin.

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