US-Game-Show "Buttaface" Des Fernsehens hässlichste Fratze

Eine Game-Show, die alle Regeln auf den Kopf stellt: Live aus Las Vegas moderiert Medienprovokateur Howard Stern den "Buttaface Contest". Nur wer ein hässliches Gesicht hat, kann teilnehmen und gewinnen. Es sei denn, er sitzt in der Jury und besäuft sich.

Von Henryk M. Broder


"Buttaface"-Teilnehmerin: Die hässliche Seite des Fernsehens
Alex Gorski

"Buttaface"-Teilnehmerin: Die hässliche Seite des Fernsehens

Ein deutsches Touristenpaar vor einem Starbucks-Café am Dupont Circle in Washington. Sagt die Frau: "Nicht zu fassen. Starbucks in Amerika!" Sagt der Mann: "Die Amis machen uns eben alles nach." Vor allem im Fernsehen. Die amerikanische Ausgabe von "Deutschland sucht den Superstar!" heißt "American Idol". "Big Boss" mit Reiner Calmund wird mit Donald Trump in der Serie "The Apprentice" nachgespielt. Und Barbara Salesch war natürlich das "role model" für "Judge Judy".

Schön hässlich und gemein

Scherz beiseite: Es gibt nur wenige amerikanische Formate, die nicht übernommen und für den deutschen Geschmack adaptiert worden sind. Zum Beispiel der "Buttaface Contest", frei übersetzt: Arschgesicht-Wettbewerb, mit Howard Stern ("Private Parts") als Chef einer siebenköpfigen Jury. Stern hat als Radiomoderator so lange den Kotzbrocken gespielt, bis er mit seiner Rolle eins wurde. Jetzt sitzt er im Hard Rock Hotel and Casino in Las Vegas und lässt für den US-Sender "E!TV" die Puppen tanzen.

Fotostrecke

9  Bilder
US-Gameshow mit Howard Stern: Ganz schön fies

Debbie aus Florida ist immerhin schon 49, aber sie bewegt sich wie Heidi Klum, hat Beine wie Naomi Campbell und Brüste, mit denen sie auch Russ Meyer aufgefallen wäre. Seltsam ist nur, dass sie auf dem Kopf eine Papiertüte trägt, mit Löchern für die Augen und den Mund. "Nimm die Tüte ab!", sagt Stern, und Debbie gehorcht. Das Publikum johlt, die Juroren tun so, als müssten sie sich übergeben.

Denn Debbie ist ein "Buttaface" (von "but her face"): Sie hat einen tollen Körper, nur beim Antlitz war Gott ein wenig gemein. Trotzdem sieht sie nicht schlechter aus, als die Jungs an der Seite von Howard - Gary, Rob, Ralph, Artie und Fred -, die schon ziemlich angeschickert sind und dementsprechend die Sau rauslassen. "Ich mag nicht hinschauen!", schreit einer. "Das tut weh!", ruft ein anderer.

Als nächste tritt Michelle auf, 33, und Mutter zweier Kinder. Sie hat ihre Unschuld mit 17 verloren. Abgesehen von einer Operationsnarbe am Bauch könnte sie mit jedem Profi-Modell mithalten. Wenn nur das Gesicht nicht wäre. "Sie sieht aus, als sei sie von Jack the Ripper überfallen worden!", ruft Rob und gibt ihr zehn Punkte, die Höchstzahl.

Schön gemein: Das "Buttaface"-Publikum in Rage
Alex Gorski

Schön gemein: Das "Buttaface"-Publikum in Rage

Selbst Robin, Sterns langjährige Assistentin und einzige Frau in der Jury, zeigt kein Mitgefühl und macht sich über Michelles Gesicht lustig. Und so geht es weiter. Nicole, eine schwarze Beauty vom Hals abwärts. Penny, eine Barfrau aus Phoenix. "Wie bist du hierher geraten?", fragt Howard Stern. "Mein Freund wollte, dass ich mich bewerbe", antwortet Penny.

Auch Sherry, 35, wurde von ihrem Freund zum Mitmachen animiert. Denn es geht nicht nur um die Ehre, die Gewinnerin bekommt 25.000 Dollar als Prämie. Als Letzte tritt Leslie an. Preisrichter Artie kann inzwischen nur noch lallen. Obwohl selbst nicht unbedingt ein Typ wie Richard Gere, ist er auch sturzbetrunken noch in der Lage, andere hässlich zu finden.

TV als Lebenshilfe

Dann wird bilanziert. Michelle hat 68 von 70 möglichen Punkten bekommen. "Ich bin so glücklich!", stammelt sie. Wahrscheinlich ist sie es wirklich. Ein "Buttaface" mit Schärpe, Krone und einem Scheck über 25.000 Dollar. "Was machst du mit dem Geld?", fragt Robin, "wirst du es einsetzen, um dein Gesicht zu reparieren?" - "Gib dir keine Mühe!", schreit Gary, "es wird nichts nutzen!"

Zum Schluss macht Howard Stern ein Gesicht, als würde er die ganze Vorstellung selber widerlich finden, auch wenn die Millionen Hörer, die die Show auf insgesamt 35 Radiostationen landesweit mitverfolgen, dies nicht sehen können. Der Mann ist ja nicht blöd und außerdem lange genug im Geschäft, um zu wissen, dass es immer Leute geben wird, die sich sogar öffentlich hinrichten lassen würden, nur um einmal ins Fernsehen zu kommen. Denn wo das Leben aufhört, da fängt die Mattscheibe an.

Kandidatin bei der Vorstellung: Missachtung als Stilprinzip
Alex Gorski

Kandidatin bei der Vorstellung: Missachtung als Stilprinzip

Fernsehen ist die Fortsetzung des Lebens mit anderen Mitteln. Eltern, die mit ihren Kindern nicht klar kommen, gehen nicht zum Arzt oder Erziehungsberater, sie rufen beim Fernsehen an und lassen sich eine Nanny ins Haus schicken. Jeder Soziopath, der mit dem Leben nicht fertig wird, bekommt vom Medium eine Chance, manchmal sogar eine eigene Show.

"Buttaface" schreit danach, eingedeutscht zu werden. Es gibt genug arbeitslose Moderatoren, von Arabella über Koschwitz bis Schreinemakers, die schon ähnlich gruselige Shows moderiert haben. "Zeig dein Arschgesicht!" wäre ein guter Titel. Nicht zu anspruchsvoll, aber auch nicht zu bescheiden. Genau richtig für Leute, die bei "Big Brother" nicht angenommen wurden.

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.