US-Kunststar Mark Morrisroe: Punk, Romantik, zerwühlte Laken

Von Karin Schulze

Er gab sich als Sohn eines Serienmörders aus, posierte in Frauenkleidern und fotografierte den schwul-hedonistischen Lebensstil der US-Undergroundkultur. Über zwei Jahrzehnte nach seinem Tod sind die Bilder Mark Morrisroes begehrte Kunstobjekte. Jetzt zeigt eine Ausstellung sein Werk.

Die letzte seiner Ausstellungen, die Mark Morrisroe erlebt hat, muss auf das Publikum gespenstisch gewirkt haben. Die meisten der 1988 in der New Yorker Galerie Pat Hearn gezeigten Fotoarbeiten waren in Spitälern entstanden. In den Nasszellen seiner Krankenzimmer hatte der Künstler sich improvisierte Fotolabore eingerichtet.

An den Wänden der Galerie hingen die Fotogramme, die er aus Stofffetzen und Ausschnitten aus Zeitschriften oder Pornomagazinen fabriziert hatte, und die Röntgenaufnahmen seiner Lunge und seiner Zähne, die er durch farbige Übermalungen in abstrakte Gemälde verwandelte.

Am unheimlichsten aber waren die in Bronze gegossenen Objekte: Als würde sich Morrisroe jetzt, da er von Aids schon schwer gezeichnet war, ein Denkmal setzen. Ein Paar Schuhe, deren ungleich abgetretene Sohlen von seinem Hinken herrührten. Dazu die Nachbildung eines Projektils, das dicht an seiner Wirbelsäule feststeckte - als er sich, noch minderjährig, seinen Unterhalt auf dem Strich verdiente, hatte ihn ein Freier angeschossen.

Als Morrisroe ein Jahr nach seiner letzten Ausstellung starb, hinterließ er fast 2000 Fotoarbeiten. Die Bilder, nicht die eigentümlichen Bronzeobjekte, sind es, die mittlerweile zu seinem Ruf beitragen, einer der herausragenden Künstler der Boston School of Photography zu sein, zu der auch Nan Goldin oder David Armstrong zählen. Die erste Ausstellung nach der Inventarisierung und wissenschaftlichen Auswertung seines Nachlasses, der jetzt dem Schweizer Verleger und Kunstsammler Michael Ringier gehört, ist nun ab Donnerstag in der Münchner Villa Stuck zu sehen.

Nackt, in der Badewanne

Schon als Schüler hat der 1959 geborene Morrisroe ein Magazins namens "Dirt" herausgegeben; schlecht kopierte Fotos, krakelige Schrift, grausig zusammenphantasierte Enthüllungsstorys. Morrisroe wollte sich mit seiner Promi-Postillen-Parodie ein Entree zu der Welt zu verschaffen, von der er träumte. Der Türsteher eines Bostoner Musikclubs, mit dem seine Mutter zeitweise liiert war, hatte den Heranwachsenden früh zu Konzerten und Ausstellungen mitgenommen. So hatte Morrisroe, als er mit 16 zu Hause auszog, bereits eine Vorstellung von der Underground- und Kunstszene, in der er leben wollte.

Als Stricher finanzierte er sich eine eigene Wohnung und den Highschool-Abschluss. Und als die weitgehend auskurierte Schussverletzung es zuließ, studierte er an der Bostoner School of the Museum of Fine Arts. Nun war er wirklich Teil der Underground-Szene. Er tauchte ein in die Subkultur von Kunststudenten, Tänzern und Punkbands. Wenn sie ausgingen, trugen er und einige seiner Freunde oft Frauenkleidung. Mark trat dann unter dem Namen Sweet Raspberry auf. Und zusammen mit einem Freund performte er als Drag-Duo The Clam Twins Songs von Connie Francis.

Morrisroe fotografierte sich, seine Freunde und Geliebten: in drag, nackt, in der Badewanne, auf zerwühlten Laken. Meist junge Männer, aber auch einige junge Frauen, alle sehr schlank, viele androgyn. Fast immer lichtete er sie in ihren ärmlichen Wohnungen ab. Auch wenn Stimmung und Outfit ahnen lassen, dass sie vermutlich gleich ausschwärmen werden in die Bars und Clubs der Stadt. Oft stachelte er seine Modelle zu exzentrischeren Posen und kühneren Entwürfen ihrer selbst an.

Sohn eines berüchtigten Serienmörders

Schnell entwickelte Morrisroe Verfahren, mit denen er die Brüche und Narben seiner Modelle - ihre zerbrechliche Existenz zwischen Alkohol, Drogen und einem wilden Sexualleben - in seinen Arbeiten aufgriff: Er beschriftete die Ränder der Fotografien und Polaroids, markierte sie mit graffiti-ähnlichen Tags, zerkratzte die Oberflächen, kolorierte und retuschierte sie, nutzte grelle Lichteffekte.

Anfang der achtziger Jahre entdeckte Morrisroe ein Sandwich-Fotoverfahren für sich: Er kopierte Farbnegative auf Schwarzweißfilme, legte beide Negative übereinander und belichtete das Fotopapier durch sie hindurch. Das ergab malerische, an die Fotografie des 19. Jahrhunderts erinnernde Effekte. Oft schienen sich die gezeigten Personen und Gegenstände mitsamt ihren Umgebungen in einer samtig-feinkörnigen Substanz aufzulösen.

Auch die Konturen seiner eigenen Existenz verwischte Morrisroe. Immer wieder erzählte er erfundene Geschichten über sich, gab sich gar als der uneheliche Sohn eines als Boston Strangler berüchtigten Serienmörders aus. Aus einer möglichst verruchten Existenz heraus versuchte Morrisroe eine Schönheit am Rande des Hässlichen zu beschwören, die an Baudelaires "Blumen des Bösen" denken lässt und dabei die Ideale von Punk mit einer romantisierenden Ästhetik verbindet. Die fragile Eleganz seiner Fotos scheint auch ein Ergebnis davon zu sein.

Mitte der achtziger Jahre zog Morrisroe nach New York. Wenig später erfuhr er von seiner HIV-Infektion. Die Ausstellung in der Galerie Pat Hearn war für ihn schon eine Art Abschiedsveranstaltung. 1989 starb er.


Villa Stuck, München. 1. März bis 28. Mai, 2012, www.villastuck.de

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insgesamt 4 Beiträge
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1. ....
fiutare 01.03.2012
Selbstzerstörerische pure Ästhetik, schmutzig, authentisch, eitel, erotisch. Irgendwie sinnlos und doch auf den eigentlichen Sinn des Lebens reduziert: Sex Drugs and Rock'n'Roll. Die Alternative ist Angepasstheit und ständige Kompromisse. Ich glaube nicht, dass er glücklich war. Ich bin es eigentlich auch nicht.
2. Filosofie
muhammaned 01.03.2012
Zitat von fiutareSelbstzerstörerische pure Ästhetik, schmutzig, authentisch, eitel, erotisch. Irgendwie sinnlos und doch auf den eigentlichen Sinn des Lebens reduziert: Sex Drugs and Rock'n'Roll. Die Alternative ist Angepasstheit und ständige Kompromisse. Ich glaube nicht, dass er glücklich war. Ich bin es eigentlich auch nicht.
kurz und knapp auf den Punkt gebracht!
3. talkin`bout some evolution, we_ll - you know
grashalma 02.03.2012
Zitat von muhammanedkurz und knapp auf den Punkt gebracht!
die Welt ist eben kein Selbstbedienungsladen
4. Fragen Sie Mönche
favela lynch 02.03.2012
Zitat von fiutareSelbstzerstörerische pure Ästhetik, schmutzig, authentisch, eitel, erotisch. Irgendwie sinnlos und doch auf den eigentlichen Sinn des Lebens reduziert: Sex Drugs and Rock'n'Roll. Die Alternative ist Angepasstheit und ständige Kompromisse. Ich glaube nicht, dass er glücklich war. Ich bin es eigentlich auch nicht.
Es ist tatsächlich die Sehnsucht nach Schönheit, die sich nur in Annäherungen, im fortlaufenden Opfer, stillen lässt. Es ist das Gegenteil vom Arrangement im Mediokren. Dazu braucht es nicht zwangsläufig Sex & Drugs & Rock 'n' Roll. Es gibt auch noch andere Formen der Zerstörung oder, sollen wir sagen, Erhebung. Fragen Sie Mönche.
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