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US-Medien: CBS kippt Filmprojekt über Jessica Lynch

Ein amerikanischer Fernsehgigant weniger im Tauziehen um die Geschichte der aus dem Irak geretteten Jessica Lynch: Nach einem plötzlichen Sinneswandel will CBS die umstrittene Befreiung der Soldatin aus einem irakischen Krankenhaus nun doch nicht in einen Spielfilm verwandeln.

Lynch nach ihrer Befreiung aus dem Krankenhaus: Alles nur Show?
AP

Lynch nach ihrer Befreiung aus dem Krankenhaus: Alles nur Show?

New York - Man sei bei der vorschnellen Ankündigung eines Spielfilms wohl "über das Ziel hinaus geschossen", sagte CBS-Geschäftsführer Leslie Moonves am Sonntag. Nach der öffentlichkeitswirksamen Rettung der 20-jährigen US-Soldatin Jessica Lynch aus einem irakischen Krankenhaus hatte der Sender deren Familie in West Virginia einen langen Brief geschrieben. Darin bot CBS an, eine zweistündige Dokumentation über den Fall Lynch zu drehen - nach den Rechten für einen Unterhaltungs-Fernsehfilm wurde auch gleich gefragt. Letzteres "wäre höchste Priorität für die CBS Kinoabteilung", hieß es in dem Schriftstück. Darüber hinaus hatte CBS Spezialsendungen bei MTV geplant - der Musiksender gehört ebenso wie CBS Tochterunternehmen des Mediengiganten Viacom - und einen Vertrag über Lynchs Memoiren vorgeschlagen.

Am Dienstag wird die Soldatin in Washington aus dem Krankenhaus entlassen. Pünktlich zur Genesung sieht man bei CBS ein, dass der Plan, viele Fliegen mit einer Klappe schlagen zu wollen, unklug gewesen ist. "Vielleicht ging das Angebot zu weit", sagte Moonves gegenüber der BBC. Deshalb nahm CBS nun von seinem Spielfilmvorhaben Abstand. Die Reviere zweier Abteilungen des Senders, CBS News und CBS Entertainment, hätten sich in diesem Fall überschnitten. Das Filmangebot sei despektierlich gegenüber dem Hausrecht der Nachrichtenredaktion gewesen, erklärte Moonves. Solche Situationen seien bei Unternehmen mit vielen Konglomeraten jedoch kaum zu vermeiden.

Videoaufnahme der Befreiungsaktion: "Wie in Hollywood"
AP

Videoaufnahme der Befreiungsaktion: "Wie in Hollywood"

Fernsehkonkurrent NBC hält dagegen weiter an seinem Plan einer Lynch-Verfilmung fest. Im August will der Sender mit den Dreharbeiten beginnen - obwohl die Soldatin bislang noch nicht eingewilligt hat.

Jessica Lynch war im März nahe der Stadt Nasirija mit ihren Kameraden in einen Schusswechsel geraten, bei dem neun Soldaten ums Leben kamen. Lynch wurde in ein irakisches Krankenhaus gebracht, aus dem sie acht Tage später von US-Soldaten in einer angeblich heroischen Mission befreit wurde. Von dem Sturm auf das Krankenhaus existiert eine Videoaufnahme.

Die BBC hatte das Pentagon damals beschuldigt, die Rettung Lynchs nur zu Propagandazwecken inszeniert zu haben. Die Aktion sei "eines der überwältigendsten Beispiele von Nachrichten-Management, das jemals erdacht wurde". Auch Lynchs irakischer Arzt bestätigte diese Vorwürfe: "Es war wie in einem Hollywoodfilm", beschrieb Anmar Uday den Krankenhaussturm der US-Truppen. "Sie brüllten 'go, go, go' und hatten Waffen und ungeladene Attrappen dabei. Sie haben eine Show veranstaltet." Regierungssprecher Bryan Whitman hatte diese Vorwürfe jedoch als "absolut lächerlich" zurückgewiesen.

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