Medien vs. Trump Das Plärren der Lämmer

Eine US-Zeitung nach der anderen spricht sich für Hillary Clinton aus. Donald Trump hat bisher keine einzige Wahlempfehlung bekommen. In den Endorsements zeigt sich das schlechte Gewissen einer Branche, die Trumps Aufstieg mitverschuldet hat.

Donald Trump
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Ein Kommentar von , New York


Die "New York Times". Die "Washington Post". Die "Los Angeles Times" . Der "San Francisco Chronicle". Die "USA Today". Der "Atlantic".

Fast jeden Tag spricht sich eine US-Zeitung für die demokratische Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton aus. Oder zumindest, so man sich nicht vollends für Clinton erwärmen mag, gegen den Republikaner Donald Trump.

Zwei Dutzend dieser redaktionellen Wahlempfehlungen (Endorsements), wie sie in den USA eine so kuriose Tradition haben, hat Clinton schon ergattert. Fünf weitere gingen - Spaß muss sein - an die Witzfigur Gary Johnson, den libertären Kandidaten, der weder wusste, wo Aleppo liegt, noch einen einzigen ausländischen Staatschef benennen konnte. Zwei Blätter unterstützten "egal wen, nur nicht Trump" - darunter die "USA Today", die lange größte Mainstreamzeitung Amerikas war und sich erstmals aus ihrer bemüht unpolitischen Deckung herauswagte.

Trump, der egomanische, frauenfeindliche, fremdenfeindliche, desinformierte, desinteressierte Interim-Führer der altehrwürdigen Republican Party, bekam: 0.

Das Vokabular, mit dem sie ihn garnieren, ist beispiellos für den ach so respektablen US-Pressebetrieb: "untauglich", "leichtsinnig", "unberechenbar", "abstoßend sexistisch", "gefährlich", "Feind der Tatsachen", "Serienlügner", "Demagoge", "unqualifiziertester Kandidat". Das Magazin "Atlantic" - das seine heilige Unparteilichkeit zuvor nur zweimal ausgesetzt hatte, für Abraham Lincoln und Lyndon Johnson - trat nach: "Er scheint nicht zu lesen."

Too little, too late

Klingt doch gut, oder? Die Vernunft siegt. Nicht ganz Amerika spinnt. Trumps Tiradenritt durch die Trümmer der Demokratie lässt sich doch noch aufhalten. Und wenn nicht, kann man wenigstens sagen, dass man dagegen gewesen ist.

Zumal diesmal ja nicht nur die üblichen Verdächtigen die Alarmglocke schlagen, also die progressiven, moderaten, aufgeklärten Postillen. Diesmal steigen auch konservative Publikationen auf die Barrikaden. Das begann mit dem "Weekly Standard", einer Institution, dessen Chefredakteur William Kristol, auch so eine Institution, schon früh zum rechten Aufstand gegen Trump blies.

Dem folgten zahllose Regionalzeitungen weitab der sündigen Medienmetropolen im Nordosten, etwa die"Arizona Republic", der "Cincinnati Enquirer", die "San Diego Union-Tribune" - sowie fast die gesamte texanische Presse-Prärie: "Houston Chronicle", "Dallas Morning News", "San Antonio Express-News","Corpus Christi Caller-Times" , "El Paso Times". Die meisten haben sich, in alter Wild-West-Manier, nie zuvor in ihrer Geschichte gegen einen Republikaner gewandt.

Außer jetzt. Das lässt hoffen, oder? Die konservative Notbremse: Endlich bedeuten diese Unterstützungserklärungen wieder was, nachdem sie, dank schwindender Auflagen und eines noch schneller schwindenden Journalistenansehens, zuletzt kaum mehr die nicht-digitale Plattform wert waren, auf der sie gedruckt standen.

Wie schnell man vergisst. Tragen doch gerade die US-Medien beträchtliche Mitschuld am unseligen Aufstieg Trumps. Seit den Achtzigerjahren, als er nicht viel mehr war als ein aufgeföhnter Möchtegern aus Queens, haben sie ihn hofiert und gehypt, als Schlagzeilen- und Auflagengarant. Trump ist ein Geschöpf der Medien, besser: ihre Missgeburt. Nun sehen sie sich zu schmerzhafter Introspektion gezwungen wie die ratlosen Eltern eines Amokläufers.

Das schlechte Gewissen pocht durch ihre Bloß-nicht-Trump-Beschwörungen. Diese sind berechtigt und zutreffend - doch reiner Hohn nach all der Hochachtung, die sie Trump mal entgegenbrachten, bevor sie ihn dann als Clown unterschätzten, bis es zu spät war. Es ist das plötzliche Plärren der Lämmer, die allzu lange geschwiegen haben, um den Wolf noch aufhalten zu können. Too little, too late.

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insgesamt 41 Beiträge
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Seite 1
1bc 07.10.2016
1. das haben Sie nicht so ganz richtig gesehen,
Herr Pitzke. Die meisten hier, die mit Vernunft gesegnet sind, haben einfach nur noch Angst.... so à la welcher Zauberlehrling ist da gerufen worden...
schweizerbesserwisser 07.10.2016
2. Möglichkeit
Eine mögliche Erklärung Es gibt da auch die Perspektive wonach der Grossteil des US-Medienbetriebes linkslastig ist und auf diese Weise einen seriösen Gegenkandidaten zu Frau Clinton verhindert (und nebenbei noch die eigenen Auflagen erhöht) hat Gruss aus Zürich
steinbock8 07.10.2016
3. die macht der presse
solange die Republikaner hinter Trump gestanden haben war auch die Presse für Trump die Presse gleich republikanische Inhaber wollte keine wichtigen anzeigekunden verlieren erst seitdem die Republikaner gemerkt haben wessen Geistes Kind Herr Trump ist und ihn zum großen Teil loswerden wollen haben sich die Journalisten auf die andere Seite geschlagen
jujo 07.10.2016
4. ...
Zitat von schweizerbesserwisserEine mögliche Erklärung Es gibt da auch die Perspektive wonach der Grossteil des US-Medienbetriebes linkslastig ist und auf diese Weise einen seriösen Gegenkandidaten zu Frau Clinton verhindert (und nebenbei noch die eigenen Auflagen erhöht) hat Gruss aus Zürich
Im Artikel steht doch, das eindeutig alle(!) konservativen Blätter sich gegen Trump oder nicht für ihn aussprechen. Spät aber noch nicht zu spät.
ace.of.spades 07.10.2016
5. Wie das denn?
Zitat von schweizerbesserwisserEine mögliche Erklärung Es gibt da auch die Perspektive wonach der Grossteil des US-Medienbetriebes linkslastig ist und auf diese Weise einen seriösen Gegenkandidaten zu Frau Clinton verhindert (und nebenbei noch die eigenen Auflagen erhöht) hat Gruss aus Zürich
Um den Großteil der US-Medien als linkslastig zu verorten, muss man sich schon in der äußersten und absolut extrem rechten Ecke befinden.
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