US-Moderatoren-Legende Walter Cronkite ist tot

Vietnam, Kennedy-Attentat, Mondlandung, Watergate: Walter Cronkite berichtete über die größten Tragödien und Triumphe der jüngeren US-Geschichte und prägte die modernen TV-Nachrichten wie kaum ein anderer. Jetzt ist der legendäre Moderator im Alter von 92 Jahren gestorben.

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Als "amerikanische Institution", als Ikone und als Pionier, der die Rolle des Nachrichtensprechers zu einer journalistischen Kunst entwickelte, würdigten ihn Politiker und Kollegen - und sie haben damit nicht übertrieben. Walter Cronkite war einer der ganz Großen des Nachrichtengeschäfts, für ihn wurde der Begriff des Anchorman geprägt.

Sein Journalistenleben begann der so respektierte wie beliebte TV-Moderator mit der großen Katastrophe des 20. Jahrhunderts: Als Korrespondent der Nachrichtenagentur United Press (später als United Press International - UPI bekannt) während des Zweiten Weltkriegs. Als einer der ersten Reporter berichtete er über den Krieg in Europa, hautnah vor Ort, inmitten der amerikanischen Streitkräfte.

Der US-Bevölkerung wuchs er jedoch als Moderator der "CBS Evening News" ans Herz, der Abendnachrichten des Senders.

Von 1962 bis 1981 war er in diesem Job ein populärer Gast in Amerikas Wohnzimmern, bekannt für seinen maßvollen, ruhigen Ton, der ihm den Spitznamen "Onkel Walter" eintrug. Und zudem den inoffiziellen Titel des Mannes, "dem in Amerika am meisten vertraut wird"; zwei Umfragen hatten danach gefragt, bei einer trat er gegen führende Politiker an - und landete weit vor ihnen.

So nett und onkelig, wie ihn die Zuschauer wahrnahmen, war Cronkite allerdings im beruflichen Alltag nicht unbedingt. Seine Ausdauer im Job bescherte ihm, gepaart mit seiner fordernden Art, unter Kollegen den fast unübersetzbar hübschen Beinamen "Old Ironpants" ("Alte Eisenhose").

Doch trotz aller professionellen Härte: Cronkite konnte durchaus Gefühle zeigen. So am 22. November 1963, dem Tag als Präsident John F. Kennedy erschossen wurde. CBS unterbrach damals eine Live-Übertragung der Soap Opera "As the World Turns", Cronkite musste die erschütternde Todesnachricht aus Dallas verlesen. Er nahm seine Brille ab - und kämpfte mit den Tränen. Vielleicht war das, trotz all der Kriegsgreuel, die er als junger Mann auf den Schlachtfeldern Europas gesehen haben muss, der emotionale Tiefpunkt seiner Karriere.

Und vielleicht war der Augenblick, als Neil Armstrong am 21. Juli 1969 als erster Menschen den Mond betrat, der emotionale Höhepunkt. "Schauen Sie sich diese Bilder an, Wow!", rief der Nachrichtenmann begeistert aus, der schon zuvor das Wettrennen zum Mond nie so ganz neutral und nüchtern begleitet hatte.

Ein reiner Nachrichtenverleser war Cronkite also nie - und wenn er sich im politischen Geschäft auf eine Seite schlug, war sein Einfluss eminent; etwa während des Vietnamkriegs. Nach der Tet-Offensive im Jahr 1968 besuchte der Moderator das Land und brachte einen als "spekulativ und persönlich" gekennzeichneten Beitrag zurück, in dem er sich für Verhandlungen über den Rückzug der US-Truppen aus dem Land einsetzte. Die USA, befand Cronkite, hätten sich in ein Patt verstrickt.

"Stimme der Sicherheit in einer unsicheren Welt"

Nach der Ausstrahlung soll Präsident Lyndon B. Johnson gesagt haben: "Wenn ich Cronkite verloren habe, dann habe ich die amerikanische Mittelklasse verloren." Viele Beobachter werten Cronkites Einlassung heute denn auch als Wende in der öffentlichen Meinung zum Vietnam-Krieg. Im Herbst 1972 sorgte Cronkite dann mit zwei längeren Fernsehberichten dafür, dass die ersten Enthüllungen zum Watergate-Skandal der "Washington Post" zum nationalen Thema wurden.

Präsident Barack Obama nannte Cronkite "eine Stimme der Sicherheit in einer unsicheren Welt". Das mag zum einen gemünzt sein auf die Zeit des Kalten Krieges, die Cronkite ja wesentlich begleitet hatte.

Zum anderen sind Obamas Worte aber auch eine Reminiszenz an eine vergangene Ära des Journalismus. Cronkite war der Top-Moderator in einer Zeit, als es weder 24-Stunden-Nachrichtenkanäle noch das Internet gab, die heute die Aufmerksamkeit des Publikums so streuen. Wenn "Onkel Walter" allabendlich berichtete, was sich auf der Welt zugetragen hatte, versammelte sich noch die halbe Nation vor dem Fernseher.

Rund 18 Millionen Haushalte schalteten da regelmäßig zu, und doppelt so viele waren es, als der große Mann des amerikanischen TV-Journalismus am 6. März 1981 ein letztes Mal auftrat. Als sein Nachfolger, der auch nicht gerade unpopuläre Dan Rather, im Jahr 2005 abtrat, wollten das nur noch zehn Millionen sehen.

Walter Cronkite starb am Freitag im Alter von 92 Jahren in seiner Wohnung in Manhattan, New York, im Kreise seiner Familie - drei Tage bevor sich die Mondlandung zum 40. Mal jährt, die ihm solches Glück beschert hatte.

Mit Material von AP und dpa



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