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US-Serie "Heroes": X-Men für die Postmoderne

Von Nina Rehfeld

Menschen mit paranormalen Fähigkeiten müssen eine Nuklear-Explosion in New York verhindern: "Heroes" ist eine der besten neuen Serien der amerikanischen TV-Saison. Mit Hilfe interaktiver Comics und Internet-Communitys sollen die Fernseh-Superhelden schnell zu Kultfiguren werden.

Es ist schon mehr als 40 Jahre her, dass die Comic-Autoren Stan Lee und Jack Kirby dem Superhelden-Genre einen neuen Kniff hinzufügten. Ihre "X-Men" waren weder außerirdischer Provenienz noch Opfer bizarrer Unfälle oder Traumata geworden, die Superkräfte in ihnen freisetzten, sie waren sonderbar Begünstigte der Evolution, "Mutanten", deren genetische Ausrüstung die des Durchschnittsbürgers bei weitem übertraf.

TV-Serie "Heroes": Viel unheilschwangere Atmosphäre

TV-Serie "Heroes": Viel unheilschwangere Atmosphäre

Für die soeben begonnene Herbstsaison des US-Senders NBC erfand nun Tim Kring, der zuvor für Serien wie "Knight Rider" und "Chicago Hope" geschrieben hatte, eine neue, postmoderne Generation der "X-Men": ein Häuflein ganz normaler Leute aus verschiedenen Teilen der Erde, die nach und nach und mit einigem Unbehagen seltsame Fähigkeiten an sich entdecken. Superhelden? Nein, nicht einmal Helden, sondern nur ganz normale Gestrandete der modernen Überforderungs-Gesellschaft, die die Evolution zu Trägern eines genetischen Quantensprungs auserkoren hat. So zumindest lautet in der Serie die Theorie des indischen Molekularbiologen Chandra Suresh, dessen plötzlicher Tod seinen Sohn Mohinder (Sendhil Ramamurthy) veranlasst, die Forschungen des Vaters genauer unter die Lupe zu nehmen.

"Heroes", so der Titel der mit viel Kritikerlob gestarteten Serie, wirkt wie die M.-Night Shyamalan-Version der "X-Men": Es gibt drastische Motive (darunter ein aufgesägter Schädel und verschiedene scheußlich zugerichtete Leichen), eine Werbeclip-Optik mit dunkel-satten Farben - und viel unheilschwangere Atmosphäre.

Das Personal wurde offensichtlich nach dem Vorbild der Erfolgsserie "Lost" zusammengewürfelt: Der junge Gutmensch Peter (Milo Ventimiglia), der als Krankenpfleger arbeitet, träumt so intensiv davon, fliegen zu können, dass er bald zaudernd auf dem Rand eines Hochhausdaches balanciert – keine allzu brillante Idee angesichts einer Suizid-Historie in seiner Familie.

Die knuffige blonde Cheerleaderin Claire (Hayden Pannetiere) stürzt sich vor der DV-Kamera ihres Kumpels von Brücken und in brennende Häuser, um eine merkwürdige Fähigkeit zur Schnellheilung zu dokumentieren – an der auch ihr Adoptiv-Vater ein mysteriöses Interesse hat. Den Heroin-Junkie Isaac (Santiago Cabrera) quält außer dem letzten abgebrochenen Entzug die Ahnung, dass seine apokalyptischen Bilder Vorwegnahmen zukünftiger Katastrophen sind.

Die junge Mutter Nikki (Ali Larter) hat sich, um ihrem außergewöhnlich intelligenten Sohn Micah eine angemessene Schule zu ermöglichen, mit Internet-Strips und Mafia-Schulden verhoben und traut plötzlich ihrem eigenen Spiegelbild nicht mehr. Und der naive "Star Trek"-Fan Hiro (Masi Oka), der vom Ausbruch aus seinem Dasein als japanische Arbeitsbiene träumt, schafft es auf einmal, das Raum-Zeit-Kontinuum zu manipulieren. Begleitet von Ausbrüchen kindlicher Ekstase teleportiert er sich von Tokio nach New York, entdeckt dort an einem Zeitungskiosk ein Comic über sich selbst, wird verhaftet und Zeuge einer atomaren Explosion. Sekundenbruchteile später steht er erneut in Tokio, fünf Wochen in der Vergangenheit. Wie, so formuliert sich die Leitfrage der Serie am Ende der zweiten "Heroes"-Episode, werden es die unfreiwilligen Helden schaffen, den Lauf der Dinge mit Hilfe ihrer merkwürdigen Kräfte zu verändern?

Es ist vor allem dieser schräge Mix von Charakteren und deren Verwurzelung in mehr oder weniger alltäglichen Lebenslagen, die "Heroes" sehenswert macht, weil sie das überexponierte (und oft überkandidelte) Superhelden-Genre zum bloßen Puzzleteil einer couragierten Format-Verschachtelung machen: Comedy trifft Tragödie trifft Krimi trifft Drama trifft Desaster, wie bisweilen im echten Großstadtleben. Getragen aber wird die Serie vom Charme Masi Okas, der als Hiro den Narr des Ensembles gibt – der wunderlich ekstatische japanische Tourist, dessen Begeisterung für die amerikanische Popkultur Zeit und Raum zu versetzen mag. "Super-Hiro, was?", spottet sein japanischer Kumpel, bevor sich Hiro nach New York teleportiert – eine reizende Reverenz an die Legionen von Comic-Geeks, die so gern von fantastischen Welten träumen.

"Heroes" ist neben der bislang erfolgreichsten neuen Serie bei der von Werbern umbalzten Zielgruppe 18- bis 49-Jähriger auch die innovativste dieser TV-Saison - und nicht nur, was das Konzept angeht: NBC engagierte die renommierten Comic-Autoren Jeph Loeb und Tim Sale, um auf der "Heroes"-Webseite die jeweils aktuelle TV-Episode von einer Comic-Version des Geschehens begleiten zu lassen. Sie enthält im Fernsehen unerwähnte Details aus dem Leben der Figuren, etwa eine Angstgestalt aus Mohinders Kindheit oder eine Verpflichtung Hiros gegenüber seinem verstorbenen Großvater. Hier könnten, wie die Macher geheimnisvoll verkünden, "Anhaltspunkte zur Lösung von Rätseln enthalten sein." NBC greift damit direkt den Ausbruch jener "Lost"-Manie im Netz auf, in deren Zuge seit zwei Jahren zahllose Fans Theorien über die Geheimnisse der Serie tauschen und dem ABC-Hit so zu noch mehr Buzz verhalfen.

Mit "Heroes" hat NBC verschiedene Arenen der Internet-Community zu Marketing-Zwecken angezapft. Claire hat ein Profil bei MySpace, und NBCs "Heroes"-Website verlinkt neben dem Comic auf ein tagebuchartiges Blog von Hiro sowie auf eine "Insider"-Seite namens "9thWonders.com" (das ist der Titel des Comics, das Hiro in New York entdeckt). Sie ist wie ein Comic gestaltet und bemüht sich mit Ausblick-Häppchen der Autoren und Interviews mit Machern und Schauspielern ganz ungeniert, einer hoffentlich erfolgreichen Serie jenen Kultcharakter zu verleihen, den die Comic-Community vor dem Siegeszug der Superhelden in Hollywood für sich beanspruchte.

Das ist zwar schamlos selbstreferenziell und nicht eben authentisch. Doch es ist allemal clever und womöglich wegweisend in den Bemühungen der amerikanischen Fernsehnetworks, Anschluss ans Internet und die dort flottierenden Verbände junger Zuschauer zu finden, die dem Fernsehen abhanden zu kommen drohen.

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