US-Serie "Las Vegas" Großputz im Sündenbabel

Amerikas Spielermetropole kämpft gegen das Schmuddel- und Gangsterimage: Die neue US-Serie "Las Vegas", die heute auf ProSieben startet, liefert die perfekte, technisch brillante Drama-Handlung zur Imagekampagne der Wüstenstadt.

Von


Es gibt die verwegensten Tricks, mit denen man am Spieltisch schummeln kann. Aber keinen einzigen, den Big Ed Deline (James Caan) nicht durchschaut. Der Sicherheitschef des Montecito-Casinos wacht vor den hunderten von Bildschirmen in seiner Schaltzentrale über den Spielbetrieb im Haus; Hostessen, Handlanger und Empfangschefs beliefern ihn übers Handy ständig mit Informationen über verdächtige Gestalten. Big Ed, der zuvor als CIA-Agent gearbeitet hat, weiß: Es ist ein harter Job, den Laden sauber zu halten, und manchmal muss man dazu eben ein wenig unkonventionell vorgehen.

US-Serie "Las Vegas", Besetzung: Spaß und Luxus der sauberen Art
Glenn Campbell

US-Serie "Las Vegas", Besetzung: Spaß und Luxus der sauberen Art

Die Fernsehserie "Las Vegas" (ab heute Abend, 21.15 Uhr, ProSieben) harmoniert bestens mit dem Selbstbild, das die Investoren und Impresarios des Spielerparadieses seit den späten Achtzigern von ihrer Stadt vermitteln wollen. Ein familienfreundliches Entertainmenthausen soll die einstige Mafia-Metropole seitdem nämlich sein. Die großen Casinos und Hotels am "Strip" halten Spiel, Spaß und Luxus der sauberen Art parat, Prostitution und andere sündige Ausschweifungen findet man abseits des Glitzerns in den Seitenstraßen.

Dieses bequeme Nebeneinander unterschiedlich anrüchiger Geschäftssegmente macht Las Vegas nicht nur für urlaubende Familienväter attraktiv, sondern eben auch zu einem ergiebigen Sujet für eine Fernsehserie. Das Großreinemachen in der Sin City Nevadas ist ein niemals endendes Spielchen. Schon 1978 schickte Michael Mann den findigen Privatdetektiv Dan Tanna (Robert Urich) in der Serie "Vegas" durch die Straßen des Spielerparadieses, unter deren Neonreklamen sich allerlei Schmutz ansammelt.

Davon kann eben auch Big Ed in "Las Vegas" ein Liedchen singen. Mal überführt er High-Tech-Betrüger, die mit Miniaturkameras den Verlauf des Spieles für sich entscheiden wollen. Mal macht er Autoschieber dingfest, die ihre Geschäfte in seinem Aufsichtsbereich abwickeln wollen. In einer Folge legt er sich sogar mit einem rechtspopulistischen Senator an, der im Fernsehen gegen den allgemeinen Sittenverfall wettert, um sich anonym im Casinohotel mit einem Dutzend Huren zu vergnügen. Big Eds Methoden sind nicht zimperlich, aber sittlich stets einwandfrei.

So revidiert die vom US-Sender NBC produzierte Serie das Bild, das uns bislang das Kino von der Spielerstadt vermittelt hat. Hier fließt kein dreckiges Geld wie in Martin Scorseses Mafia-Sittengemälde "Casino" aus dem Jahr 1995, und es gibt auch nicht die post-mafiöse Ausbeutung, von der vor drei Jahren noch die heiter-grimmige Spieltisch-Romanze "The Cooler" erzählte.

Sicher, auch in "Las Vegas" fallen ein paar arme Gestalten den Verlockungen der Zocker-Metropole zum Opfer. In der zweiten Folge etwa muss die Security-Mannschaft einen alten Freund beerdigen, der durch seine Spielsucht in falsche Gesellschaft geraten ist und ermordet im Wüstenstaub vor der Stadt aufgefunden wurde. Da sitzt das Casino-Team gemeinsam am Tresen, lässt ein paar Tränen ins Bierglas tropfen und bekundet sich gegenseitig aufrichtig das Beileid. Selbst der Boss des Etablissements kommt dazu und tätschelt sanft die Schultern der Subalternen. Die Firma als Familie.

So gesehen geht "Las Vegas" glatt als Werbefilm für die Spielermetropole durch. Es wird Teamgeist beschworen und gleichzeitig mit technisch brillanten Bildern der Ort als High-Tech-Themenpark in Szene gesetzt. Ausgedacht hat sich das Spektakel der Autor Gary Scott Thompson, der auch das Drehbuch zum PS-Blockbuster "The Fast And The Furious" geliefert hat. Die Kamera saust zum unvermeidlichen Elvis-Remix im BigBeat-Sound von Junkie XL durch alle möglichen und unmöglichen Gänge und Leitungen des Casino-Systems, der Plot aber bleibt überschaubar. Gut und Böse sind leicht zu trennen, Gewissenkonflikte werden auf Soap-Niveau durchgespielt.

Unter all den neuen amerikanischen Prestige-Serien, die ProSieben zum Jahresanfang an den Start schickt, ist "Las Vegas" sicherlich die technisch aufwändigste, dramaturgisch aber auch die banalste. Gegen die offenherzigen Exkurse in die Schwulen-Szene, wie sie "Queer as Folk" liefert, muffeln die ach so verruchten Rotlichtszenen hier nach Spießersex. Und im Vergleich mit dem Schonheitschirurgen-Krimi "Nip/Tuck", von dem heute im Anschluss von "Las Vegas" die zweite Staffel anläuft, verliert die Serie noch stärker. Denn wo "Nip/Tuck" das tragikomische Potenzial im Spannungsfeld zwischen Kommerz und Körperkult ausleuchtet, stellt die Glücksspiel-Saga die (zum Großteil plastisch nachgerüsteten) Körper seiner Figuren einfach nur aus. Das Mitgefühl für Prostituierte, Stripper, Pornodarsteller und andere gesellschaftliche Randgestalten, das "Nip/Tuck" bei aller Bissigkeit so anrührend macht, geht "Las Vegas" komplett ab.

In einer Szene sieht man, wie einer der Angestellten von Big Eds Hightech-Moralanstalt mit dem digitalen Richtmikro eine Hure bei Verhandlungsgesprächen in der Casino-Lobby überführt. Eine illegale Geschäftsanbahnung. Statt die Prostituierte zu verwarnen, verdonnert der trickreiche Security-Mann sie dazu, ihm durch ihren Körpereinsatz bei der Überführung eines Ganoven zu Diensten zu sein. Ganz schön bigott, diese Serie. Eben wie das blitzblanke neue Las Vegas selbst.

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.