US-Serie "Rom" Kleines Latinum mit Karacho

Ab heute heißt es: Helmpflicht für Serienfans. "Rom", das 100 Millionen Dollar teuere Renommierprojekt des amerikanischen Bezahlsenders HBO, läuft auf RTL II. Opulenter lässt sich das kleine Latinum kaum nachholen.

Von Daniel Haas


Kann das spannend sein: eine Geschichte, bei der man bereits weiß, wie sie ausgeht? Bei der feststeht, wer Verräter, wer Mörder und wer Opfer ist? Cäsar, dieser gewiefte Außenpolitiker, eroberte die halbe Welt, kehrte 52 v. Chr. als Superstar nach Rom zurück, schleifte die Republik und wurde am Ende umgebracht. Auch du, Brutus! – den Satz kennt jedes Kind, auch ohne Lateinunterricht.

Eine alte Kamelle der Welthistorie also, durchgenudelt in zahllosen Sandalenfilmen, ein Restposten der Genre-Unterhaltung. Dennoch beweist die heute startende US-Serie "Rom" mit jeder Folge, dass die Cäsar-Story mindestens zum kleinen Latinum taugt. Und dass die Geschichte von "Asterix" bis "Gladiator" zur Kolportage zerfleddert wurde, ist dabei sogar von Vorteil: Wenn die historische Wirklichkeit ihr eigene Popversion geworden ist, wenn die Vergangenheit Comic-Charakter hat, lässt sie sich beliebig variieren, neu gestalten, mit anderen Erzählinhalten füllen.

Deshalb ist "Rom", bei aller Detailversessenheit, die Macher und Kritiker nicht müde werden zu rühmen, ein Drama von eigenen Gnaden. Den Segen der Geschichte braucht die 100 Millionen Dollar teure Produktion nur insofern, als sie den Rahmen vorgibt, in den die vielen spannenden Einzelstorys eingespannt sind. Die äußeren Daten – Cäsar (Ciarán Hinds) auf Feldzug, Pompeius (Kenneth Cranham) und Gefolge in Rom, seinen Sturz planend - verbürgt die Historie; das Tableau belebt aber die Phantasie. Und da haben die "Rom"-Autoren eine Erzählung gedrechselt, die virtuos alle möglichen Motive verbindet: Sex und Diplomatie, Verrat und Ehre, Moral und Macht.

Treibstoff für Mordsgeschichten

Da ist zum Beispiel Lucius Vorenus (Kevin McKidd) der im Ränkespiel von Cäsar und Marc Anton (James Purefoy) zum Senator aufsteigt und im Loyalitätskonflikt zwischen Soldatenehre und republikanischer Gesinnung aufgerieben wird. Die Geschichte dieses Parvenüs verzahnt sich dazu mit einem Ehedrama, das deutlich macht, dass zum gesellschaftlichen Aufstieg auch ideologische Beweglichkeit gehört – eine Fähigkeit, die Lucius fehlt, was ihn in ins Verderben stürzt.

Oder das Drama der mächtigen Aristokratin Servilia (Lindsay Duncan), der Mutter von Brutus (Tobias Menzies) und Geliebten Cäsars. Vom Kaiser aus strategischen Gründen abserviert, macht sie die Sache der Republik zur eigenen - eine Agenda, in der sich das Politische und Private zu einem hoch brisanten Treibstoff für weitere Mords- und Unheilsgeschichten verdichten.

In diesem Punkt ist "Rom", mit seiner historischen Detailversessenheit, sehr modern. Servilia und auch ihre Gegenspielerin, die Kaiser-Nichte Atia (Polly Walker) sind antike Medienprofis, die mit Graffiti- und Rufmord-Kampagnen ihre Sache vorantreiben. Im Rom von HBO gibt es keinen romantischen Begriff von Privatheit: Die politische Klasse formiert ihre Macht immer auch über die Inszenierung ihrer selbst, über Images und Spektakel.

In den Boudoirs der Mächtigen

Natürlich erinnert diese Weltmacht auch entfernt an Amerika, an seinen expansionistischen Drang und sein weltweites, nicht immer gelungenes militärisches Engagement. Die Dekadenzdiagnose hat man vergleichend oft USA und römischem Imperium gestellt, sie ist historisch zwar inakkurat, aber sehr plakativ. In popkultureller Logik jedoch sind Kaiser und Präsident tatsächlich verwandte Figuren: Beide erscheinen als Projektionsflächen für Helden- oder Schurkenphantasien, sie haben folkloristischen, ja mythischen Wert.

Und wie die Präsidenten aus Thrillern und Krimis umspielt auch diesen Cäsar die Intrige, der Verrat, die Paranoia. Das Schöne an "Rom": Wir dürfen einen Blick durchs filmisch geweitete Schlüsselloch werfen, uns in den Boudoirs mit mächtigen Gespielinnen vergnügen, Verrätern beim Komplott beiwohnen.

Zu wissen wie es ausgeht, das Whodunnit des klassischen Kriminalfalls, gehört zu den aufklärerischen Vergnügen, die heutzutage immer auch ein bisschen naiv sind. Wir, die abgeklärten Bewohner der Nachmoderne, wissen: Die Geschichte geht schlecht aus, die Historie kennt nur wenige Happyends. Cäsar wird sterben, Brutus sein Mörder sein. Freuen wir uns darauf, elf exzellente Folgen lang.


"Rom", 1. Folge, Sonntag, 8. Juli, RTL II, 20.15 Uhr



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