US-TV-Serie "24" Ich glaube an Jack Bauer

Für Jack Bauer geht es immer um alles: nämlich die Rettung der Welt. Deshalb und weil er für die ultimative Aufgabe immer nur genau 24 Stunden Zeit hat, ist der Held der US-TV-Serie "24" ständig auf Hundertachtzig. Und mit ihm die Fans. Apokalypse und Erlösung, Allmacht und Vertrauen: Die Fernsehserie "24" ist eine Religion.

Von Johanna Adorján


"24"-Held Jack Bauer (Kiefer Sutherland): Der Erlöser
20th Century Fox

"24"-Held Jack Bauer (Kiefer Sutherland): Der Erlöser

Natürlich kann man der amerikanischen Serie "24", in der es um eine fiktive kalifornische Antiterroreinheit geht, vorwerfen, ultrapatriotisch zu sein, Paranoia vor fremden Kulturen zu schüren und sich bestens als Propaganda für George W. Bushs "War on Terror" zu eignen. Man kann aber auch einen Schritt zurücktreten und das Amerika von "24" als Symbol sehen für ein gerechtes Land, ein gutes Land, das es so in Wirklichkeit nicht gibt, nirgends. Schließlich ist der Präsident dieses Serien-Amerikas, ein Schwarzer namens David Palmer, eine solche Verkörperung der edelsten menschlichen Tugenden, daß Gandhi sich neben ihm wie ein Hallodri ausmacht. Er ist gerecht, weise, besonnen und überhaupt so, wie man sich Politiker immer wünschen würde. Das geht sogar so weit, daß er zu seinem Wort steht.

Auf RTL 2 ist gerade die dritte Staffel zu sehen, in der die Menschheit mit einem tödlichen Virus bedroht wird; in den Vereinigten Staaten ist im Januar die vierte angelaufen - und hat wütenden Protest ausgelöst. Denn in diesem jüngsten Bedrohungsszenario kommt das Böse in Gestalt einer türkischen Familie daher, die sich als islamistische Terrorzelle entpuppt. Weil dem Sender Fox daraufhin vorgeworfen wurde, Islamophobie zu schüren, werden jetzt während der Werbeunterbrechungen kurze Filme eingespielt, die Moslems in einem positiven Licht zeigen. Wer allerdings "24" kennt, der weiß, daß sich das wahre Böse hier immer erst ganz am Schluß offenbart - einer der Schöpfer der Serie, Joel Surnow, deutete schon an, daß man im Laufe der vierundzwanzig neuen Folgen noch einmal ein ganz anderes Bild von dieser türkischen Familie bekommen werde. Da können die Leute, die eine Fernsehserie mit der Realität verwechseln, also ganz beruhigt sein.

Ein biblischer Kampf

"24" ist die erfolgreichste Serie des angehenden neuen Jahrtausends, und wie keine andere lädt sie dazu ein, in ganz großen Dimensionen zu denken. Es geht in ihr um nicht weniger als den Kampf Gut gegen Böse. Die Hauptfigur, ein Agent namens Jack Bauer, gespielt von Kiefer Sutherland, sieht sich - das ist Ausgangslage jeder Staffel - mit einer drohenden Apokalypse konfrontiert (Atombombe, biologische Waffen etc.) und muß die Menschheit retten, oder sagen wir gleich: erlösen. Dabei hat er viele Prüfungen zu bestehen. Die Botschaft der Serie, die in jeweils vierundzwanzig Folgen Stunde um Stunde eines einzigen, ereignisreichen Tages erzählt, ist dieselbe wie die der Bibel: Das Gute siegt, aber zu welchem Preis.

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"24" - Staffel 3: Ich glaube an Jack Bauer

Es ist die Serie unserer Zeit. Die erste Staffel wurde wegen der Anschläge vom 11. September damals, im Jahr 2001, verschoben, weil die Bezüge zur Wirklichkeit zu groß waren. (Eine Szene mit einer explodierenden Boeing 747 wurde nachträglich wieder herausgeschnitten.) Seither ist die Welt nicht eben besser geworden, Angst bestimmt weltweit Innen- und Außenpolitik. Da ist die Sehnsucht nach einer übersichtlichen Aufteilung in Gut und Böse natürlich groß. Und nach neuen Helden. War James Bond der fiktive Held des Kalten Kriegs, so ist heute Jack Bauer der fiktive Held des Kriegs gegen den Terror. Er ist gnadenlos, aber mit Moral; er bringt Menschen um, aber nur, wenn es wirklich sein muß (und dann muß es aber auch wirklich sein); er befolgt Befehle, aber nur, wenn er sie für sinnvoll hält. Jack Bauer ist ein Einzelkämpfer im Dienst einer guten Sache. Das wichtigste ist ihm seine Familie. Für sie würde er sein Leben geben, sein Land verraten, seinen Job verlieren. Aus dem nonchalanten Liebhaber der Frauen, James Bond, ist ein anständiger Familienvater geworden, und Werte wie Treue, Ehre und Moral sind an die Stelle eines gut geschüttelten Martinis getreten.

Wo bleibt die Eleganz, kann man fragen, wo der Charme, das Augenzwinkern? Jack Bauer ist ja eher der Antiheld - jung, aber schon gebeugt von den schlimmen Dingen, die er gesehen hat, er trägt Jeans und eine zerknautschte Jacke, und er lächelt nie. Seine Stärken liegen im Inneren - es ist der feste Glaube an das Gute, an die Gerechtigkeit und an einen Sinn, für den es sich sogar zu sterben lohnt.

Natürlich ist "24" trotzdem nicht das Wort zum Sonntag. Sonst hätte es wohl kaum eine solche Sogwirkung auf seine Zuschauer. Erstens einmal setzt diese Serie Cliffhanger so virtuos ein, wie man es bisher noch nie gesehen hat. Es gibt keinen Leerlauf, keine Phasen der Entspannung. Mehrere Handlungsstränge laufen gleichzeitig ab, - für den Zuschauer manchmal durch die Technik des split screen parallel zu sehen -, und sind auf unheilvolle Weise miteinander verknüpft. Und immer tickt die Uhr und irgendwo droht gleich eine Bombe hochzugehen. Die Fernsehserie basiert auf einem Motiv, dem man sich nur schwer entziehen kann: Angst. Sie spielt mit den Ängsten ihrer Zuschauer, baut ihre Handlung auf ihnen auf, und weil die Serie in erster Linie für den amerikanischen Markt geschrieben ist, sind islamistische Terrorzellen natürlich im Grunde keine schlechte Idee. "Angst verkauft sich gut" - mit diesen Worten erklärt einer der Autoren, Evan Katz, den Erfolg von "24". Genauso erklärt übrigens Michael Moore den Erfolg von George W. Bush.

"24" befriedigt die menschlichen Grundbedürfnisse nach Gerechtigkeit und Ordnung auf das gründlichste. Wenn je einer aufgeräumt hat, dann ist das Jack Bauer. Und damit es bei all der Gewalt und unsichtbaren Bedrohung auch etwas gibt, das dem Zuschauer Sicherheit schenkt, enthält die Serie eine Vielzahl streng ritualisierter Versatzstücke. Wie in einem Gottesdienst, in dem von vornherein feststeht, daß nach dem Gebet das "Amen" kommen wird, kehren Szenen und sogar Dialoge immer wieder. Wie oft Jack Bauer, nachdem er gerade einer Gefahr entronnen ist, seine Tochter Kim umarmt, ist nicht gezählt. Dazu stets derselbe Text: "Ich liebe dich, Dad." - "Ich dich auch, Schätzchen." Eine andere Szene, die immer wiederkehrt: Jack Bauer hat eine gefährliche Situation gemeistert und möchte gerade gehen, da hält ihn ein Kollege auf. "Jack?" - Jack bleibt stehen: "Was gibt es?" - Kollege: "Guter Job." Und wann immer jemand versagt hat und, sagen wir, von neunzig Geiseln nur neunundachtzig befreit hat, kommt folgender Dialog: "Tut mir leid, ich habe mein Bestes gegeben." - "Das war nicht gut genug." Was auch geschieht, welche fürchterlichen Verbrechen und Morde gerade passiert sind - auf ein paar Dinge ist eben Verlaß.

Überhaupt sind alle Wortwechsel auf das Nötigste verknappt und erinnern in ihrer Reduzierung auf das Wesentliche, den reinen Subtext, an die formelhafte, archaische Sprache, in der Gemeinde und Priester oder Pfarrer miteinander sprechen. Ja, ich will diese Frau ehren. - Führe uns nicht in Versuchung. Oder eben: "Ich weiß, du willst mich töten, weil ich deine Frau getötet habe. Aber tue es nicht, denn ich kann dir helfen." Selbst Beziehungen, die so kompliziert sind, daß manch einer jahrelang in Therapie müßte, um sie aufzuarbeiten, werden hier einfach so beschrieben, wie sie sind: "Die benutzen dich, weil du mein Sohn bist." - "Ich wünschte, ich wäre es nicht."

Ein gottgleicher Präsident

Immer wieder geht es in dieser Serie um das Thema Vertrauen. Der Kernsatz von "24", pro Folge fällt er bestimmt zwei Mal: "Du mußt mir vertrauen. Mehr kann ich dir im Moment nicht sagen." Im Grunde funktioniert das Christentum, funktioniert jede Religion nach diesem Prinzip. In "24" kann halt im Moment nicht mehr gesagt werden, weil die Zeit läuft - die tickende Uhr wird jede Viertelstunde eingeblendet -, immer ist Eile angezeigt, um eine Gefahr noch rechtzeitig zu stoppen - aber wer sagt, daß das in der Religion so anders ist.

Da versteht es sich von selbst, daß das Gute in einer solchen Serie nicht einfach nur gut ist. David Palmer, bereits erwähnter schwarzer Präsident der Vereinigten Staaten, ist nahezu gottgleich. Jack Bauer, ohnehin schon das personifizierte Gute, bringt ihm soviel Ehrfurcht entgegen wie ein gläubiger Katholik dem Papst. Wann immer er mit dem Präsidenten telefoniert, scheint die Welt stillzustehen. (Häufiger Satz: "Ich muß aufhören, der Präsident ist auf der anderen Leitung.") Der Präsident, der Jack Bauer zwar braucht im Kampf gegen das Böse auf der Welt, als irdischen Vertreter sozusagen, ist selbst von seiner Allmächtigkeit überzeugt: "Ich bin der Präsident der Vereinigten Staaten. Hast du ernsthaft gedacht, ich würde nicht herausfinden, was du vorhast?" Das Böse in "24" symbolisiert die völlige Abwesenheit von Moral. Nihilismus. Über Nina Myers, eine Doppelagentin, die in den ersten beiden Staffeln eine dunkle Rolle spielt (unter anderem tötet sie die Frau von Jack Bauer) - heißt es einmal: "Du bist schlimmer als ein Verräter. Dir geht es um nichts. Du glaubst an nichts."

Sogar eine Art Allerheiligstes gibt es in der Serie: Die Zentrale der Antiterroreinheit CTU (Counter-Terrorist Unit). Hier dürfen nur Eingeweihte herein, hier ist der innere Kern, hier wird jeden Mittwoch auf RTL 2 über das Schicksal der Menschheit verhandelt.

Mittwoch ist der neue Sonntag.

"24" läuft mittwochs um 22.10 Uhr auf RTL 2. Die ersten drei Staffeln gibt es bereits auf DVD, die vierte kommt hoffentlich bald.



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