US-Wahlkämpfer Obama "Klar, ich habe inhaliert"

2. Teil: Obama und die Drogen: Einfach bei der Wahrheit bleiben


Oprah und Obama verstehen etwas vom Geschichtenerzählen, sie sind da sehr anspruchsvoll. Das Publikum ist aber nichts Gutes gewöhnt und quengelt manchmal, zunehmend leiser, nach den üblichen Gestalten: und der entsprechenden, formelhaften Rhetorik: "Heute tritt eine neue Generation an, um dem Ruf der Pflicht Folge zu leisten." So hörte sich der Kleister an, den John Kerry von seinem Berater und Redenschreiber David Frum über die wehrlosen Zuhörer kippen ließ. Frum kann auf ein halbes Dutzend von ihm beratener und sämtlich gescheiterter Präsidentschaftskandidaten zurückblicken. Die konservative Peggy Noonan, die selbst als Reagan-Redenschreiberin angefangen hatte, schrieb damals im "Wall Street Journal" über die Reden der Demokraten: "Macht es anders. Macht es neu!"

Obama hat aufgrund seiner Lebensgeschichte gar keine andere Wahl. Man erfährt es aus seinem wichtigsten Buch, "Ein amerikanischer Traum" aus dem Jahr 1996, das im Februar bei Hanser auch auf Deutsch erscheint. Es ist eine Auseinandersetzung mit seiner komplizierten Familiengeschichte als Kind von Studenten an der Universität Hawaii, der Vater ein begabter kenianischer Jurastudent, die Mutter eine weiße Ethnologiestudentin.

Glanz und Elend des Vaters

Es ist ein zögerndes, durch und durch tentatives Werk, das die Geschichte seiner Familie einwebt in eine umfassendere Reflexion über Rasse, Gesellschaft und Bildung in Amerika. Es ist auch ein ziemlich hartes Selbstporträt: Der junge Barry ist voller Ambition, aber auch eitel; und zwischendrin lässt er sich immer wieder hängen. Es ist kein glatter Text und doch ein moralischer. Wie groß muss die Versuchung gewesen sein, den Vater, der die Familie verließ, als Obama zwei Jahre alt war, zu glorifizieren als einen hochgebildeten Afrikaner, der später in wichtigen Regierungsmissionen unterwegs war und nach einem Autounfall starb. Doch im Laufe des Buches vollziehen wir den ganzen chromatischen Bogen vom hellen zum düsteren Bild nach. Der Vater, so erfährt es Obama später von seiner Halbschwester, wurde ein Trinker, lebte später mit den Kindern, die er mit anderen Frauen gezeugt hatte, in bitterer, selbstverursachter Armut; alle hatten es sehr schwer mit ihm.

Die schönsten Passagen des Buches berühren Obamas Zeit als Community Organizer in Chicago, eine Art von Notfallmediziner für halbtote Stadtviertel. Er taumelt von Kirchengemeinde zu Selbsthilfegruppe, ohne groß zu wissen, was er da eigentlich bewerkstelligen kann und soll. Er beobachtet, es finden sich präzise und ziemlich witzige Porträts von den Bewohnern, die doch alle auf ein Gesamtfazit hinführen, dass nämlich in den deindustrialisierten Vierteln auch die soziale Textur aufgerieben wurde. Jeder hatte etwas zu erzählen, aber es gab kein Forum mehr, diese Erfahrungen zu würdigen. Obama schafft es gewissermaßen mit literarischem Interesse, einen Weg zu entwickeln zwischen dem üblichen Ruhigstellen mit mehr Geld und einem simplen Aufruf zum Ärmelhochkrempeln.

Einfach bei der Wahrheit bleiben

In den letzten Tagen kamen panische Reaktionen aus dem Clinton-Lager, dort wies man auf Obamas Drogenvergangenheit hin, um die Wähler zu verunsichern. Doch Drogen sind das eine, das Publikum kennt sie und kann den Einzelfall beurteilen. Das andere ist, wie darüber geredet wird – und hier kehrt sich der Vorstoß um: Obama hat in seinem autobiographischen Buch nicht etwa "gestanden", Drogen genommen oder damit "experimentiert" zu haben, er schreibt einfach, dass und warum er sie genommen hat, und macht klar, dass es eine schlechte Zeit war. Jeder erinnert sich an Bill Clintons Satz, er habe Joints nicht inhaliert. Obama daraufhin: "Klar hab’ ich inhaliert, das war ja gerade der Punkt."

Einfach bei der Wahrheit bleiben, so ganz kantianisch, daran ist kein politisch Interessierter mehr gewöhnt.

Eine Frage bleibt noch offen: Kann der Einzelgänger, der Einzeldenker Obama, der so einen guten Blick für das Singuläre einer Lebensgeschichte, das Spezifische und Irreduktible des Augenblicks hat, kann er diese Einzelgeschichten zusammenweben zu einer nationalen Erzählung, kann er den zugekleisterten Ohren etwas Substantielles bieten?

Diese Antwort ist seine Rede auf der Gedenkveranstaltung der Bürgerrechtsbewegung in Selma in Alabama im März dieses Jahres. Man gebe seinen Namen und diesen Ortsnamen, also all diese As in die führende Suchmaschine ein, schon ist man dabei, am Anfang.

Dieser Beitrag wurde mit freundlicher Genehmigung aus der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" übernommen.



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