USA und die 68er "Die Amerikaner haben uns gerettet"

Er war Haschrebell und Bombenleger, dann schwor er der Gewalt ab. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt Michael "Bommi" Baumann, warum er den Vorwurf, die 68er seien antiamerikanisch, für "diffamierenden Schwachsinn" hält.


SPIEGEL ONLINE: Herr Baumann, Ihre Einleitung zu dem Buch "Radikales Amerika", das sie zusammen mit Till Meyer herausgegeben haben, endet mit dem nicht unbekannten Satz: "God bless America!", Gott segne Amerika. Diesen Spruch würde man eher von George W. Bush erwarten, als von einem ehemaligen Mitglied der anarchistischen Terrorgruppe "Bewegung 2. Juni".

Baumann: Wir haben dieses Buch gemacht, um endlich mit einer großen Lüge aufzuräumen, die man fast täglich in den Zeitungen finden kann. Ich spreche von der Lüge, die 68er, die inzwischen an allem Bösen dieser Welt schuld sind, seien bis in die Knochen antiamerikanisch gewesen und würden bis heute die USA und alles Amerikanische hassen.

SPIEGEL ONLINE: Wer genau wirft den 68er denn solchen Antiamerikanismus vor?

Baumann: Zum Beispiel die Herrn Kauder oder Westerwelle. Gut, die haben keine Ahnung. Schlimm sind die ehemaligen Linken, die es eigentlich besser wissen müssen: Peter Schneider, Götz Aly, Wolfgang Kraushaar und wie sie alle heißen, diese Renegaten. Was sie zu diesem Thema sagen, ist diffamierender Schwachsinn.

SPIEGEL ONLINE: Starke Worte. Die müssen Sie uns erklären.

Baumann: Die historische Wahrheit sieht so aus: Es gab vor den 68er keine Generation in Deutschland, die so viele Einflüsse aus Amerika aufgenommen hat und so stark durch die amerikanische Kultur geprägt wurde.

SPIEGEL ONLINE: Deshalb muss man doch nicht gleich "God bless America" sagen.

Baumann: Wenn man sich die amerikanische Unabhängigkeitserklärung aus dem Jahr 1776 ansieht, ist darin unter den unveräußerlichen Rechten das Recht auf life, freedom and pursuit of happiness festgeschrieben; das Recht, nach Glück zu streben. Das ist doch sehr progressiv und vernünftig. Dieser amerikanische Individualismus, der hat uns im konformistischen Westdeutschland in den sechziger Jahren angezogen.

SPIEGEL ONLINE: Was genau aus Amerika hat Sie und Ihre Generation damals beeinflusst?

Baumann: Ich bin der U.S. Army bis heute dafür dankbar, dass sie einen Radiosender für ihre Soldaten betrieb, den AFN, der wenigstens eine Stunde am Tag Rock'n'Roll gespielt hat. Elvis Presley, Little Richard und andere. Die deutschen Sender haben nur ihren Schlagermüll auf uns losgelassen. Wir haben Jazz gehört und später Folksongs, Protestsongs, Pete Seeger, Bob Dylan.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat die Generation Ihrer Eltern darauf reagiert?

Baumann: Mein Vater hat wirklich mal, als ich Little Richard hörte, zu mir gesagt: "Stell dieses syphilitische Negergeschrei aus." Die Reste der Nazi-Volksgemeinschaft waren doch gegen Jeans, gegen Kaugummi, gegen alles was aus Amerika kam. Die meisten Älteren waren fanatisch antiamerikanisch. Gleichzeitig haben sie uns vorgeworfen, wir seien Antiamerikaner, wenn wir den Krieg in Vietnam kritisiert haben.

SPIEGEL ONLINE: War es nur die Musik oder war es die amerikanische Kultur allgemein, die junge Deutsche in den fünfziger und sechziger Jahren faszinierte?

Baumann: Wir haben Faulkner und Hemingway gelesen, später dann Ginsberg und Kerouac. Die Beatniks wurden zu Idolen der Gammler und Haschrebellen. Aber auch die Filme mit James Dean und Marlon Brando waren eine Erholung gegen diese Streifen über den Oberförster vom Unterwald, die die deutsche Filmindustrie zu verantworten hatte.

SPIEGEL ONLINE: Auf den Vietnam-Demonstration wurde dennoch mit Inbrunst Parolen gerufen wie: "USA, SA, SS!"

Baumann: Zum einen haben wir damit natürlich die Politik der Regierung der USA in Vietnam gemeint und nicht das ganze Land, zum anderen waren solche Parolen in ihrer Verkürzung natürlich Wahnsinn. Wir sind damals auch durch die Straßen gerannt und haben geschrien: "Haschisch, Opium, Heroin – für ein schwarzes West-Berlin". Da frage ich mich heute auch, wie konnte ich jemals so schwachsinnig sein.

SPIEGEL ONLINE: Welches waren denn Ihre politischen Bezugspunkte aus den USA?

Baumann: Einer der wichtigsten Theoretiker für uns Achtundsechziger war Herbert Marcuse, ein in die USA emigrierter Deutscher. Aber auch bei dem Schritt, den bewaffneten Kampf aufzunehmen, gab es wichtige amerikanische Einflüsse. Das erste Manifest der Weathermen, die aus der amerikanischen Anti-Kriegsbewegung kamen, kannten wir und auch die, die später die RAF gründeten. Gretchen Dutschke und andere Amerikaner hatten das übersetzt. Die Ghettoaufstände der Schwarzen haben uns gefallen, Malcolm X und die Black Panther.

SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie damals Kontakt zu jungen Amerikanern, die aus der Gegenkultur kamen und den Krieg in Vietnam ablehnten?

Baumann: Ich habe im SDS-Zentrum am Kurfürstendamm gewohnt und nachts kamen regelmäßig GIs aus Frankfurt und anderswo, die nicht nach Vietnam wollten und deshalb desertiert waren. Sie wollten durch die DDR nach Schweden, weil die schwedische Regierung amerikanische Deserteure nicht auslieferte. Diese Leute konnten nicht mit ihren amerikanischen Pässen durch die DDR reisen, also haben wir ihnen falsche Pässe besorgt. Zuerst haben das ehemalige Fremdenlegionäre gemacht und später Genossen.

SPIEGEL ONLINE: In Deutschland gab es aufgrund des Nationalsozialismus nicht viel, worauf man sich als junger Mensch in den sechziger Jahren berufen konnte.

Baumann: Die Nazis hatten tabula rasa gemacht. Neulich sagt der Schauspieler Rolf Zacher über die erleuchtende Wirkung eines Konzerts des Rock'n'Rollers Chuck Berry, das er als junger Mensch besuchte: "Die Amerikaner haben uns gerettet." Recht hat er. Roll over Beethoven!

Das Interview führte Michael Sontheimer


Michael "Bommi" Baumann /Till Meyer: Radikales Amerika. Wie die amerikanische Protestbewegung Deutschland veränderte, Rotbuch Verlag, 17,90 Euro



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.