Gedankenschmiede

Usher-Patienten als Theaterspieler Wenn die Welt an den Fingerspitzen endet

Avshalom Aharony

Von Johann Grolle, Boston


Die Medizin kennt viele unheimliche Leiden, unmöglich zu sagen, welches davon das schlimmste ist. Gewiss aber dürfte das Usher-Syndrom dazu gehören. Und diese taubblinden Menschen sollen Theater spielen?

Ohne Gehörsinn geboren, verlieren die von dem Erbleiden betroffenen Patienten langsam auch noch das Augenlicht. Meist im Verlaufe der Pubertät verengt sich das Gesichtsfeld immer weiter bis zur vollständigen Erblindung. In einer Zeit, in der ihre Altersgenossen ins Leben aufbrechen, werden Usher-Patienten umfangen von einer Einsamkeit, in der es nur Stille und Finsternis gibt. Die Welt endet für sie an den Fingerspitzen.

Erstaunlich mutete daher die Ankündigung der ArtsEmerson-Bühne in Boston an: Elf Taubblinde aus Israel - zehn von ihnen Usher-Patienten, der elfte wurde blind geboren und ertaubte dann als Folge einer Hirnhautentzündung - sollten ein Gastspiel in Boston geben.

Natürlich ist es kein Schauspiel im landläufigen Sinne, was dieses ungewöhnliche Ensemble, angeleitet von der Regisseurin Adina Tal, darbietet. Tal erinnert sich noch an den Beginn der Probenarbeiten vor 13 Jahren: Yuri Oshorow, einer der elf, verkündete, er wolle Gorki spielen. Nein, antwortete sie, dass könnten andere besser. Die Stärke der Taubblinden bestehe darin, eine Welt auf die Bühne zu bringen, die für sie selbst alltäglich, für die Zuschauer aber kaum begreiflich ist.

Sehnsüchte, die niemals erfüllt werden

Zu Beginn der Aufführung stehen alle Darsteller an einem langen Holztisch, die Gesichter hinter konturlosen weißen Masken verborgen. Ihre Finger kneten Teig. Das Backen ist die symbolische Rahmenhandlung des Abends: Alle drei Sinne, die den Taubblinden geblieben sind - Geruch, Tastsinn und Geschmack - werden dabei angesprochen.

Doch der Titel des Stücks lautet "Nicht nur von Brot allein", es soll um mehr gehen als das nackte Überleben. Einer nach dem anderen lüften die Taubblinden ihre Masken und stellen sich vor. Sie sprechen von ihren Wünschen, ihren Träumen. Fernsehen, Angeln, allein Spazieren gehen: Es sind einfache Dinge. Und doch sind es Sehnsüchte, die sich für sie niemals erfüllen werden.

Einige sprechen in der schrillen, tonlosen Art von Menschen, die ihre eigene Stimme nicht hören können. Andere gebärden in Zeichensprache, ihre Worte werden für die Zuschauer übersetzt. Und wenn sie miteinander sprechen, dann tanzen ihre Hände, während der Gesprächspartner seine Handflächen über die flatternden Finger des anderen hält. Lormen heißt diese Form der Verständigung, bei der jeder Buchstabe seinen wohldefinierten Platz auf der Handfläche des Gegenübers hat.

Vibrationen im Magen

Regisseurin Tal hat lange gezögert, ehe sie sich auf das Abenteuer einließ, mit Taubblinden Theater zu machen. Über Monate hin saß das Ensemble nur im Kreis, und Signale machten die Runde. Ziel war es, ein erstes Gefühl von Gemeinschaft zu vermitteln. Denn Gruppen kommen in der Erfahrungswelt der Taubblinden nicht vor. Sie können nur mit den Händen sprechen, ihre Kommunikation ist deshalb weitgehend auf den Dialog beschränkt.

Adina Tal fand dann doch eine Form, sich mit der Truppe als ganzer zu verständigen: Trommelschläge sind auch als Vibrationen im Magen zu spüren, sie geben den Takt der Inszenierung vor. Trotzdem scheint es immer wieder, als erstarrten einige der Darsteller inmitten der Handlung. Gefangen in stiller, dunkler Einsamkeit verharren sie dann, bis der dumpfe Ton der Trommel oder die Berührung einer Hand sie wieder in die Gemeinschaft der anderen zurückholt.

Während die Taubblinden auf der Bühne ihre Träume darstellen, bleibt für die Zuschauer die Herausforderung, sich eine Welt ohne Hör- und Gesichtssinn vorzustellen: Was bedeuten die Blumen, die sich die Schauspieler ins Haar stecken, die aber keiner von ihnen sehen kann? Wie fühlt es sich an, auf einer Schaukel durch die dunkle Leere der Bühne zu schwingen? Und sind andere Länder auch dann anders, wenn man weder die Sprache hören noch die Menschen sehen kann?

Imaginäres Steuerruder, virtuelles Schiff, fiktiver Ozean

In Gedenken an einen verstorbenen Kollegen und Freund, der immer davon gesprochen hatte, dass er so gern einmal nach Italien reisen würde, bindet sich einer der Schauspieler die Schürze des Pizzabäckers um, ein anderer mimt mit Sonnenbrille und Knarre den Mafioso, ein dritter segnet als Papst die Szene. Oder Usher-Patient Yuriy Tverdovskyy: Er liebt das Meer, er träumt davon, zur See zu fahren, am liebsten wäre er Kapitän. Mit einem imaginären Steuerruder dirigiert er ein virtuelles Schiff über einen fiktiven Ozean.

Doch hätte nicht auch die wahre See, die er ja weder sehen noch hören könnte, für ihn etwas Irreales? Regisseurin Tal jedenfalls ist stolz darauf, diese weltweit einzigartige Form von Theater geschaffen zu haben. Daheim in Jaffa, wo das taubblinde Ensemble Nalaga'at (hebräisch für "Bitte berühren!") in einem alten Lagerhaus auftritt, seien die Aufführungen fast immer ausverkauft. Und auch die Gastspiele in London, Südkorea, New York und jetzt in Boston waren Erfolge.

Nur ganz am Anfang, als die Taubstummen-Truppe vor zehn Jahren erstmals auftrat, seien mitunter Gäste gekommen, die ihren Theaterbesuch als karitativ betrachteten. "Die haben mich dann gefragt, ob sie die Tickets von der Steuer absetzen könnten", erzählt sie. "Wieso?", habe sie geantwortet. "Das können Sie bei anderen Theaterkarten doch auch nicht."



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