Vagina-Monologe Von Glumsen und Glitschen

"Wenn deine Vagina sprechen könnte, was würde sie sagen?" Seit die berühmten frechen Vagina-Monologe von Eve Ensler auf Deutsch erschienen sind, reißen sich die Theater darum. In Amerika rankt sich indes ein wahrer Kult um das umstrittene Bühnenstück.

Von Henrike Thomsen


Amerikanisches Buchcover der "Vagina Monologues"
Villard Books

Amerikanisches Buchcover der "Vagina Monologues"

Die Vagina gehört nicht zu den Dingen, über die man sich im deutschen Theater bisher großartige Gedanken gemacht hätte, zumindest nicht explizit. Aber seit vor wenigen Wochen die Vagina-Monologe der New Yorker Theaterautorin Eve Ensler in der Edition Nautilus erschienen sind, hat der Suhrkamp Verlag, bei dem die Theaterrechte liegen, schon acht Aufführungsoptionen vergeben. Zwei Inszenierungen im Deutschen Schauspielhaus Hamburg und im Schlosstheater Rastatt sind fest für den Herbst vereinbart. "Für ein Theaterstück ist dieser Zuspruch extrem", sagt Ninke Steiner aus dem Frankfurter Verlagshaus. "Da wird sich noch ganz schön viel tun."

"Wenn deine Vagina sprechen könnte, was würde sie sagen? Mach langsam!" Für seine frechen Pointen ist Enslers Stück in den USA schon seit einigen Jahren berühmt. Ende 1996 hat sie es zum ersten Mal in einem Off-Broadway-Theater gezeigt. "Die Monologe, die aus ihren Interviews mit 200 Frauen stammen, reichen von Vergewaltigung in Bosnien über die sexuelle Initiation einer 13-Jährigen durch eine ältere Frau bis zur Geburt von Enslers eigenem Enkelkind. Die Autorin durchsetzt dies mit Abrissen über Themen wie jugendliche Unwissenheit, Missbrauch von Frauen und lustigen Euphemismen - aber auch mit Litaneien, die das Selbstbild der Frau beschwören: gesungene Kataloge die Geschmack, Tastsinn, Auge und Nase reizen und Gebrüll im Publikum hervorrufen", hieß es in der ersten Kritik der New York Times.

Um die Monologe entstand ein unverhoffter neo-feministischer Kult. Jedes Jahr am Valentinstag, der unter Eingeweihten in einer symbolischen Mischung zwischen Vagina und Victory als „V-Day“ firmiert, werden sie an hunderten US-Colleges aufgeführt. Unter Hollywoodstars geht es inzwischen beinahe schneller, diejenigen aufzuzählen, die sich noch nicht an einer der vielen Benefizlesungen beteiligt haben. Auch Musikerinnen wie Alanis Morissette ("You Oughta Know") oder demnächst auch Fernsehstars wie Calista Flockhart ("Ally McBeal") gehören zu den prominenten Vorleserinnen.

Längst ist Ensler auch in die Politik vorgestoßen. Die Ehefrau des New Yorker Bürgermeisters Rudolph Giuliani wollte kürzlich mit dem Stück auftreten, machte aber einen Rückzieher - angeblich aus familiären Gründen. Vielleicht hat aber auch eine Rolle gespielt, dass Ensler zu den Wahlkampfberaterinnen von Hillary Rodham Clinton gehört, die Giuliani seinen Sitz im Senat streitig macht.

In Deutschland näherte man sich dem Stück zunächst eher vorsichtig. „Es ist kein unproblematischer Text für ein Stadttheater“, so Steiner. Der Monolog "Fotze fordern" ist zum Beispiel eine dieser sinnlichen Litaneien, mit denen Ensler ihren Gegenstand erkundet: "Votze. Fotze. V, F, Fell, Versteck, Vogelstimmen, fließen, verschmitzt, folge mir – versperrt..." Ein anderes Mal werden alle erdenklichen Spitznamen aufgezählt: Mutterschiff, Tschurimuri, Glumse, Glitsche, Miss Brown, Zwetschge, Rosamunde und Mößle im Schwäbischen. Nicht zuletzt war es das Staatstheater Stuttgart, das die Übersetzung vorantrieb und bereits im vergangenen Herbst die deutsche Erstaufführung wagte.

Weil die Monologe so komisch und emotional sind, wird ihr intellektueller Gehalt leicht übersehen. Dabei schlagen sie eine Brücke zwischen populärer Unterhaltung und anspruchsvollem Nachdenken über Sexualität. Die Betonung der Vagina fordert implizit die großen Sexualtheorien von Freud und Jacques Lacan heraus.

Freud und Lacan bezogen jede Sexualität, ob männlich oder weiblich, auf den Phallus, der angeblich für beide Geschlechter einheitlich das Begehren repräsentiert. Dass man aus der Anatomie der Frauen einen eigenen Signifikanten ableiten könnte, lehnte Lacan unter anderem mit dem Argument ab, dass die Klitoris nicht so schön griffig sei. Nach seiner Theorie können Frauen, weil sie den Phallus nicht haben, nur der Phallus sein – in Ermangelung des Organs projizierten sie sich praktisch selbst darauf.

Ensler hingegen zeigt, gestützt auf 200 Zeuginnen, wie sich Frauen mit ihrer eigenen Anatomie identifizieren und von dort ihr Geschlechtsbild ableiten. Am deutlichsten wird dies im "Vagina-Workshop", bei dem sich die Teilnehmerinnen mit den Händen selber erkunden. "Ich müsste sie nicht finden. Ich müsste sie einfach sein.... Meine Vagina sein“, heißt es. "Ich glitt in meine eigenen Muskeln, meine Blutbahnen und in die Zellen und dann schlüpfte ich in meine Vagina. Plötzlich war alles einfach und ich passte ganz gut hinein."

Eve Ensler: "Die Vagina-Monologe", Edition Nautilus, Hamburg; 116 Seiten; 24,80 Mark.

Nächste Vorstellung im Depot des Staatstheaters Stuttgart: 2. Juni 2000



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