Valentinstag im Juni Der große Wrdlbrmpfd

Er war Vorstadtneurotiker, Anarchist und Philosoph. Wenn der Mensch gestorben ist, so seine Erkenntnis, ist er tot. Und Karl Valentin muss es wissen; schließlich ist er schon eine ganze Weile tot. Trotzdem: Alles Gute zum Geburtstag!

Von Dominik Baur


Am 4. Juni 1882 bekommt Valentin Ludwig Fey einen gehörigen Schrecken. Als er zunächst das Licht der Welt und sodann die Hebamme erblickt, so der spätere Bericht, ist er sprachlos. "Ich hatte diese Frau ja noch nie in meinem Leben gesehen."

Komiker Valentin: "Erachte die ganze Angelegenheit Komma für entwichen"
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Umgehend wächst der kleine Valentin als "Sohn eines Ehepaars" auf - und das in der Au, dem Viertel, dem zu jener Zeit noch notorisch das Attribut "Münchner Vorstadt" anhängt. Unter den vielen "Zuagroasten" fällt auch der Bub mit dem Migrationshintergrund - der Vater stammt aus Darmstadt, die Mutter aus Zittau, welches man sich mindestens so sächsisch vorzustellen hat, wie es sich anhört - nicht weiter auf.

Den Kindergarten absolviert Valentin nebst einer Mutprobe auf dem dünnen Eis der Isar, die ihn fast das Leben kostet und ihn selbiges lang an Asthma leiden lässt. Die Schulzeit behält er als "siebenjährige Zuchthausstrafe" in Erinnerung.

Der Rest ist schnell berichtet: Erste Berufswünsche - Bleisoldat, Robinson, Taucher, Frauenarzt - werden rasch wieder verworfen. Valentin wird Tischler und lernt das Zitherspiel. Immer öfter redet er saudumm daher und bemerkt einen sich regelmäßig einstellenden Erfolg bei seinen Mitmenschen. Die Folge: Noch nicht einmal 20 Jahre alt hängt Valentin den Schreinerberuf an den Nagel. Dieser ist noch heute im Valentin-Musäum im Münchner Isartor zu begutachten.

Der Pop der Semmelnknödeln

Zunächst schlägt er sich als "Musical-Fantast" durch und tingelt mit einem acht Zentner schweren Musikapparat von Bühne zu Bühne. 1911 lernte er Elisabeth Wellano kennen, 1913 - sie nennt sich mittlerweile Liesl Karlstadt - tritt er zum ersten Mal mit ihr auf. Fortan wird er mit ihr Bühne und Bett teilen, sie zu seiner Mitautorin und Geschäftspartnerin machen, ohne dafür je seine Frau Gisela und die beiden gemeinsamen Töchter zu verlassen. Es folgen Erfolge in München, Wien, Zürich, in den Zwanzigern wird das Duo in Berlin begeistert gefeiert.

Was macht diesen Erfolg aus? Die Komik Karl Valentins haben Legionen von Feuilletonisten, Humoristen und Literaturwissenschaftlern zu charakterisieren versucht. Was ist das Besondere dieses Volkssängers, der sich mit dem Schutzmann schon bei der Aufnahme der Personalien (Name: Wrdlbrmpfd) und mit der knödelkochenden Gemahlin bei der Frage, ob es Semmelknödel oder Semmelnknödeln heißt, ins Gehege kommt? (Natürlich, da hat er völlig recht, sind es Semmelnknödeln, es sei denn, es würden mehrere Knödel aus einer Semmel zubereitet, was sich jedoch äußert negativ auf ihre Größe auswirken würde. Der Duden hat's leider bis heute nicht begriffen.)

Die Synonymiker versuchten ihr Bestes: Als Linksdenker bezeichneten sie ihn, als Wörtlichnehmer, Dadaisten, Anarchisten, Existenzialisten, Sophisten, Philosophen, Avantgardisten und als spinnerten Deifi. Für die "Weltwoche" ist er gar der erste Pop-Künstler des 20. Jahrhunderts.

Zielstrebig mäandert dieser Absurdl aus der Au irgendwo zwischen Gorgias, Wilhelm Busch und Charlie Chaplin umher. Auch die Wesensähnlichkeit mit dem New Yorker Woody Allen geht weit über die den beiden eigene Hypochondrie hinaus. Valentin kennt die Unzulänglichkeiten des Lebens und versöhnt uns mit ihnen. Und er prägt Worte, die erst Jahrzehnte später, aus italienischerem Munde entglitten, zum Klassiker werden. ("Ich möchte nur mitteilen, dass ich jetzt schon fertig habe.")

Valentin ficht den Kampf mit der Tücke des Objekts Sprache so überzeugend aus, dass man ihm hinterher gern trotz allen sprachlichen Usus den Sieg zugesteht. Den Kampf der Geschlechter stellen er und Karlstadt anhand einer zu heißen Suppe ebenso authentisch dar wie viel später Loriot mithilfe eines vermeintlichen Viereinhalb-Minuten-Eis. Und der "Buchbinder Wanninger" kommt noch heute jedem in den Sinn, der Bekanntschaft mit einem Callcenter der Telekom schließt.

Berührungsängste zum Kalauer sind Valentin fremd (auch wenn aus heutiger Sicht manches vielleicht nur als Kalauer daherkommen mag, weil es eben an ihn erinnert), er erdichtet herrlich unsinnige Inseratstexte, und doch paktiert er nie mit dem derben Volkshumor seiner Zeit, wie ihn Zeitgenossen à la Weiß Ferdl pflegen. Die kleinen, nur knapp ihr Ziel verfehlenden Formulierungen entfalten oftmals den meisten Charme. "Geehrter Herr!" diktiert er einmal einen erbosten Brief. "Ich beschließe nun mein Schreiben und erachte die ganze Angelegenheit Komma für entwichen."



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