Valentinstag-Terror: Ich. Bin. Gerne. Single.

Von Christiane Rösinger

Kissenherzen, aufblasbare Herzen mit Füßchen und Rosen, Rosen, Rosen: Am 14. Februar zeigt die Ideologie der romantischen Liebe ihre schrecklichste Fratze. Der Valentinstag ist eine Zumutung für Singles. Es ist höchste Zeit, diesen Feiertag der Pärchendiktatur zu ächten.

Nachdem man nun schon seit Wochen mit dem Datum gequält wurde, ist es also soweit: Valentinstag. Kann es sein, dass es von Jahr zu Jahr schlimmer wird? Rote Herzen und Bänder in jedem Schaufenster, Valentins-Specials in Restaurants und Autohäusern, der Billig-Discounter verlost Pärchenreisen nach Paris.

"Ob es euer erster Valentinstag ist oder euer zehnter - verschenke etwas, das dein Schatz fast genauso lieben wird wie dich", schreibt der Computerhersteller in seinem Newsletter. Selbst in der Kosmetikabteilung des Biomarkts wird man belästigt: "Sinnliche Düfte und verwöhnende Pflege zum Valentinstag!"

Wie tief will der Mensch noch sinken?

Der Valentinstags-Allergiker hat jedes Jahr am 14. Februar mit einer starken körperlichen Reaktion beim Anblick von Rosen, Bändern, aufziehbaren Herzen mit Füßchen, Kissenherzen, den Farben Rot und Rosa und mit Worten, die mit L beginnen, zu kämpfen. Denn am Valentinstag wird erbarmungslos zum Romantik-Appell gerufen und an die Pflicht zur Zweisamkeit gemahnt. Es ist der Tag, an dem die Pärchendiktatur regiert und allen klar gemacht wird: Wer allein lebt, ist nicht normal, sondern eine traurige Ausnahme.

In unserer paarzentrierten Gesellschaft ist das Paar das Eigentliche - die normale und einzig erstrebenswerte Lebensform. Um diese Paarideologie aufrecht zu erhalten, werden bereits Kinder durch Massenmedien und Werbung indoktriniert, wird Heranwachsenden eingebläut, die romantische Zweierbeziehung (RZB) sei der Sinn des Lebens. Und jeder Popsong, jede romantische Komödie, jedes High-School-Musical singt das gleiche Lied und strickt weiter am Mythos der romantischen Liebe.

Allerdings hat sich in den vergangenen Jahren auch leiser Widerstand gegen die aus den USA und England importierte Unsitte des Valentinstags geregt, eine regelrechte Anti-Valentinstagbewegung ist entstanden. Die wird aber genauso kommerzialisiert: Statt Blumen und überflüssige Geschenke werden "I love me"-T-Shirts auf den Markt geworfen und Voodoopüppchen, an denen frisch Verlassene ihre Rachegelüste austoben können.

Dieser Verkaufsstrategie liegt der Irrtum zugrunde, wer als Single lebe, tue dies nur unfreiwillig und warte sehnlich darauf, diesen unnatürlichen Zustand endlich zu beenden, eine Zweierbeziehung einzugehen und im Pärchenhimmel anzukommen.

Der Irrglaube an die RZB ist eben weltweit fest verankert und die - trotz aller Schrecken auch bequeme - Paarideologie zeigt am Valentinstag ihre schrecklichste Fratze.

Pariser Leuchttafeln zeigen romantische Botschaften

Die Tradition des Valentinstags wird heute zumeist auf die Legende von Valentin von Terni zurückgeführt, der um 300 nach Christus als Bischof der italienischen Stadt Terni einige Verliebte christlich getraut hatte, darunter Soldaten, die nach damaligem kaiserlichen Befehl unverheiratet bleiben mussten. Angeblich hat er den frisch verheirateten Paaren Blumen aus seinem Garten geschenkt, was sich günstig auf die Ehen auswirkte. Aber ihm selbst brachten die Blumengeschenke kein Glück, auf Befehl des Kaisers Claudius II. wurde er am 14. Februar 269 wegen seines christlichen Glaubens enthauptet - wegen der heutigen verlogenen Valentinstagsbräuche kann ihm also kein Vorwurf gemacht werden. Denn allgemein bekannt wurde der Valentinstag erst einige Jahrhunderte später, als Floristen- und Süßwarenindustrie sein Potential für eine erfolgreiche Marketingstrategie erkannten.

So schlimm, wie es auch in Deutschland und Berlin ist, in Paris ist es noch ärger. Der Pariser Bürgermeister gibt nämlich im Zuge des Stadtmarketings zum Valentinstag städtische Leuchttafeln für privat-intime Bekenntnisse der Bürger frei. Die können dann bis zu 160 Zeichen per SMS senden, die schönsten Sprüche sollen dann am Valentinstag auf den Leuchttafeln erstrahlen. Auf der Internetseite des Rathauses wirbt man für die Aktion: "Sie sehen ihn jeden Morgen in der Metro. Er stellt sein Rad neben Ihrem ab. Sie gehen in dieselbe Bäckerei - aber Sie haben nie gewagt, ihn anzusprechen."

Da kann man nur froh sein, wenn man nicht in Paris, der Stadt der Liebe, sondern in Berlin, der Stadt der Ruppigkeit und schlechten Laune wohnt.

Könnte man nicht den Valentinstag ächten und stattdessen wie im zivilisierteren Finnland am 14. Februar den sogenannten Freundschaftstag begehen? An diesem Tag schickt man in Finnland - meist anonym - den Menschen, die man nett findet, Karten oder kleine Geschenke. Diese finnische Lösung ist doch sehr sympathisch! Überhaupt wäre es erfreulich, wenn die Freundschaft in unserer Gesellschaft eine ähnliche Wichtigkeit wie die überbewertete Liebe erlangen könnte. Denn die Freundschaft ist doch als Konzept viel vielversprechender, leichter praktikabel, robuster und langlebiger als die tumbe Liebe.

Aber auch die Statistik kann uns an diesem schrecklichen Valentinstag Hoffnung geben. Einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Ipsos aus dem Jahr 2010 kam zu dem überraschenden Ergebnis:

"Jeder Fünfte zieht Haustier dem Partner vor."

24 000 Befragte aus 23 Ländern gaben an, dass sie den Valentinstag lieber mit dem Haustier als mit dem Partner verbringen würden. Das gibt doch Hoffnung auf eine baldiges Ende der Pärchendiktatur.

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insgesamt 141 Beiträge
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1. Spießig und piefig !
sternfalke77, 14.02.2012
Zitat von sysopplainpictureKissenherzen, aufblasbare Herzen mit Füsschen und Rosen, Rosen, Rosen: Am 14. Februar zeigt die Ideologie der romantischen Liebe ihre schrecklichste Fratze. Der Valentinstag ist eine Zumutung für Singles. Es ist höchste Zeit, diesen Feiertag der Pärchendiktatur zu ächten. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,814999,00.html
Wahrhaft, der Valentinstag ist ein kollektiver "Denk an Dich und liebe Dich "- Zwang . Einfach ignorieren.
2. titel
mm71 14.02.2012
Zitat von sysopplainpictureKissenherzen, aufblasbare Herzen mit Füsschen und Rosen, Rosen, Rosen: Am 14. Februar zeigt die Ideologie der romantischen Liebe ihre schrecklichste Fratze. Der Valentinstag ist eine Zumutung für Singles. Es ist höchste Zeit, diesen Feiertag der Pärchendiktatur zu ächten. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,814999,00.html
Der Valentinstag ist doch kein Problem für Singles. Der ist - wenn man sich denn davon verrückt machen lässt - ein Problem für Paare, und hier insb. die Männer. Nein, das Problem von Singles sind die Sonntagnachmittage, wo man allein zuhause sitzt, die Weihnachtstage, wenn die Freunde alle keine Zeit haben, die Feiern, wo man zunehmend alleine am Katzentisch hockt, weil man keine Begleitung hat, Urlaube alleine, weil die Kumpels von früher alle liiert sind usw. usw. Und niemand da, den man mal anrufen kann "kannst du heute mal... ich schaffe es nicht". Allein halt. (Na gut, ein paar Vorteile hat's ja auch...)
3. 365 Tage im Jahr
phrasenmaeher 14.02.2012
Zitat von sysopplainpictureKissenherzen, aufblasbare Herzen mit Füsschen und Rosen, Rosen, Rosen: Am 14. Februar zeigt die Ideologie der romantischen Liebe ihre schrecklichste Fratze. Der Valentinstag ist eine Zumutung für Singles. Es ist höchste Zeit, diesen Feiertag der Pärchendiktatur zu ächten. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,814999,00.html
Und jeder dieser Tage hat seine ganz eigene Bedeutung, so wie der Valentinstag eben auch - beim "Tag des Witzes" hingegen ist das nicht mehr ganz so klar (geht er auf Fips Asmussen zurück?), Muttertag und Tag der Arbeit kennt man dann schon wieder eher. Was genau nun gibt es an Kitsch-Herzen sowie Großumsätzen von Parfümerie und Blumenläden einzuwenden? Und: Ist dieser Wunsch nach Zweisamkeit nicht weniger ein Diktat als vielmehr ein Teil der menschlichen Entwicklung? Resultiert daraus doch immerhin die Familie und damit letzten Endes das Bevölkerungswachstum. Sicher, im Zeitalter von Pille, Kondom und Co. springe.ich.gerne.von.Geschlechtspartner.zu.Geschlechtspartner, aber irgendwann ertönt dann doch wieder das bekannte "wir sind zusammen". Und spätestens, wenn der eigene Rollator kaum noch von der Stelle bewegt werden kann, ist der Mensch dankbar, wenn er Vertraute um sich herum hat, die ihm - so weit die eigenen Füße tragen - behilflich sein können. Auch das ist einer dieser Sinne und Zwecke von Familiengründungen, auch wenn parallel zu Pille, Kondom und gesellschaftlicher Offenheit dieser Grundgedanke nicht selten empfindlich von Rosenkriegen, Erbaschaftsstreitigkeiten etc. gestört wird. Die Autorin des Artikels ist gerne Single. Das freut mich für sie. Wenn sie jetzt noch diesen einen Tag im Jahr, wo fürchterliche Plüschkissen mit "I Love you"-Aufdrucken untereinander verschenkt werden, zu tolerieren lernt und sich sagt, sie hat ja noch 364 weitere Tage, freut es mich noch mehr für sie.
4. .
frubi 14.02.2012
Zitat von sysopplainpictureKissenherzen, aufblasbare Herzen mit Füsschen und Rosen, Rosen, Rosen: Am 14. Februar zeigt die Ideologie der romantischen Liebe ihre schrecklichste Fratze. Der Valentinstag ist eine Zumutung für Singles. Es ist höchste Zeit, diesen Feiertag der Pärchendiktatur zu ächten. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,814999,00.html
Ich bin schon seit Jahren Single und habe überhaupt kein Problem damit, glücklichen Pärchen diesen Tag zu gönnen. Die Frage, die ich mir dabei nur stelle: wieso brauchen Menschen immer von fremden festgelegte Tage um etwas besonderes zu machen? Die schönsten Überraschungen sind doch die mit denen man nicht rechnet.
5.
Babs50+ 14.02.2012
Da sitzt man nun friedlich und heiter zuhause um diesem ganzen Rummel zu entgehen, und wer muß das Thema uuuuunbeeeedingt zum gemütlichen zweiten Frühstück aufs Tapet bringen........Ja, der Spon kanns nicht lassen und hat sozusagen die "kritische Version" gesetzt Ach, Leute, lasst mich doch mit diesem Valentinsmist in Ruhe und schreibt morgen drüber, herrje, ist doch nicht so schwer.....
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Zur Autorin
DPA
Christiane Rösinger, Jahrgang 1961, wurde bekannt als Mitglied der Band Lassie Singers (1988 bis 1998), gründete 1998 das Label Flittchen Records und ist Kopf der Gruppe Britta. 2010 erschien Rösingers Soloalbum "Songs Of L. and Hate". Zusätzlich schreibt sie für verschiedene Medien und hat den Roman "Das schöne Leben" (2008) veröffentlicht.

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