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"Vanity Fair" am Kiosk: Wochenmarkt der Biederkeiten

Von Reinhard Mohr

Willkommen im Neo-Biedermeier, dessen Zentralorgan seit heute am Kiosk liegt: Die deutsche "Vanity Fair", mit Millionenaufwand produziert und vermarktet, hat viele Seiten, wenig Inhalt. Das neue Wochenblatt für die coolen "Movers und Shakers" kommt altbacken daher.

Manchmal sind die Dinge eben doch ganz einfach. Im Erdgeschoss des schön restaurierten Berliner Gründerzeithauses Unter den Linden Nr. 10, unweit der historisch berühmten Kreuzung Friedrichstraße, steht ein Ferrari "Spider 1" zum Schnäppchenpreis von 189.000 Euro im Schaufenster. Gegen Barzahlung selbstverständlich. Drei Stockwerke darüber, in einem endlos langen, weiß durchfluteten Loft kippen Sekretärinnen "Vittel" - oder war es doch "Evian"? - in die Espressomaschine.

Keine Frage, hier muss einfach die Redaktion der deutschen Ausgabe von "Vanity Fair" residieren, deren lang erwartetes erstes Heft heute erschienen ist.

"Eine Mischung aus glamourösen Geschichten, harten News und Facts und Figures" - "Genuss und Entspannung auf höchstem Niveau" - will Chefredakteur und Sportwagenfan Ulf Poschardt, 39, mit seinen derzeit 80 Mitarbeitern auf den Markt der Eitelkeiten werfen. Einige von ihnen haben allerdings schon wieder ganz unglamourös gekündigt.

So ist die Stimmung in der Redaktion, wo das nächste Heft an den flirrenden Apple-Rechnern schon vorbereitet wird, durchaus angespannt, zumal die deutsche Vanity Fair, anders als das amerikanische Muttermagazin im Condé Nast Verlag ("Vogue", "New Yorker") nicht monatlich, sondern Woche für Woche erscheinen soll. Andererseits werden auch nur 120.000 Käufer angepeilt, zehnmal weniger als in den Vereinigten Staaten. Der spottbillige, konkurrenzlos niedrige Einführungspreis von 1 Euro dürfte jedoch nicht von Dauer sein. Bald werden die opulenten Text- und Fotostrecken zwischen den Gucci- und Prada-Anzeigen deutlich teurer werden.

Im heißlaufenden Medienhype der unzähligen Vorberichte, "Exklusiv"-Porträts und Vorab-Interviews ist beinah alles schon gesagt worden: Es gehe um die "Ästhetik der Berliner Republik" und ihre "Elite", um ein "neues Deutschland" und die Coolness des neuen "Geschmacksbürgers, um Tratsch und Kritik, Information und Showbiz, kurz und englisch: "It's all about movers and shakers". Ja nee, is' klar.

Dennoch war bis zur Magazin-Premiere einen Tag vor Beginn der "Berlinale" immer noch nicht völlig klar, warum die Nation neben "Stern", "Gala", "Bunte", "Vogue", "GQ", "inTouch", "AD", "Max", "Park Avenue" und einem Dutzend ähnlicher Magazine noch eine deutsche "Vanity Fair" braucht. Poschardt, der über die "DJ Culture" promovierte, Bücher über Stil und Mode schrieb (zuletzt über "Einsamkeit") und nach langen Jahren beim Münchner "SZ Magazin" zuletzt "Creative Director" von Springers "Welt am Sonntag" war, verfügt zur Beantwortung dieser Frage, gemeinsam mit dem deutschen Condé-Nast-Chef Bernd Runge, 46, nicht nur über geschätzte 50 Millionen Euro Kapital, sondern auch über den freundschaftlichen Rat seines amerikanischen Chefredakteurs-Kollegen: "Don't make it look too rough, make it noble!"

Von Noblesse und Eleganz versteht Poschardt etwas. In seinem 1998 erschienenen modetheoretischen Buch "Anpassen" definierte er Eleganz als jenes "Flüchtige", das die "Aura des Ewigen" annehme: "Das Akzeptieren des Vergänglichen lässt das Ewige nur als präzise Einfassung des vergänglichen Jetzt denkbar werden."

Allzu flüchtig

Leider zeigt eine erste, intensive Durchsicht des 328-seitigen Hefts: Allzu flüchtig, ja fadenscheinig ist die Eleganz, sehr vergänglich und ohne jede Aura des Ewigen. Stets hat man das Gefühl, diesen Text und jenes Foto schon woanders gesehen zu haben, nur besser und präziser eingefasst im Hier und Jetzt. Das gilt zuallererst für den Titel: Til Schweiger mit Zicklein auf dem Arm - "Frauen lieben sein Lächeln, Männer sind neidisch" -, unser "größter Kinostar", der ab Seite 70 lasziv-obszön mit dem spritzenden Wasserschlauch hantiert und im ellenlangen Interview bekennt "Ich bin gern Trophäe". Da freuen wir uns aber.

Nach einer 16-seitigen Marathon-Anzeigenstrecke von "Armani" bis "Dior", sehen wir zum ersten Mal schwarz auf weiß, worum es geht: "Inhalt" steht groß darüber. Neben den üblichen Magazinrubriken sorgen vier große Kapitel für die Grobstruktur des Heftes: "Leute", "Agenda", "Kultur", "Stil". Während der Kulturstil der Leute heute ziemlich einheitlich daherkommt, steht die Agenda fürs große Ganze, für Politik, Globalisierung und andere Weltkatastrophen.

Um es gleich zu sagen: Das versammelte Glamourpersonal des "neuen Magazins für Deutschland" sieht ziemlich alt aus: Victoria Beckham, Sigmar Gabriel, Eddie Murphy, Robert de Niro, Kylie Minogue, Britta Steffen, Bushido und viele andere, denen man nicht gerade vorwerfen kann, eine Neuentdeckung zu sein. Auch Hannah Herzsprung, der neue deutsche Filmnachwuchsstar, ist nun keine echte Ausgrabung mehr, und auch Barack Obama, der ins Weiße Haus einziehen will, kommt uns längst sehr vertraut vor.

Auf den folgenden Seiten hält dann jener merkwürdig kleinteilige und seltsam vorgestrig wirkende Bildersalat nach "Bunte"-Art Einzug - mit freigestellten oder clusterartig zusammengeschobenen Miniporträts, Objekten aller Art und erklärenden Inserts, die nur auf eines Lust machen: aufs Weiterblättern. Für optische Ruhe und Großzügigkeit, wer will: für zeitlose Eleganz, sorgen vor allem die doppelseitigen Anzeigen der größten Modehäuser dieser Welt. Aber die gibt es eben auch bei "Elle" und "Vogue".

Leute von gestern

Vielleicht, sagt man sich, bringt es ja die "Leute"-Strecke, die eigentliche Domäne des Jahrmarkts der Eitelkeiten, der ganze Wahnsinn öffentlich ausgestellter Selbstliebe und Selbstzerfleischung: "People"-News samt Klatsch und Tratsch. Angelina Jolie und Brad Pitt, lesen wir, sollen eine 600 Quadratmeterwohnung in Berlin gekauft haben. Ein bisschen Kate Moss und Pete Doherty, deren Leben allerdings auch in der "Augsburger Allgemeinen" und im "Westfalenblatt" zuverlässig verfolgt werden kann, ein bisschen junges Mutterglück von Heike Makatsch, und ja, Mariah Carey hat sich für den "Playboy" ausgezogen, obwohl sie eigentlich furchtbar schüchtern ist - yesterday's news.

Die Verleihung der "Goldenen Kamera" - Sie erinnern sich noch? - mit Thomas Gottschalk, Oliver Berben, Lilo Pulver, Andrea Sawatzki, Yvonne Catterfeld und Herbert Knaup ist eine von drei "Partys der Woche" ebenso wie der "Ball des Sports", auf dem Johannes B. Kerner, Nina Ruge und Theo Waigel samt Ehefrau Irene zu den absoluten Stars des Abends zählten.

So viel Provinzialität muss auch den Blattmachern irgendwann aufgefallen sein, und so soll die anschließende sechsseitige Geschichte samt "Royalty-Testbogen" über die Liebschaften der englischen Prinzen William und Harry für ein bisschen internationalen Ersatz-Glamour sorgen. "Mädchen zum Anbeißen" seien Kate und Chelsy - derart luzide formuliert der ausgewiesene britische Adelsexperte Christopher Wilson und gibt damit das Niveau des Textes vor. Immerhin veranschaulicht der Artikel in Form eines braven Dossiers an eine imaginäre Majestät noch einmal das schöne Wort von der Hofberichterstattung, das die Jungen unter uns ja nur noch als Metapher kennen.

Von Lockerheit keine Spur

Der Vorteil einer deutschen Schwimm-Prinzessin wie Britta Steffen allerdings liegt auf der Hand: Sie darf ihr wohlgeformtes Hinterteil im goldfarbenen Body zur Schau stellen und gleichwohl bekennen, ihre Vorstellung vom Glück sei es "eine Familie zu haben, die einen in jeder Lebenssituation auffängt". Das ist die neue deutsche Freiheit zwischen Eva-Prinzip und Uschi-Prinzip, die neue deutsche Lockerheit.

Leider, und das wird mit jeder Seite immer deutlicher, gebricht es der deutschen "Vanity Fair" gerade daran: Von Lockerheit keine Spur, dafür viel Angestrengtheit beim vermeintlichen Spaßhaben, von Ironie ganz zu schweigen. "So überleben Sie die Berlinale" verkünden fünf chaotische Puzzle-Seiten halbwitzig todernst, die wie ein Schnittmuster für Pappcollagen im Kunstunterricht der Sekundarstufe 1 daherkommen: Tipps und Gimmicks, Promifigürchen und Termine rund um das Filmfestival. Es fehlt nur noch die angeklebte Plastikschere zum Ausschneiden von George Clooney. Unvermeidlich: Das "Borchardt" als Hot Spot und "Konnopke" als beste Currywurst-Location in town. Ach ihr Mover und Shaker!

Da reißen auch Eddie Murphy und seine "Dreamgirls" - Filmstart vor einer Woche - nichts mehr raus, und so stürzt man sich auf die "Agenda". Das stolz angekündigte Interview mit Bob Geldof umfasst exakt vier Fragen und vier Antworten zum G8-Gipfel in Heiligendamm. Kostprobe: "Herbert Grönemeyer engagiert sich sehr, gerade habe ich mit Peter Maffay gesprochen und werde Thomas Gottschalk anrufen. Ich würde gerne eine "Wetten, dass...?"-Spezialausgabe zum G8-Gipfel veranstalten." Da werden sich die Mächtigen der Welt aber warm anziehen müssen.

Einziger Essay: Bushido

So wirft man sich neugierig auf den "Scoop" der Ausgabe, Michel Friedmans Reportage aus dem Inneren der NPD. Doch auch die legendäre Beredsamkeit des TV-Moderators und einstigen stellvertretenden Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland kann verbohrte, den Holocaust leugnende Nazis nicht umstimmen. Wenn, dann hätte es Friedman, wie ehedem Günter Wallraff, undercover machen müssen. Doch dabei hätten seine Bodyguards gestört.

Schnell noch das Obama-Porträt gelesen, einen Blick in die Internet-Zukunft des Fernsehens geworfen, die so brandneu nun auch nicht mehr ist, und dann kommt schon die "Kultur". In ihrem Zentrum stehen nicht etwa Film-, Theater- und Kunstrezensionen, auch nicht das Baselitz-Porträt, schon gar nicht Jörg Thadeusz' ziellos herumschwadronierende Fernseh-Kolumne, sondern Bushido, der Berliner Brutalo-Rapper. Im einzigen Essay des gesamten Hefts bekennt sich der 28-jährige Sohn eines Tunesiers und einer Deutschen, dessen "Gang Bang"-Lied mit den Zeilen "Ein Schwanz in den Arsch, ein Schwanz in den Mund, ein Schwanz in die Fotze, jetzt wird richtig gebumst" anhebt, als wahrer Patriot: "Wenn jemand keinen Bock hat, hier zu wohnen, soll er seinen Pass auf den Tisch legen und sich verpissen."

In Frankreich, bei einem kurzen Halt in Straßburg, hatte er sein nationales Erweckungserlebnis: "Ich bin ausgestiegen, habe mich kurz umgesehen und gedacht: 'Ihr seid ja wohl alle behindert hier'. Die Autofahrer, die Restaurants, die Nummernschilder, die Verkehrsschilder, alles." Dann ist er "Vollgas" über die Grenze gefahren, und alles war wieder gut.

Hier kann nun auch die Flucht in die Abteilung "Stil" nichts mehr retten, trotz Robert Wilsons "Hommage-Videos" und Robert de Niros Coolness, die aber erst nach dem vierten Kurzinterview zu Papier gebracht werden konnte. Es reicht, und dass Deutschlands Busenluder Nummer 1, Tatjana Gsell, das letzte Wort hat, passt. Die Typen wollen immer nur Sex von ihr, während sie doch so gerne "Chirurgin" werden würde. Bis es soweit ist, verzehrt sie aber am liebsten "Cheeseburger und Pommes und Cola Light".

Vollends erschöpft sinkt der längst schon ungeneigte "Vanity-Fair"-Leser darnieder und denkt sich: Wozu das alles? Keine Idee, keine Ambition, keine Leidenschaft. Nicht einmal profilierte, gar erstklassige Autoren, die etwas zu sagen hätten. Nur ein verlegerisches Kalkül mit viel Geld. Ein überflüssiges Kunstprodukt mit ein wenig abgestandener pseudoelitärer Zeitgeist-Sauce.

Im Nachhinein muss man sogar den Machern der einmaligen "Tempo"-Jubiläumsausgabe ein klein wenig Abbitte leisten: Sie hatten immerhin einen Impetus, der nicht nur von Markt und Design herrührte. Aber auch sie hatten die einfachste Wahrheit missachtet: Wer cool sein will, ist nicht cool.

Vielleicht aber ist alles auch ganz anders. In der Rezension der Wiener Biedermeier-Ausstellung, die die "Denunziation des Biederen" eindrucksvoll widerlege, schreibt Chefredakteur Ulf Poschardt: "Unsere Gegenwart darf getrost als Neo-Biedermeier bezeichnet werden."

So kann man es natürlich auch sehen.


Korrektur: Fälschlicherweise behaupteten wir in unserem Text, die Meldung über den Berliner Wohnungskauf von Brad Pitt und Angelina Jolie habe bereits vor längerer Zeit im "Tagesspiegel" gestanden. Tatsächlich ist diese Neuigkeit ein "Vanity Fair"-Original. Zudem legt Conde Nast Wert auf die Feststellung, dass nicht die gesamte Kulturredaktion vor dem Start gekündigt hat, wie ursprünglich in unserem Text beschrieben, sondern nur drei von acht Redakteuren. Wir bitten, die Fehler zu entschuldigen.

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1.
inci 07.02.2007
---Zitat von sysop--- Nach Meinung unseres Kritikers hat das neue "Vanity Fair" viele Seiten, aber wenig Inhalt. Haben Sie schon einen Blick auf das neue Wochenmagazin geworfen? Hat der Autor Recht? ---Zitatende--- ja, habe mir trotzdem ein exemplar geleistet, weil man ja nicht weiß, wie lange es überhaupt existieren wird......
2. schade spiegel
glenfinnan, 07.02.2007
ich habe mir heute morgen die deutsche vanity fair gekauft und finde dieses Magazin interessant. eine gute mischung aus verschiedenen bereichen unserer gesellschaft. auch wenn ich gerne den spiegel lese, finde ich nun diesen artikel als versuch dieses neue magazin zu deklassieren mehr als peinlich. was sollen diese sprüche von evian in der kaffeemaschine? selbst wenn es war wäre. solche art von "berichterstattung" ist bild-zeitung niveau und entkräftet allein dadurch jegliche kritik an vermeintlich "biederen" magazinen.
3. Preis: 1,- €
Born to Boogie, 07.02.2007
---Zitat von sysop--- Nach Meinung unseres Kritikers hat das neue "Vanity Fair" viele Seiten, aber wenig Inhalt. Haben Sie schon einen Blick auf das neue Wochenmagazin geworfen? Hat der Autor Recht? ---Zitatende--- Nun, schön ist doch, daß ich das Ding nicht kaufen muss. In Hannover, gibt es übrigens einen Imbiss, da bekommt man für 1,- € ne' richtig lekkere Bratwurst !
4.
mister_L, 07.02.2007
---Zitat von sysop--- Nach Meinung unseres Kritikers hat das neue "Vanity Fair" viele Seiten, aber wenig Inhalt. Haben Sie schon einen Blick auf das neue Wochenmagazin geworfen? Hat der Autor Recht? ---Zitatende--- Blick drauf geworfen und erkannt: Nein, der Autor hat nicht Recht! Interessantes Magazin, nicht das Rad neu erfunden, aber das war wohl kaum Ziel der Übung. Vielmehr macht Ihr Autor den Eindruck, als liege bei Ihm etwas im Argen. Statt eine uninspirierten Watschen in´s Gesicht der Konkurrenz sollte er lieber über seine eigene "Lockerheit" nachdenken! Selten so einen verkrampfte Kritik lesen müssen. Tat mir schon während des Lesens leid, Ihr Autor...
5.
Knorkator 07.02.2007
"Movers" und "Shakers"? Mein Gott, wer denkt sich bloß so einen Blödsinn aus!!! Sind das die Leute, die zu Events gehen, ihre Nahrung beim Power Lunch zu sich nehmen und sich ansonsten zu einem active Lifestyle committen? Jedenfalls weiß ich jetzt - auch ohne einen Blick hineingeworfen zu haben - daß ich das Heft nicht brauch. Was bin ich froh, daß ich nicht cool bin. Kopfschüttelnd, Knorkator
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