"Vera Brühne" Reloaded Rückkehr der verteufelten Blondine

Das gab's noch nie: Ein Privatsender floppt mit einem ambitionierten Spielfilm - Jahre später kauft die ARD das Werk und lässt es umschneiden. Das Ergebnis ist ein exzellentes Justizdrama: Den Krimi "Vera Brühne" über Geld, Macht und schwitzende Männerkörper muss man heute Abend sehen.

Von


Eine "Lebedame" nannten sie die Zeitungen. Zweimal geschieden war sie, und mit Frauen soll Vera Brühne auch geschlafen haben. Das reichte in der Nachkriegsära mit seinem Feinripp-Sex, um sich vorstellen zu können, dass sie zu jeder Ungeheuerlichkeit fähig sei.

Wer außer ihr sollte also den Frauenarzt Dr. Otto Praun am Gründonnerstag 1960 auf seinem Anwesen am Starnberger See samt dessen Haushälterin erschossen haben? Offensichtlich war Brühne dem Doktor gegen finanzielle Zuwendung sexuell zu Diensten, und ihr Alibi für die ungefähre Tatzeit war mehr als brüchig.

Aufgrund fragwürdiger Indizien sprach man sie und ihren Bekannten Johann Ferbach zwei Jahre später des Doppelmordes schuldig. Brühne saß bis 1979 in Haft, dann wurde sie begnadigt – just in jenem Moment, als ihr Fall endlich neu verhandelt werden sollte. Zuvor hatten die Gerichte ganze acht Wiederaufnahmeanträge abgeschmettert. Irgendjemand hatte großes Interesse daran, dass die Sache nicht mehr aufgerollt wird. Jüngst zugänglich gemachte Akten belegen, dass auch der BND seine Hände im Spiel hatte.

Auch fast fünf Jahrzehnte später bleibt der Fall Vera Brühne eines der großen Rätsel der jungen Bundesrepublik. Angemessen also, dass die Macher des Zeitgeschichtskrimis "Vera Brühne" zur weiteren Durchdringung der Materie nicht nur virtuos alle Mittel des Gerichtsthrillers ausschöpfen – sondern gleich auch noch fernsehjuristisches Neuland betreten: 2001, wenige Wochen, nachdem Brühne 91-jährig verstorben war, hatten sie ihren Film als knapp fünfstündiges Zeitenpanorama bei Sat.1 ausgestrahlt, nun haben sie im Auftrag des NDR aus dem Material für die ARD einen Dreistünder mit extrem schnellen Puls geschnitten.

Was für ein Ereignis: Ein öffentlich-rechtlicher Sender erwirbt von der privaten Konkurrenz einen Film, um ihn dann in einem radikalen Remix zu präsentieren. Und zu Recht: Wenn ein TV-Movie je eine solch aufwendige und rechtlich komplizierte Revision verdient hat, dann ist das "Vera Brühne".

Geschäfte mit Beischlaf oder Bombgerät

Der Regisseur und gelernte Jurist Hark Bohm ("Der kleine Staatsanwalt") nutzt das historische Gerichtsverfahren als Grundlage für ein verschlungenes Verschwörungsszenario. Der ermordete Arzt war in Waffengeschäfte verstrickt, an denen auch höchste Kreise der deutschen Politik beteiligt gewesen sind. Ob Geschäfte mit Beischlaf oder Bombgerät – unterm Nierentischchen ging es offensichtlich hart zur Sache. Die verstörende Wirkung stellt sich vor allem deshalb ein, weil die ausladende Geschichte sich bedenklich der Gegenwart nähert, ohne zu einem befriedigenden Abschluss zu kommen.

Für den Sat.1-Zuschauer war das bei der Erstausstrahlung vor sieben Jahren wohl eine zu große Zumutung. Die beiden Folgen des rund sechs Millionen Euro teuren Recherche-Thrillers soffen quotentechnisch ab – und waren letztlich dafür verantwortlich, dass sich der Sender von der Produktion schwieriger Eventmovies verabschiedete. Seitdem produzierte man bei Sat.1 höchstens noch Histotainment-Edelkitsch wie "Die Luftbrücke", wo Gut und Böse schön übersichtlich präsentiert werden.

Solch ein piefig-redliches Puschenkino ist mit Hark Bohm nicht zu machen. Was keineswegs heißt, dass er nicht klar Position für seine Filmheldin bezieht. Die wird nämlich sehr wohl als Opfer gezeichnet – und das gleich in dreifacher Hinsicht: Opfer einer legeren Handhabung des Rechts, wo Mutmaßungen von einer immer noch nazistisch durchwirkten Justiz zu Beweisen umgedeutet wurden. Opfer eines Komplotts, bei dem Bonzen aus Industrie und Politik mitgemischt haben. Und schließlich Opfer einer rigiden Moralvorstellung, die jede offene Abweichung von den Paarungskonventionen der Nachkriegsrepublik streng sanktionierte.

Verteufelte Blondine

Doch es ist Corinna Harfouch zu verdanken, dass die Titelfigur eben nicht zu einer heiligen Johanna der Aufklärung stilisiert wird. Harfouch, die mit ihrem blondierten Haar an die Hollywood-Diva Barbara Stanwyck erinnert und mit der gleichen unterkühlten Erotik spielt, hält ihre Figur ambivalent. Einerseits setzt Brühne ihre Sexualität geschickt als Ware ein, andererseits kämpft sie auf geradezu rührende Art um ihre Würde. Ist die Frau nun besonders naiv oder extrem gerissen? Harfouch gelingt es, die längst zur Ikone erstarrte Brühne mit Leben zu füllen, ohne ihr das letzte Geheimnis zu nehmen.

Das erstaunt in der revidierten Fassung umso mehr, da diese jetzt komplett um die verteufelte Blondine herum gebaut ist. Der gesellschaftliche Panorama-Blick der Originalversion wird hier verengt, sodass sich fast alle Szenen um Brühne drehen – eine objektive Sicht auf die Verstrickungen der Dame gibt es allerdings wieder nicht.

In einem nervösen Rückblendengeflecht werden die Ereignisse nämlich aus unterschiedlichen Perspektiven rekonstruiert, Falschaussagen und wacklige Mutmaßungen inklusive. Das fühlt sich an wie Billy Wilders Courtroom-Klassiker "Zeugin der Anklage" als dreistündiges Jump-Cut-Gewitter.

Die Freunde der gepflegten Geschichtsnostalgie dürften sich diesmal also noch erschrockener abwenden, auch wenn es hier im hitzigen Stakkato der echten und vermeintlichen Erinnerungen manch interessanten Einblick gibt. Denn so schmerzlich es ist, dass viele der kaleidoskopischen Impressionen des Nachkriegsspektakels nach der Straffung von 280 auf 180 Minuten nur als schroffe Fragmente aufleuchten – die politische Dimension dieses modernen Fernsehklassikers kommt deutlicher zum Tragen.

Mit Verweisen auf den BND und den bayerischen Landesfürsten Franz Josef Strauß, der Brühne Ende der Siebziger begnadigte und so weitere Untersuchungen verhinderte, wird in dem nachgerüsteten Sittengemälde nun wie nebenbei auch die alte Verschwörungstheorie von der heimlichen Wiederbewaffnung neu befeuert. Geld, Macht und schwitzende alte Männerkörper - "Vera Brühne Reloaded" zeichnet auf verstörende Weise die psychosexuellen Strömungen nach, die zur Aufrüstung in der jungen Bundesrepublik führten.


"Der Fall Vera Brühne": Teil 1 + 2: heute, 21.00 Uhr, Arte
Teil 1: 21.3., 20.15 Uhr, ARD
Teil 2: 22.3., 20.15 Uhr, ARD



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.