"Verbotene Kunst" Russische Kunstexperten kommen mit Geldstrafe davon

Sie zeigten, was andere Museen nicht zu zeigen wagten. Wegen einer provokanten Ausstellung wollte die Staatsanwaltschaft die russischen Kuratoren Andrej Jerofejew und Juri Samodurow für drei Jahre ins Straflager schicken, das Gericht entschied wesentlich milder.

Prominenter Verurteiler Andrej Jerofejew: Zu "religiösem Hass aufgewiegelt"
Jewgenij Kondakow

Prominenter Verurteiler Andrej Jerofejew: Zu "religiösem Hass aufgewiegelt"


Moskau/Hamburg - In einem umstrittenen Prozess um die Freiheit der Kunst hat ein Moskauer Gericht den international renommierten Experten Andrej Jerofejew schuldig gesprochen. Mit der Ausstellung "Verbotene Kunst" hätten Jerofejew und der Mitangeklagte Juri Samodurow zu "religiösem Hass aufgewiegelt", urteilte das Gericht am Montag nach Angaben der Agentur Interfax. Jerofejew hatte in der Schau religiöse und politische Tabus in der russischen Kunstwelt zum Thema gemacht.

Das Gericht blieb mit seinem Strafmaß allerdings deutlich hinter dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Der 54 Jahre alte Jerofejew muss demnach eine Geldstrafe von 150.000 Rubel (3800 Euro) zahlen, der 58-jährige Samodurow 200.000 Rubel. Die Staatsanwaltschaft hatte jeweils drei Jahre Straflager beantragt. Das Urteil erging auch wegen "Erniedrigung der Menschenwürde".

Menschenrechtler, Künstler und Museumschefs kritisierten die Entscheidung als unzulässige Einmischung des Staates in die Kunstfreiheit. Die Künstlergruppe "Wojna" (zu deutsch: "Krieg") setzte als Zeichen des Protests einige Tausend Kakerlaken im Gericht aus. Die Polizei nahm die Aktivisten fest.

Jerofejew und Samodurow hatten 2007 die Ausstellung "Verbotene Kunst" im Moskauer Sacharow-Museum gezeigt und damit den Unmut russisch-orthodoxer Christen und rechtsextremer Nationalisten auf sich gezogen. Es handelte sich um Werke international anerkannter russischer Non-Konformisten der siebziger Jahre, unter ihnen Ilja Kabakow und Michail Roginski; in den staatlichen Museen waren sie nicht gezeigt worden. Die Schau beinhaltete unter anderem ein Jesus-Bild auf der Werbung einer Fast-Food-Kette oder eine Micky-Maus-Figur auf Heiligenbildern.

Damit verletze die Schau die Gefühle von russisch-orthodoxen Christen in gröbster Weise, hatte die Anklage argumentiert. Der Prozess gilt als einmalig in der Geschichte des neuen Russland. Menschenrechtsorganisationen hatten den Prozess mit Sorge verfolgt und erklärt, es bestehe die Gefahr, dass die Zensur der Kunst aus Zeiten der Sowjetunion wiederaufgenommen werde.

can/dpa/apn



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