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Verbotshysterie: Die Lust steht auf der Kippe

Von Jenny Hoch

Zigaretten, Alkohol, Fastfood: Der Staat dringt mit immer härteren Verboten immer tiefer in die Privatsphäre der Bürger vor. Die Lustfeindlichkeit triumphiert über den Individualismus. Doch wer will schon in einer Welt leben, die statt nach Abenteuer nach Sagrotan riecht?

Die Nachricht schlug in Bayern ein wie ein Blitz: Auf dem Oktoberfest, der eher derberen Variante des Exzesses, soll ab kommendem Jahr nicht mehr geraucht werden dürfen. Skandal, schrien die entsetzten Bierzelt-Fans. Hoch die Krüge ohne Kippe? Unmöglich! Fetzenrausch im Gesicht, fesches Madl im Arm, aber keine Zigarre zwischen den Zähnen? Ein Graus! Die Wirte machten sofort mobil gegen die CSU, der Chor der Empörten nahm griechisch-tragödische Ausmaße an: "In fünf Jahren verbieten sie sogar den Alkohol", grantelte es, und einige verstiegen sich sogar zu der These, "zum Lachen" müsse man demnächst ins Ausland fahren.

Im Ernst: Sind Szenarien wie das rauchfreie Oktoberfest tatsächlich allein Ausdruck eines neuen, gesundheitsbewussten Trends zum Feierabend-Amüsement ohne Reue? Oder sind sie doch eher Ausdruck der faden Lebenseinstellung einer passiven, gelangweilten Elite, die gar nicht mehr weiß, wie man das Wort Rausch eigentlich buchstabiert? Auf der Watch-List steht längst alles, was Spaß macht und ungesund ist: Zigaretten, Alkohol, Fett. Der Staat hat sich mit seiner immer rigider werdenden Verbotspolitik längst gegen alles Lasterhafte in Stellung gebracht, die viel gescholtene Industrie sekundiert ihm mit Wellness-Ratgebern und Light-Produkt-Empfehlungen.

Alle meinen es nur gut mit uns und wir es selbst mit uns am meisten. Wir leben optimiert und austariert, fühlen uns umsorgt und gepäppelt. Dass wir längst auch normiert und ausspioniert sind, fällt dabei kaum auf.

Natürlich haben einige Verbote, die das Alltagsleben betreffen, gute Gründe. Rauchen ist da ein Paradebeispiel. Es stinkt, ist ungesund und oft sogar tödlich, das beweisen unzählige Studien. Dazu kommt, dass Rauchen nicht einmal mehr dazu taugt, das eigene Image aufzupolieren.

Die große weite Welt - sie riecht nach Sagrotan

Während früher die coolsten Typen (Humphrey Bogart, James Dean) und die schlauesten Köpfe (James Joyce, Thomas Mann, Jean Paul Sartre) selbstverständlich rauchten, ist die Zigarette heute zum Unterschichten-Symbol geworden: Nur Loser, Prekariatsangehörige und undisziplinierte Kerle rauchen noch. Selbst der Marlboro-Man würde heute den Büffel komplett ohne Glimmstängel erlegen und dabei eine wesentlich bessere Figur machen, als sein quarzender Vorgänger. Die große weite Welt riecht längst nicht mehr nach Tabak, sie riecht nach Desinfektionsmittel, nach Sagrotan.

Doch es geht um etwas anderes, es geht ums Prinzip, es geht um die Verteidigung der persönlichen Freiheit, das zu tun oder lassen, was einem gefällt, auch wenn es schadet. Und es geht darum, was der Staat uns vorschreiben darf und was nicht.

In der Stadt Belmont bei San Franciso zum Beispiel, herrscht bald das härteste Rauchverbot der Welt. Von Dezember an dürfen nur noch Bewohner freistehender Einfamilienhäuser rauchen. In allen anderen Wohnungen, und natürlich auch in öffentlichen Gebäuden und Parks drohen empfindliche Strafen. Gleicht diese drakonische Beschneidung der persönlichen Freiheit nicht eher einem totalitären "Schöne neue Welt"-Szenario als einer sinnvollen Gesetzesänderung?

Im goldenen Käfig der Passivität

Wir leben längst in einer "therapeutischen Sicherheitsgesellschaft", wie der Soziologe Wolfgang Sofsky die kritiklose Haltung des Bürgers gegenüber dieser Form von staatlicher Gängelung in seinem Buch "Die Verteidigung des Privaten" nennt. Die Gesellschaft selbst verstärkt die Verbotspolitik des Staates noch, indem sie selbst die Dinge, die Spaß machen, zum Problem erklärt. Sie selbst versucht, sich zu optimieren, jeden Aspekt des persönlichen Lebens, selbst die Freizeitgestaltung, effizient zu gestalten.

Weil umgekehrt jeder seinen Platz in der Gesellschaft will, glaubt der Staat, er müsse jedem einzelnen seinen Platz zuweisen und die Einhaltung der Norm durch Verbote kontrollieren. Selbstbestimmung ist zunehmend weniger gefragt – und, so Sofsky, auch immer weniger gewollt, schließlich bevorzugen viele Menschen die "bequeme Unselbständigkeit. Sie lassen andere für sich sprechen, denken und handeln und ziehen sich in den Käfig der Passivität zurück". Platz für Ausschweifungen oder gar Exzesse ist im Leben des standardisierten Normalbürgers natürlich nicht.

Die werden stellvertretend von Prominenten durchlebt: Britney Spears, Lindsay Lohan, Amy Winehouse, Pete Doherty, Ben Becker - die Liste ist lang. An deren Zigaretten, drogen- und alkoholgetränkten Entgleisungen ergötzt sich der vernunftssedierte Bürger - mit gebührendem Sicherheitsabstand, versteht sich.

Staatliche Gängelung ist höchst willkommen

Doch wenn der Soziologe Georg Simmel einst den Ersatz der behäbigen Zigarre durch die schlanke Zigarette als Symptom der buchstäblichen Kurzatmigkeit der modernen Welt deutete, was hat dann die komplette Auslöschung jeglicher Tabakwaren aus dem öffentlichen Leben zu bedeuten?

"Mit einem Lebensgefühl hat das nichts zu tun", sagt Sofsky, "eher mit einer Disziplinierung, die in die Körper hineinregiert". Es handelt sich also, im Foucaultschen Sinne, um eine körperpolitische Maßnahme der Macht, mit dem Ziel, das zivile Leben zu vereinnahmen, es zu verwalten und zu kontrollieren.

Doch die staatliche Gängelung ist höchst willkommen. Statt Widerstand herrscht allgemeines Einverstandensein. Jens Jessen deutete den von oben verordneten Tugendterror in einem Essay in der "Zeit" als "autoagressives Moment", innerhalb dessen "der Staat nur Agent der Gesellschaft" sei. Doch die neue Lust am Verbot geht noch weiter: Gesetzestreue wird plötzlich als zivilisatorischer Zugewinn gefeiert, wie der "Stern" jüngst in einer Anti-Rauchen-Titelgeschichte feststellte.

Sofsky bleibt bei seinem Modell der therapeutischen Sicherheitsgesellschaft: "Als standardisierte Untertanen werden wir nur noch alkoholfreie Getränke ohne Zucker - und ohne Geschmack - zu uns nehmen, selbstverständlich nicht rauchen. Wir werden uns in die Augen sehen und fragen: Wo ist der Rausch geblieben?" Der Traum jeder Herrschaft von der Berechenbarkeit des Menschen, so Sofsky, wäre damit wahr geworden, das verwaltungsmäßige Optimum erreicht.

Und wir? Wir werden, geblendet von den Suchscheinwerfern der staatlichen Überwachungshelikopter, die permanent über uns kreisen, ein Buch aufschlagen, sagen wir, Thomas Manns "Zauberberg". Darin werden wir mit steigendem Unverständnis Zeilen lesen wie diese: "Ich verstehe nicht, wie jemand nicht rauchen kann, - er bringt sich doch, sozusagen, um des Lebens bestes Teil und jedenfalls um ein ganz eminentes Vergnügen! Wenn ich aufwache, so freue ich mich, dass ich tagsüber werde rauchen dürfen, und wenn ich esse, so freue ich mich wieder darauf, ja ich kann sagen, dass ich eigentlich bloß esse, um rauchen zu können."

Rauchen - was war das noch mal?


Die Autorin ist Nichtraucherin.

Wolfgang Sofsky: "Verteidigung des Privaten". Verlag C.H. Beck, 160 Seiten, 16,90 Euro.

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Zigaretten, Alkohol, Fastfood: Das Ende der Gelüste

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