Verfremdete Wahlplakate Die Rache des Volkes

Kohl mit Lippenstift, Schröder mit Clownsnase: Wahlplakate zu verfremden und ihre Slogans mit Graffiti zu konterkarieren, ist ein gern genutztes Mittel des Volkes gegen Polit-Frust. Eine Hamburger Ausstellung zeigt kunstvoll modifizierte Wahlplakate im Wandel der Zeit.


Hamburg - Beim Anblick dieses Wahlplakats müsste wohl auch Helmut Kohl schmunzeln: Mit dickem rotem Lippenstift, schwarz gefärbten Augenlidern und gezupften Wimpern lächelt der Altkanzler derzeit in einer Hamburger Ausstellung seine Betrachter an. Ein unbekannter Künstler hat auf dem CDU-Plakat aus einem längst vergessenen Wahlkampf Kohls weibliche Seite herausgekehrt - und damit das Interesse des Hamburger Fotografen Franz Christian Gundlach auf sich gezogen.



Seit 30 Jahren dokumentiert der Modefotograf ungewöhnliche Wahlplakate: Übermalungen, Kritzeleien, Collagen, Graffiti und Abrisse haben seine Neugier geweckt. Die besten Fotos sind unter dem Motto "Wählergunst und Wählerkunst - Die kleine Rache des Souveräns" in Hamburg ausgestellt. Gundlach versteht seine Ausstellung als Spiegel des politischen Klimas in der Bundesrepublik der letzten 30 Jahre. Demnach sind sich CDU und SPD in den vergangenen Jahren immer ähnlicher geworden - vielleicht nicht inhaltlich, aber ganz bestimmt farblich. Blau ist eindeutig die politische Trendfarbe.

Gundlach, der sich vor allem mit Modefotografien und einer umfangreichen Fotogalerie einen Namen gemacht hat, hat ein Auge für solche Feinheiten. Als in Deutschland die großen Debatten um Ostpolitik und Abrüstung geführt wurden, waren auch die Wahlkämpfe harte, manchmal auch persönliche Auseinandersetzungen. Am meisten Emotionen habe der Kampf zwischen Willy Brandt und Rainer Barzel 1972 ausgelöst, sagt der 79-Jährige: "Das war eine Tendenzwahl." Brandt wurde sein Leben lang vom konservativen Lager persönlich diffamiert - auch im Wahlkampf: Ein Unbekannter klebte Brandt zwei Vampirzähne auf den Mund, als wäre er ein Blutsauger. Umgekehrt gingen die Gegner der CDU auch nicht zartfühlend vor: Es gibt mehrere Fotos von Plakaten, auf denen Franz Josef Strauß und Kohl Hitler-Bärte gemalt wurden.

Auch von Birnen ist in der deutschen Politik keine Rede mehr. Anders war das im Jahr 1987: "Knipst Birne aus", lautete da die Parole, die auf ein CDU-Plakat gesprüht wurde. Schon fast historisch wirkt ein fotografiertes Wahlplakat aus dem Jahr 1994, auf dem Gerhard Schröder, Rudolf Scharping und Oskar Lafontaine abgelichtet sind - die sogenannte Troika. Ein Witzbold schrieb darunter: "Kohl II", "Loser" und "Versager". Im Rückblick eine interessante Einschätzung.

Doch nicht alle Politiker reizten die Schmierer: "Helmut Schmidt war fast immer tabu", erinnert sich Gundlach. Auch der laufende Wahlkampf habe "ganz harmlos angefangen", wenn man die Parolen und Übermalungen als Gradmesser benützt. Trotzdem fand er einige besprayte Plakate von Angela Merkel und Schröder. Die lassen sich aber getrost als Schmierereien abtun, auch wenn der Künstler Gundlach dies anders bewertet: "Manche Plakate reizen zu Widerspruch und Manipulation. Edmund Stoiber war zum Beispiel großen Aggressionen ausgesetzt." Dessen Slogan im vergangenen Bundestags-Wahlkampf "Zeit für Taten" war für einen Graffiti-Sprüher ein gefundenes Fressen: "Und wieder für Schwarzgeld sorgen?" schrieb er aufs Plakat und erinnerte an den CDU-Spendenskandal.

Kurz vor der Wahl stößt Gundlach mit seiner Ausstellung auf ein geteiltes Echo, denn immerhin stecken die Parteien viel Geld in den Wahlkampf. Allein die CDU gibt 18 Millionen Euro aus, unter anderem für die 850.000 Plakate in ganz Deutschland. Der Hamburger CDU-Politiker Christoph Ahlhaus forderte den Fotografen unlängst auf, Teile seiner Ausstellung zurückzunehmen. Seine Begründung: "Zu 90 Prozent sind das Schmierereien, die nichts Originelles verkörpern."

Jörn Unsöld, AP


"Wählergunst und Wählerkunst - Die kleine Rache des Souveräns" ist bis zum 29. September in der Zentralbibliothek beim Hamburger Hauptbahnhof zu sehen.



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