S.P.O.N. - Oben und unten Diese laschen Hobbymärtyrer

In der Auseinandersetzung über die Flüchtlingspolitik wird oft so getan, als wäre es verboten, die Probleme anzusprechen. Dazu wird man ja wohl noch sagen dürfen: Das ist Unsinn.

Eine Kolumne von


"Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen." Ein bekanntes Zitat von Wittgenstein. So weit, so logisch. Nun ist das Können so eine Sache und fällt manchmal mit dem Dürfen, dem Wollen oder dem Sollen ziemlich nah zusammen. Ungefähr hundert Jahre, nachdem Wittgenstein seinen bekannten Satz schrieb, scheint es eine andere Regel zu geben, die immer häufiger zur Anwendung kommt: Wovon man angeblich nicht sprechen darf, darüber soll man sich ständig empören - und es am Ende trotzdem sagen.

Es tut mir leid für das Wort "empören". "Empören" ist ein nerviges Nullwort geworden: Überall wird sich empört. Im Grunde könnte man die ganze Bibel und den Zauberberg und alle Grimmmärchen umschreiben und jedes Mal "empörte" statt "sprach" und "sagte" einsetzen und niemand würde es merken.

Bei Wittgenstein war das Unaussprechliche das Mystische. Das heute Unaussprechliche ist das, von dem man so tut, als dürfe es nicht gesagt werden.

Und das ist so einiges. "Darf man bei uns noch alles sagen?" war das Motto bei "Hart aber fair" diese Woche, und schon in der ersten Minute gab Frank Plasberg die Antwort: "Ja, man darf." Selten so etwas Schlaues von ihm gehört. Es folgte dann trotzdem über eine Stunde Diskussion über gefühltes Nichtdürfen, Lügenpresse und Berichterstattung zu Flüchtlingen.

Gefühltes Nichtdürfen ist ein Trend. Kein völlig neuer, aber ein starker. Und kein guter. Wenn es tatsächlich so viele Tabus gäbe, wie nun allenthalben vermeintlich gebrochen werden, müsste man sich ein paar ernsthafte Fragen stellen über den Geisteszustand, in dem wir die Entstehung solcher Tabus mitangesehen hätten. Haben wir aber vielleicht gar nicht.

Muslimische Männlichkeitsbilder und so

Was soll das sein, diese unsichtbare Macht, die überall Leute vom Reden abhält? Und was passiert in dem magischen Moment, in dem sie es dann doch tun?

Angeblich ist es ein Tabu, zu behaupten, dass unter den Millionen Flüchtlingen, die nach Europa kommen auch Arschlöcher sind, im Sinne von Kriminellen oder potenziellen Kriminellen. Was für ein Gedanke. Natürlich sind da Arschlöcher dabei. Unter jeder Gruppe von Menschen sind Arschlöcher, und eine Gruppe ist man ab drei Leuten, also ist bei einer Million Menschen ziemlich sicher der eine oder die andere dabei. Das war jetzt keine geniale Herleitung, aber Herrgott, was soll man da herleiten; der Witz ist, dass am Ende auch Arschlöcher Menschenrechte haben, genau wie alle anderen, und man den Anderen die Rechte deswegen nicht kürzen sollte.

Angeblich ist es auch ein Tabu, zu behaupten, dass es in der Integration von Flüchtlingen manchmal zu Problemen kommt. Muslimische Männlichkeitsbilder und so. Ich würde allerdings jedes einzelne meiner Organe verwetten, dass niemand wirklich im Grunde seines Herzens glaubt, dass es ein Verbot gibt, darüber zu sprechen. Nicht mal Kristina Schröder. Geschlechtsverkehr mit nahen Verwandten ist ein Tabu, aber Probleme mit Flüchtlingen, ernsthaft?

Vermeintliche Sprechverbote

Man muss politisch nicht besonders speziell drauf sein, um mit solchen vermeintlichen Sprechverboten zu hantieren. Man muss noch nicht mal dumm sein. Es ist längst kein stammtischartiges "Man wird doch wohl noch sagen dürfen..." mehr. So viele Stammtische gibt es gar nicht.

  • Im Dezember schrieb Giovanni di Lorenzo in der "Zeit" darüber, "warum im politischen Berlin kaum einer ausspricht, was doch jeder weiß": dass es anstrengend wird mit den vielen Flüchtlingen. "Alle wissen das, aber nur wenige - und oft sind es die Falschen - wagen es, das Schreckenswort 'Obergrenze' auszusprechen."
  • Vorletzte Woche schrieb Antonia Baum in der "FAS" darüber, wie schwierig es sei, über die Silvesternacht von Köln zu sprechen, weil "man" ja gerade jetzt "eigentlich auf gar keinen Fall" über arabische Männer erzählen wolle, dass die irgendwie nicht mit "westlichen Frauen" können, und in einem langen, langen Text fühlte sie sich vorsichtig dazu vor, zu erzählen, wie sie mit genau diesen Männern aber übrigens schon ganz lange ein Problem hat, weil sie ständig von ihnen auf der Straße belästigt würde.
  • Und diese Woche schrieb Elisabeth Lehmann in der "taz" über ihre Beziehung mit einem "Nordafrikaner" und betont gleichzeitig, dass sie diesen Text eigentlich nicht schreiben sollte, weil man bei dem Thema angeblich alles nur falsch machen kann. Selbstverständlich schrieb sie ihn trotzdem.

Hobbymärtyrer aus Unsicherheit

Die Sache mit den gefühlten Tabus hat natürlich einen Sinn. Ich kann es nur küchenpsychologisch erklären, aber dabei gebe ich mir zumindest Mühe. Also, Folgendes.

Es gibt einen Fetisch des imaginierten Regelbruchs, und dieser Fetisch ist vor allem für Leute interessant, die sich nicht trauen, tatsächliche Regeln zu brechen. Sie tun lieber so, als gäbe es ein Tabu - egal ob aus vorauseilendem Gehorsam oder aus rhetorischen Gründen - und vollziehen dann in einem gefühlten Regelbruch das, was nach außen mutig wirken soll, in Wirklichkeit aber lasch und längst mehrheitstauglich ist. Sie denken, das ist Punk, aber es ist kein Punk. Es ist eher Helene Fischer. Wenn sie dann dafür kritisiert werden, müssen sie nicht inhaltlich antworten, sondern können guten Gewissens sagen: Siehst du, man darf das wohl nicht sagen. Ein fast genialer Schutzmechanismus, aber nur fast.

Nun ist aber leider Regelbruch, weder tatsächlicher noch gefühlter, gar kein Wert an sich, sobald man über fünf Jahre alt ist. Und es ist noch viel schlimmer. Rhetorisches Helenefischern führt dazu, dass sich Fronten verhärten und Stimmungen verstärken.

Weil aus Menschen mit Unsicherheiten plötzlich Hobbymärtyrer werden, die sich für die Wahrheit meinen opfern zu müssen. Und das ist gefährlich.

Mehr zum Thema
Newsletter
Kolumne - Oben und unten


Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 298 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
jeze 21.01.2016
1. Falsch
Liebe Autorin, ich frage mich bei solchen Argumenten immer, ob der Urheber das problem wirklich nicht verstanden hat oder ob er es absichtlich nicht verstehen will. Wenn sie der Meinung sind, dass man in Deutschland sagen kann, was man will – dann erklären sie mir mal bitte genau was mit Xavier Naidoo passiert ist, als der sagte, was er wollte. Hat er etwas gesagt, was er nach deutschem Recht nicht sagen darf? Nein, hat er nicht. Hat er durch das, was er gesagt hat Nachteile gehabt – ja, hat er definitiv. D.h. man kann per Gesetz in Deutschland zwar sagen, was man will, läuft aber Gefahr diffamiert zu werden, wenn man eine nicht genehme Minderheitenmeinung äußert. Man kann also in Deutschland nicht alles sagen ohne diffamiert zu werden.
mapomuc01 21.01.2016
2. Arroganz in Quadrat
Ich weiß nicht, wo die Dame lebt, aber mir als sog. "Altlinken" wurden auch schon alles mögliche nachgesagt, nur weil ich leise Bedenken geäußert habe. Außerdem ist "political correctness" für sich selber eine gewaltige Maschine der Tabus. Dies äußert sich in verbotene Wörter, verbotene Gefühle etc. "Rhetorisches Helenefischern führt dazu, dass sich Fronten verhärten und Stimmungen verstärken. " - Ich weiß nicht, was an Helene Fischer schlecht sein soll und was sie überhaupt hier zu suchen hat. Sie vertritt eine Musikrichtung, die man nicht mögen muss, die sie aber mit viel Können und Engagement ausfüllt. Auch hier diese unsagbare Arroganz und der irrtümliche Glauben zu wissen, was richtig und was falsch ist mit der Tendenz anderes als minderwertig (Helene Fischer etc.) darzustellen. Traurig und vieles aber eher als reaktionär zu bezeichnen.
boxfritz 21.01.2016
3.
Schwachsinn, man darf nichts ansprechen ohne direkt in die ein oder andere Ecke gestellt zu werden. Ihr Artikel dazu kommt leider Monate zu spät. Vorher wäre er mutig gewesen, jetzt ist er bloss Mainstream.
udolf 21.01.2016
4.
Natürlich darf man alles sagen, man muss aber auch damit zurecht kommen wenn man dann als fieser Linker oder fieser Rechter darsteht. Und diese Verurteilung fürchten halt viele. Man schaue sich mal an was mit Lucke gemacht wurde...
Ottokar 21.01.2016
5. Sehr geehrte Frau Stokowski
auch Sie sollten gemerkt haben das bestimmte Probleme erst seit Köln ein öffentliches Thema geworden sind. Sogar in Bremen werden derzeit Haar-und Hautfarbe genannt wenn die Neubürger kriminell geworden sind. Oder leben Sie immer noch in ihrem Wolkenkukuksheim ?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.