Versagen der Kirche Autoritär, reaktionär, totalitär

Auf Kritik von außen reagiert die katholische Kirche allergisch - ist nicht ihr Papst qua Amt unfehlbar? Und wer intern das Wort erhebt, wird mundtot gemacht. So erinnert die Kirche an die gescheiterten Großorganisationen des vergangenen Jahrhunderts: die Parteien des Kommunismus.

Ein Essay von Reinhard Mohr

Bischöfe in der Basilika St. Peter im Vatikan: Bombastische Inszenierung
REUTERS

Bischöfe in der Basilika St. Peter im Vatikan: Bombastische Inszenierung


Der Tsunami der Missbrauchsfälle vor allem in katholischen Einrichtungen hat längst eine weit über die unterschiedlichen Ereignisse - zuletzt: die Prügelvorwürfe gegen Bischof Mixa - hinaus weisende Eigendynamik gewonnen. Tag für Tag wird deutlicher, dass die katholische Kirche als weltweite Institution versagt hat. Ihrer selbstverständlichen - und nicht nur christlichen - Pflicht zu schnellstmöglicher Aufklärung und strafrechtlicher Ahndung ist sie vielerorts und in zumindest fahrlässiger Weise nicht nachgekommen.

Der Verdacht liegt nahe, dass nicht selten auch Absicht dahinter stand: Man wollte das Ansehen der Kirche nicht "beschmutzt" sehen. Die mächtige Organisation des heiligen Glaubens mit dem Papst an der Spitze verteidigte im Zweifel also eher ihre eigene Ordnung und Weltanschauung als die Opfer.

Jenseits aller Unterschiede erinnert dieses Verhalten an ganz andere, weltliche Großorganisationen vergangener Jahrhunderte, allen voran an die einstigen Parteien des sozialistischen und kommunistischen Erlösungsglaubens. Auch sie verwandten ungeheure Energien darauf, die eigene Ideologie "rein und unbefleckt" zu erhalten und alle Zweifler und Kritiker mundtot zu machen. Sämtliche Tatsachen, die ihrem revolutionären Selbstbild und ihren aktuellen politischen Interessen schaden konnten, wurden konsequent bekämpft, unterdrückt, verdrängt oder ausgeblendet. Innerlich erstarrt und fixiert auf ein Feindbild-orientiertes Schwarzweißdenken waren sie zu keinerlei Reformen fähig.

"Die Partei, die Partei, die hat immer recht", sang Ernst Busch, "und Genossen, es bleibet dabei! Denn wer kämpft für das Recht, der hat immer recht gegen Lüge und Ausbeuterei!"

Gottgleiche Genossen

Das, was bis zum heutigen Tage die römische Glaubenskongregation ("Congregatio pro doctrina fidei), die offizielle Nachfolgeorganisation der "Heiligen Inquisition", ist - Papst Benedikt stand ihr als "Präfekt" von 1981 bis 2005 vor -, das war bei den kommunistischen Parteien Europas Zentralkomitee und Politbüro. Der Katechismus war das Parteiprogramm, und die Liturgie die bombastische Inszenierung von Parteitagen samt Führerkult, der fraglos tief religiöse Züge trug. In einem monströsen Großgedicht, das de facto ein einziges Gebet an den übermenschlichen, gottgleichen Genossen Stalin war, formulierte der Schriftsteller und spätere DDR-Kulturminister Johannes R. Becher stellvertretend für viele die Verbindung von kommunistischer Eschatologie und totalitärem Heldenmythos:

"Stalin: So heißt ein jedes Friedenssehnen/ Stalin: So heißt des Friedens Morgenrot/Stalin beschwören aller Mütter Tränen: Stalin! O ende Du des Krieges Not!...

"Du trittst herein, welch' eine warme Helle/ Strömt von Dir aus und was für eine Kraft. Und der Gefangene singt in seiner Zelle, Er fühlt als Riese sich in seiner Haft… Im Wasserfall und in dem Blätterrauschen/Ertönt Dein Name, und es zieht Dein Schritt/ Ganz still dahin. Wir bleiben stehn und lauschen/Und folgen ihm und gehen leise mit.

Es hat Millionen von Menschen das Leben gekostet und Jahrzehnte schmerzhaftester Auseinandersetzungen, bis dieses schier allmächtige Gespinst aus Lüge und Herrschaft, Kitsch und Terror weithin überwunden werden konnte. Doch der Prozess von Entzauberung und Ernüchterung, radikaler Selbstkritik und Revision der quasireligiösen Menschheitsutopien war nur möglich, weil es all jene tapferen "Renegaten" gab, die ihren Abfall vom Glauben mit scharfer Intelligenz, theoretischer Stringenz und großem persönlichen Mut - und vor allem: öffentlich - bezeugten.

Schriftsteller wie Arthur Koestler, der in seinem berühmten Roman "Sonnenfinsternis" die absurd-brutale Logik der stalinistischen Schauprozesse Mitte der dreißiger Jahre beschrieb, und Manès Sperber, der in seinem epochalen Werk "Wie eine Träne im Ozean" die Abkehr vom glühenden Heimatplaneten des Kommunismus schilderte, bildeten die Avantgarde dieser Bewegung.

Forum - Wie soll der Papst mit den Vorwürfen umgehen?
insgesamt 4046 Beiträge
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Seite 1
Güllu, 01.04.2010
1.
Entschuldigen und was dann? Ratzinger wußte als Präfekt der Glaubenskommission über alle Fälle, die ihm gemeldet werden mussten, bestens Bescheid. Und es passierte nichts. Nicht umsonst droht ihm eine Klage in den USA. Das könnte zur Folge haben, dass er die USA nicht mehr betreten kann. Es könnte eine Festnahme drohen.
Markus Heid, 01.04.2010
2.
Zitat von GülluEntschuldigen und was dann? Ratzinger wußte als Präfekt der Glaubenskommission über alle Fälle, die ihm gemeldet werden mussten, bestens Bescheid. Und es passierte nichts. Nicht umsonst droht ihm eine Klage in den USA. Das könnte zur Folge haben, dass er die USA nicht mehr betreten kann. Es könnte eine Festnahme drohen.
Jupp, und die Anwälte des Vatikans haben sich schon eine Verteidigungsstrategie zurechtgelegt: Der Papst genießt als Staatsoberhaupt (eines diktatorischen Theokratie) natürlich Immunität. Und US-Bischöfe sind in Wahrheit keine Angestellte der katholischen Kirche. Was mich aber mehr verwundert, ist, dass der Papst überhaupt Anwälte notwendig hat. Der hat doch angeblich so einen guten Draht nach oben und Anwälte werden doch generell eher mit dem Ewigen Widersacher in Verbindung gebracht.
kyon 01.04.2010
3. Nanoeffekt
Zitat von sysopIm Zuge der Missbrauchs-Debatte gerät auch Papst Benedikt XVI. verstärkt in die Kritik. Sein Umgang mit den Vorwürfen ist dabei heftig umstritten. Sollte der Papst nach den schweren Vorwürfen zurücktreten oder sich zumindest öffentlich entschuldigen?
Zu abgehoben, zu entrueckt! Sich fuer unfehlbar haltende Leute halten Vorwuerfe aus der normal-menschlichen Zeit wahrscheinlich fuer eine Zumutung,die an ihnen abperlen wie bei einem Nanoeffekt! Also keine Chance!
Fassungsloser 01.04.2010
4. Jaja
Der Papst sollte barfuß nach Hamburg reisen und sich dort in den Staub werfen... Nächste Frage: Sollten Journalisten lernen, zwischen Religion und Politik unterscheiden zu lernen?
Klo, 01.04.2010
5. Unahltbar
Zitat von sysopIm Zuge der Missbrauchs-Debatte gerät auch Papst Benedikt XVI. verstärkt in die Kritik. Sein Umgang mit den Vorwürfen ist dabei heftig umstritten. Sollte der Papst nach den schweren Vorwürfen zurücktreten oder sich zumindest öffentlich entschuldigen?
Wenn er noch einen Funken Ehre besitzt, dann entschuldigt er sich für alle Taten im Namen der Kirche und tritt dann von seinem Amt zurück, um sich in eine Einsiedelei in den Abruzzen zurückzuziehen. Alles andere ist nicht zielführend. Als Papst ist er nicht mehr haltbar.
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