Verstehen Sie Haas? Abwandern statt Rumgammeln

Von Daniel Haas

Haben Sie auch Ärger mit den Kindern, der faulen, Videospiele daddelnden, StudiVZ-süchtigen Brut? Rat bei der Erziehung weiß überraschend die Bahn: Sie sitzt die Probleme nicht aus - sie setzt aus. Da haben alle was davon. Demnächst sogar die Rentner.

Das Image der Bahn ist mittlerweile so schlecht wie das von Bokassa, Pol Pot oder Charles Manson. Will man den Vergleich auf die Spitze treiben, sagt man: Die Bahn ist die Telekom auf Schienen. Und jetzt auch noch das Missverständnis mit den Kindern.

Wanderer sind am Zug - und entdecken Deutschland neu
DPA

Wanderer sind am Zug - und entdecken Deutschland neu

Die Fakten: Eine 13-Jährige musste in Brandenburg den Zug verlassen, weil sie kein Ticket hatte. Bis nach Hause waren es noch 42 Kilometer, da wäre es nett gewesen, hätte sie ihre Eltern anrufen können. Sie hatte aber weder Geld noch Handy dabei, und der Schaffner wollte ihr seines nicht geben.

In Mecklenburg-Vorpommern zwang eine Zugbegleiterin eine Zwölfjährige, auszusteigen. Das Kind hatte Portemonnaie und Fahrkarte vergessen. Ein Mitreisender wollte die Fahrtkosten übernehmen, die Bahnangestellte lehnte dies ab. Stattdessen ließ sie das Mädchen mit einem Cello (!) fünf Kilometer durch die Dunkelheit nach Hause laufen.

Jüngster Fall: Eine 14-jährige Berlinerin wurde auf dem Weg zur Schule des Zuges verwiesen. Die Erklärung des weinenden Mädchens, sie habe nicht gewusst, dass ihr Ticket erst ab 14 Uhr gelte, machte auf den Kontrolleur nicht den geringsten Eindruck.

Natürlich waren alle entsetzt, die Eltern, die Presse, die Verbraucherschützer. Karl-Peter Naumann, Bundesvorsitzender des Fahrgastverbandes Pro Bahn, erklärte: "Das sind nicht akzeptable Überreaktionen von überkorrekten Schaffnern. Mehr Augenmaß im Umgang mit Fahrgästen ist angebracht."

Kinder, schau an

Hier wird der kritische Journalist hellhörig. Augenmaß? In diesen Zeiten eine äußerst fragwürdige Praxis. Grace Jones sieht mit 60 aus wie 40, Madonna mit 50 wie 30. Da kann ein Schaffner schnell mal eine Zwölfjährige für eine Endzwanzigerin auf Botox halten.

Und dann hat der Kontrolleur sein Handy nicht zur Verfügung gestellt. Ja, vielleicht war das eine pädagogische Maßnahme, hat da mal jemand drüber nachgedacht? Die Benutzerführung der meisten Mobiltelefone ist heute so kompliziert, das hätte das Kind total eingeschüchtert und womöglich traumatisiert. Man kennt die Folgen: Schulabbruch, Drogen, Hartz IV.

Vielleicht war es dem Schaffner aber auch peinlich, sind ja auch nur Menschen, die Bahnleute. Vielleicht hatte er nicht das neueste iPhone, sondern nur so einen alten Knochen mit Riesentasten, und man weiß ja, wie Teenager dann sind: gehässig, schadenfroh, arrogant.

Außerdem hat man in den meisten Zügen kaum oder gar keinen Empfang. Wenn man mal ein Netz kriegt, wird das Gespräch alle zehn Sekunden unterbrochen. "Hallo, Mama" - Rauschen - "Ja, mir geht es gut" - Rauschen - "Ich weiß nicht, wo ich bin" - Rauschen. Die Eltern hätten gedacht, das Kind wurde entführt. So ein Telefonat hätte für mehr Panik gesorgt als ein erfrischender Spaziergang durch die Nacht.

Auch nicht vergessen werden darf: In jedem klugen Schaffner steckt ein Pädagoge, der weiß, dass vor allem Heranwachsende lernen müssen, die Konsequenzen ihres Handelns selbst zu tragen. Und wenn das bedeutet, dass man mal eine Nacht von zu Hause weg ist, dann gehört das eben auch dazu.

So eine wichtige Lektion darf auch nicht irgendein dahergelaufener Samariter kaputtmachen. Schließlich heißt unterwegs sein auch sich erfahren und reifen. (Das erklärt auch, warum man sich um Jahre gealtert fühlt, wenn man von Berlin nach Hamburg aufgrund von "technischen Schwierigkeiten" mehr als fünf Stunden braucht.)

Freie Bahn für frische Ideen

Meine Vermutung ist: Die Bahn testet neue Konzepte. Das Aussetzen von Fahrgästen als Abenteuerprogramm. Man lernt Gegenden von Deutschland kennen, denen man bislang kaum Beachtung schenkte. Und dafür hat die Bahn eben die entsprechenden Animateure an Bord: der Spielleiter/Schaffner, der bestimmt, wann man den Zug verlässt.

Das ist, die bisherigen Testläufe beweisen es, auch was für Kinder. Nachtwanderung für Minderjährige: Die Kids kommen mal raus, und die Eltern müssen sich nicht dauernd um die Betreuung kümmern. Die Kleinen für ein, zwei Tage loswerden? Einfach ohne Ticket ab in die Bahn!

Diese Variante der Kinderlandverschickung verspricht auch die Lösung eines ideologischen Konflikts. Die alte Kontroverse "Ich lass mich fahren - Ich geh zu Fuß" wird endgültig aufgehoben. Denn das Kind, das nach einem 42-stündigen Marsch nach Hause kommt, ist nicht nur gut trainiert, sondern hat auch eine super Ökobilanz vorzuweisen.

Welche Perspektiven sich hier auftun! Die Bahn geht nicht an die Börse, dafür steigt sie bei der Barmer ein. So verbindet das Unternehmen Geschäftssinn mit moralischer Verantwortung. Wenn Rentner auf der Strecke Hannover-Stuttgart ausgesetzt werden und dann sechs Tage später - leicht gebräunt und voller neuer, inspirierender Eindrücke - bei den Verwandten auftauchen, dann ist das auch ein Beitrag zur allgemeinen Gesundheit.

Auf den Bahnsteigen wird es nicht mehr heißen "Bitte zurückbleiben", sondern "Rien ne va plus". Schließlich weiß niemand, wann und wo er aus dem Zug geworfen wird. Diese Mischung aus Entertainment, Glücksspiel und Ertüchtigung ist spektakulär.

Kann es der Bahn an Augenmaß fehlen, wenn sie solche Visionen hat?

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 9 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Kommunikation ist alles?
asterisc 20.11.2008
tja, jetzt war das ja nicht einmal der letzte Fall... In München durft auch ein Junge den Zug verlassen und sich sportlich betätigen. Ich frage mich nur, wie das heutzutage möglich ist, daß das sich innerhalb einiger Wochen wiederholt und vorher war da nichts? Wurde das künstlich hochgeputscht, oder ist das bei der Bahn an der Tagesordnung für Körperertüchtigung junger Heranwachsender zu sorgen?? Und: Haben die Spielführer (Kontrollöre) keine SMS-Funktion im Handy? Sollen ja vom Schiedsrichter informiert worden sein - per SMS! Aber im Ernst: wer hat eigentlich sicher die Vorschriften, Regeln, Gültigkeiten und Ausnahmen der Fahrkarten-verkaufs-automaten verstanden? Ich war vor kurzen in Köln,hab da ehrlich nicht durchgeblickt - und prompt falsch gelöst, und bin "erfahrener" Münchner und Nutzer der Transportfahrzeuge des öffentlichen Verkehrsraumes...
2. Schade eigentlich
Eichenholz 20.11.2008
Ich glaube, ich weiß, warum über diesen Artikel nicht heftig diskutiert wird: Der Spiegel-Redakteur lässt – trotz leichter Ironie - keinen Zweifel daran, dass es seiner Meinung für Jugendliche nicht erträglich ist, mal durch einen Schaffner (oder wen auch immer) ungerecht behandelt zu werden. Besonders wenn man ein Cello dabei hat. Und zu Recht finden das wohl die meisten die hier lesen langweilig. Ich bin 46, und wenn ich's mir so überlege: Am meisten habe ich daraus gelernt, wenn mal was richtig schief gelaufen ist. Auch wenn ich eigentlich alles "richtig gemacht hatte". Aber das wird zur Zeit wohl lieber (aber m.E. ziemlich erfolglos) unter "Hilfe für Opel" und "Hilfe für Banken" etc. diskutiert. Na ja, wird schon wieder werden Eichenholz P.S.: 5 km zu Fuß sind heute etwas anstrengender als mit 15. Aber ein Problem noch immer nicht, Gott sei Dank! Und die 42 km im Artikel - arme Journaille,
3. hey, die spon-user sind
disisit 21.11.2008
echt die toughsten. was da auf welt-online für ein partizipatives gejaule war, als die dortigen diskutanten ihre vergewaltigungsphantasien auf kleine celloschulmädchen projizierten... und hier wir nur trocken gesacht, "muß auch mal was schief gehen...". und weitermachen :)
4. .....aw
kdshp 21.11.2008
Zitat von sysopHaben Sie auch Ärger mit den Kindern, der faulen, Videospiele daddelnden, StudiVZ-süchtigen Brut? Rat bei der Erziehung weiß überraschend die Bahn: Sie sitzt die Probleme nicht aus - sie setzt aus. Da haben alle was davon. Demnächst sogar die Rentner. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,591376,00.html
Hallo, noch besser ! Erst gar nicht fahren das bringt auch keinen ärger. Die Deutsche Bahn will die Verbindungen von Leipzig nach Dresden erheblich reduzieren. Zum Fahrplanwechsel Mitte Dezember ist geplant, den ICE nur noch im Zwei-Stunden-Takt anzubieten. Als Grund nannte das Unternehmen Kapazitätsengpässe bei den Zügen. http://www.mdr.de/sachsen/5930011.html Ich habe mal eine bericht im TV gesehen über die privatisierung der bahn in GB. Da hat das auch so angefangen also mit dem schlechten service, kaputten zügen und das reduzieren von verbindungen wegen eben auch solcher mängel. Ach ja und die preise sind auch ständig gestigen.
5. auf nach Marathon
Thomas Hentzschel 21.11.2008
Zitat von EichenholzUnd die 42 km im Artikel - arme Journaille,
Hat da jemand eine Lachsperre? Ich fand den Artikel gelungen, mag Satire generell und finde betroffenes Besserwissergesülze langweilig. Immer man raus an die frische Luft mit den Kindern.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Gesellschaft
RSS
alles zum Thema Verstehen Sie Haas?
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 9 Kommentare
  • Zur Startseite