Von Daniel Haas
Das Image der Bahn ist mittlerweile so schlecht wie das von Bokassa, Pol Pot oder Charles Manson. Will man den Vergleich auf die Spitze treiben, sagt man: Die Bahn ist die Telekom auf Schienen. Und jetzt auch noch das Missverständnis mit den Kindern.

Wanderer sind am Zug - und entdecken Deutschland neu
In Mecklenburg-Vorpommern zwang eine Zugbegleiterin eine Zwölfjährige, auszusteigen. Das Kind hatte Portemonnaie und Fahrkarte vergessen. Ein Mitreisender wollte die Fahrtkosten übernehmen, die Bahnangestellte lehnte dies ab. Stattdessen ließ sie das Mädchen mit einem Cello (!) fünf Kilometer durch die Dunkelheit nach Hause laufen.
Jüngster Fall: Eine 14-jährige Berlinerin wurde auf dem Weg zur Schule des Zuges verwiesen. Die Erklärung des weinenden Mädchens, sie habe nicht gewusst, dass ihr Ticket erst ab 14 Uhr gelte, machte auf den Kontrolleur nicht den geringsten Eindruck.
Natürlich waren alle entsetzt, die Eltern, die Presse, die Verbraucherschützer. Karl-Peter Naumann, Bundesvorsitzender des Fahrgastverbandes Pro Bahn, erklärte: "Das sind nicht akzeptable Überreaktionen von überkorrekten Schaffnern. Mehr Augenmaß im Umgang mit Fahrgästen ist angebracht."
Kinder, schau an
Hier wird der kritische Journalist hellhörig. Augenmaß? In diesen Zeiten eine äußerst fragwürdige Praxis. Grace Jones sieht mit 60 aus wie 40, Madonna mit 50 wie 30. Da kann ein Schaffner schnell mal eine Zwölfjährige für eine Endzwanzigerin auf Botox halten.
Und dann hat der Kontrolleur sein Handy nicht zur Verfügung gestellt. Ja, vielleicht war das eine pädagogische Maßnahme, hat da mal jemand drüber nachgedacht? Die Benutzerführung der meisten Mobiltelefone ist heute so kompliziert, das hätte das Kind total eingeschüchtert und womöglich traumatisiert. Man kennt die Folgen: Schulabbruch, Drogen, Hartz IV.
Vielleicht war es dem Schaffner aber auch peinlich, sind ja auch nur Menschen, die Bahnleute. Vielleicht hatte er nicht das neueste iPhone, sondern nur so einen alten Knochen mit Riesentasten, und man weiß ja, wie Teenager dann sind: gehässig, schadenfroh, arrogant.
Außerdem hat man in den meisten Zügen kaum oder gar keinen Empfang. Wenn man mal ein Netz kriegt, wird das Gespräch alle zehn Sekunden unterbrochen. "Hallo, Mama" - Rauschen - "Ja, mir geht es gut" - Rauschen - "Ich weiß nicht, wo ich bin" - Rauschen. Die Eltern hätten gedacht, das Kind wurde entführt. So ein Telefonat hätte für mehr Panik gesorgt als ein erfrischender Spaziergang durch die Nacht.
Auch nicht vergessen werden darf: In jedem klugen Schaffner steckt ein Pädagoge, der weiß, dass vor allem Heranwachsende lernen müssen, die Konsequenzen ihres Handelns selbst zu tragen. Und wenn das bedeutet, dass man mal eine Nacht von zu Hause weg ist, dann gehört das eben auch dazu.
So eine wichtige Lektion darf auch nicht irgendein dahergelaufener Samariter kaputtmachen. Schließlich heißt unterwegs sein auch sich erfahren und reifen. (Das erklärt auch, warum man sich um Jahre gealtert fühlt, wenn man von Berlin nach Hamburg aufgrund von "technischen Schwierigkeiten" mehr als fünf Stunden braucht.)
Freie Bahn für frische Ideen
Meine Vermutung ist: Die Bahn testet neue Konzepte. Das Aussetzen von Fahrgästen als Abenteuerprogramm. Man lernt Gegenden von Deutschland kennen, denen man bislang kaum Beachtung schenkte. Und dafür hat die Bahn eben die entsprechenden Animateure an Bord: der Spielleiter/Schaffner, der bestimmt, wann man den Zug verlässt.
Das ist, die bisherigen Testläufe beweisen es, auch was für Kinder. Nachtwanderung für Minderjährige: Die Kids kommen mal raus, und die Eltern müssen sich nicht dauernd um die Betreuung kümmern. Die Kleinen für ein, zwei Tage loswerden? Einfach ohne Ticket ab in die Bahn!
Diese Variante der Kinderlandverschickung verspricht auch die Lösung eines ideologischen Konflikts. Die alte Kontroverse "Ich lass mich fahren - Ich geh zu Fuß" wird endgültig aufgehoben. Denn das Kind, das nach einem 42-stündigen Marsch nach Hause kommt, ist nicht nur gut trainiert, sondern hat auch eine super Ökobilanz vorzuweisen.
Welche Perspektiven sich hier auftun! Die Bahn geht nicht an die Börse, dafür steigt sie bei der Barmer ein. So verbindet das Unternehmen Geschäftssinn mit moralischer Verantwortung. Wenn Rentner auf der Strecke Hannover-Stuttgart ausgesetzt werden und dann sechs Tage später - leicht gebräunt und voller neuer, inspirierender Eindrücke - bei den Verwandten auftauchen, dann ist das auch ein Beitrag zur allgemeinen Gesundheit.
Auf den Bahnsteigen wird es nicht mehr heißen "Bitte zurückbleiben", sondern "Rien ne va plus". Schließlich weiß niemand, wann und wo er aus dem Zug geworfen wird. Diese Mischung aus Entertainment, Glücksspiel und Ertüchtigung ist spektakulär.
Kann es der Bahn an Augenmaß fehlen, wenn sie solche Visionen hat?
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