Verstehen Sie Haas? Beckers Spiel und Sandys Vorteil

Deutschlands größter Tennisheld sorgt mal wieder spielend für Schlagzeilen: Boris Becker, 41, hat einer 25-Jährigen die Ehe angetragen. Ist das Macho-Eitelkeit? Von wegen: Es zeugt von größter Reife und Besonnenheit.

Von Daniel Haas


Die Typologie des sportiven Menschen spannte sich zuletzt zwischen zwei Extremen aus: Auf der einen Seite Lothar Matthäus, der Rabauke, Zoten reißend und Brustvergrößerungen finanzierend; im Schlepptau seine Tochter, korrigiere, Freundin, ein Bild des nicht immer stilsicheren, dafür aber konsequent sinnenfrohen Eskapismus.

Tennisstar Becker, Bald-Ehefrau Meyer-Wölden: Nähe zulassen
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Tennisstar Becker, Bald-Ehefrau Meyer-Wölden: Nähe zulassen

Am andern, quasi protestantischen Ende des Spektrums Michael Schumacher, Bolidenlenker und Familienvater, ein grundsolider Rennsport-Fachmann, der selbst den Geschwindigkeitsräuschen der Formel 1 den nüchternen Look des Handwerklichen verlieh.

In der Mitte dieser Mentalitätenachse wähnte man bislang Boris Becker. Der ehemalige Wimbledon-Star verströmte seinen Charme in Besenkammern oder in mäßig erfolgreichen Fernsehshows, amüsierte zugleich aber mit selbstironischer Kondomreklame.

Er trat in schnellem Wechsel als Frauenvernascher und pflichtbewusster Familienvater in Erscheinung, stolperte in Deutschland über undurchsichtige Steuergesetze und brillierte dafür in Monaco als Pokerspieler mit Händchen für Publicity.

Vergangenes Jahr dann zeigte er sich mit einem Elternratgeber von seiner solidesten Seite. Der Jetset-Hallodri hatte ausgespielt, aus Bum-Bum-Boris war Beckers Bester geworden.

Sandy jetzt ein richtiges Paar?

Und jetzt die Sache mit Sandy, seiner zukünftigen Ehefrau: Sie ist erst 25 Jahre alt, pendelt zwischen New York und München, macht in Design mit Hippie-Look und so. Ist das jetzt der Lothar-Matthäus-Effekt?, fragt man sich. Wechselt Boris auf seine alten Tage (ein Prominentenjahr zählt für fünf Normalbürgerjahre, insofern ist Becker so alt wie Dracula) zur frivolen, lüsternen Seite des Celebrity-Lagers?

Die Antwort lautet: im Gegenteil. Sandy ist jene Frauengestalt, zu der sich Becker erst hinentwickeln musste, und die umgekehrt sich ausbildete, verfeinerte, formte für ihn den Tennisstar. Dante hatte Beatrice, Goethe Charlotte von Stein, und Boris liebt Sandy Meyer-Wölden. Sie ist die Herzensdame, bei der sich der Ballkünstler nicht aufspielte, sondern der er über die Jahre entgegenwuchs.

Im Rückblick erscheinen seine Affären und Amouren nur wie ein Vorspiel zu jener Allianz der Seelenverwandten. Barbara, Sabrina, Patrice - sie müssen retrospektiv als Erkundungen des Brünetten gedeutet werden; Feldstudien der kulturellen Vielfalt, gewiss, aber doch nur vorbereitende Exkursionen, wie sie der junge Mann von Welt unternimmt, um in der Folge als Gereifter heimzukehren.

Heimzukehren wohin? In die Sphäre des Eigenen, dort, wo alles in engster Verwandtschaft zueinander steht. Vergessen wir nicht: Sandy ist die Tochter von Axel Meyer-Wölden, ehemals Manager von Boris, verstorben 1997. "Axel würde sich freuen", erklärte Becker in der "Bild"-Zeitung. "Ich glaube, er winkt gerade ganz glücklich aus dem Himmel zu uns runter." Inniger können sich Glaube und Liebe, Passion und Profession nicht zusammenschließen.

Becker hat Sandy aufwachsen sehen. Als Teenager hütete sie die Kids der Beckers; von Anfang an bestand also dieser Zusammenhang von Wachsen und Sich-Erkennen, Reifen und Begreifen. Ach, glückliche Becker-Kinder: Das Treffen mit Vatis Zukünftiger war keine unbehagliche Pflichtübung, sondern eine Begegnung buchstäblich auf Augenhöhe. Weißt du noch, wie schön wir spielten? Wer dies zu seiner Stiefmutter sagen kann!

Wölden die wirklich heiraten?

Der Leimener hat die Situation übrigens nie ausgenutzt. Sandy wurde 18, und wo war Becker? Auf jeden Fall nicht in ihrer Unterwäsche wie Bushido, der 30 ist und eine 17-jährige Freundin hat. Hätte Becker ja auch machen können: mit großem Tamtam der Sandy den Kopf verdrehen und sagen, pfeif aufs Abi, ab jetzt machen wir Party. Hat er aber nicht. Stattdessen arbeitete er weiter an der Vermessung der Frauenwelt, ein Ethnograf der Libido.

Umgekehrt prüfte sich auch Sandy aufs Strengste. Sie war mit Tommy Haas zusammen, sie weiß, welche Probleme das Leben mit einem Tennisprofi in der Rückhand hat. Sandy wird die hart geschlagenen Volleys des Ehelebens zu parieren wissen. Und einen Satz wie "Musst du wieder alles mit diesem roten Sand vollkrümeln!" wird man von ihr nie hören.

So ist Boris' Entscheidung für Sandy gerade nicht ein Zeichen Midlife-Crisis-bedingter Verdrängung, sondern eine Geste der Reife, ja Beschränkung. Jetzt, da der Spätkapitalismus uns zu immer mehr Flexibilität anhält, da die Globalisierung unser Gefühl für Heimat, Herkunft und Tradition auflöst, lässt Boris Nähe zu. Das ist ganz konkret gemeint: Sandy kommt aus Grünwald bei München, rund vier Autostunden von Leimen entfernt.

Ganz anders Michael Schumacher. Der lebt in der Schweiz. Und Lothar Matthäus arbeitet in Israel. Hoffentlich zahlen sie ordentlich ihre Steuern.

Korrektur: Wer war Berenice? Auf jeden Fall nicht Dantes Herzensdame. So hieß es aber in der ersten Fassung dieses Artikels. Jetzt ist Dante korrekterweise wieder mit Beatrice zusammen.



insgesamt 50 Beiträge
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Seite 1
madamef 14.08.2008
1. Satire pur
In den Tiefen des Sommerloches amüsiert sich ein humanistisch Gebildeter über Bobeles Metamorphose.
Shaniana 14.08.2008
2. Warum wir...
...über einen von den Medien zu einem "Prominenten" Gemachten und dessen familiären Beziehungen hier noch diskutieren sollen, erschließt sich mir nicht. Sicher ist aber, dass es der Welt und den beiden besser gehen würde, wenn niemand mehr über sie berichtete. Hoffentlich folgt der gedruckte Spiegel der online-Ausgabe nicht auf dem Weg zur Bunten...
brainomat 14.08.2008
3. SpIn
Zitat von sysopDeutschlands größter Tennisheld sorgt mal wieder spielend für Schlagzeilen: Boris Becker, 41, hat einer 25-Jährigen die Ehe angetragen. Ist das Macho-Eitelkeit? Von wegen: Es zeugt von größter Reife und Besonnenheit. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,571973,00.html
Ja spinn ich? ich habe den halben Artikel durchgelesen und gemerkt wie ich langsam altere! Warum vergeuden Menschen Zeit damit, sowas sinnbefreites zu schreiben, schlimmer zu lesen?
Lebkuchen, 14.08.2008
4. Keine wichtigeren Themen?
Zitat von sysopDeutschlands größter Tennisheld sorgt mal wieder spielend für Schlagzeilen: Boris Becker, 41, hat einer 25-Jährigen die Ehe angetragen. Ist das Macho-Eitelkeit? Von wegen: Es zeugt von größter Reife und Besonnenheit. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,571973,00.html
Meine Güte, muss das wirklich sein? Gibt es keine wichtigeren Themen?
wort* 14.08.2008
5. Satz und Sieg!
Wer den Artikel nur halb liest, muß sich nicht wundern, wenn er nur die Hälfte versteht. Mein Kompliment, Herr Haas. Der Artikel ist ein verbales Ass. Erst die Leichtigkeit Ihrer Schreibe, macht das Boulevard-Thema zu dem, was es wirklich ist. Zur absoluten Nebensache.
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