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11. März 2010, 13:09 Uhr

Verstehen Sie Haas?

Burnout vom Burnout

Von Daniel Haas

Burnout ist das Thema zurzeit. Deshalb bloß keinen Burnout kriegen! Yoga, autogenes Training, Freundeskreis pflegen, Selbstgespräche führen, Pausen machen: Die Präventivmaßnahmen sind so zahlreich, dass man schon Angst kriegen kann - vor einem Burnout.

So, ich mache jetzt eine Pau. Se. Ah, das hat gut getan. Regenerationsphasen, seien sie auch noch so kurz, sollen wichtig sein, um einem möglichen Burnout gegenzusteuern. Ich will keinen Burnout, ich will alles richtig machen. Ich muss schließlich meine Arbeitskraft erhalten, das bin ich mir schuldig, den Lesern, meinen Chefs, der Frau, den Kindern, o, Mann, ich darf gar nicht dran denken, was da alles dranhängt!

"Du schaffst das. Du bist cool. Du bist nicht erkältet oder überarbeitet, ist nur eine Allergie. Hausstaub. (Was, du hast doch gar keine Allergien? Schnauze, du Loser!). Ist keine Grippe, im Gegenteil: Du entschlackst. Reinigungsprozesse des Körpers. Alles ganz normal."

So, das war gut. Positive Selbstgespräche führen - gehört zu den Top-Empfehlungen der Experten gegen Burnout.

Außerdem Entspannungsverfahren lernen: Yoga, autogenes Training. Verdammt, den Yogatermin, den hab' ich ja heute Abend, wie soll ich denn die ganze Arbeit schaffen bis 19 Uhr? Muss ich halt danach noch mal ins Büro, aber was ist mit der Kleinen, die kommt doch heute von der Klassenfahrt wieder, gleich mal telefonieren, ob das nicht Dings, na, jetzt fällt mir doch der Name meiner eigenen Frau nicht ein! Also, ist das nicht ein klassisches Burnout-Symptom? Erinnerungslücken? Besser schnell eine Pau. Se. Ah, gut.

Also, den Yogatermin verschieb' ich auf morgen, und die Lern-CD fürs autogene Training, die hör ich im Auto, wenn ich zum Training fahre. In einen Verein eintreten: eine weitere Top-Empfehlung gegen Burnout. Ich spiele jetzt Handball, ist allerdings stressig, weil ich immer nach Dings rausfahren muss, nach, also hinter Spandau.

Wo war ich? Genau: besseres Zeitmanagement - die dritte Top-Empfehlung bei Burnout-Risiko. Für diesen Artikel hab' ich jetzt schon viel zu viel Zeit verplempert. Ich brauche einen Coach für Stressbewältigungstraining. Wer könnte mir so jemanden raussuchen? Die Assistentin vielleicht, aber die ist ja nicht da heute, Burnout. Die Ärmste.

Unerkannt ausgebrannt

Ich google das jetzt mal schnell: "Coach + Behandlung + berufsbedingte Erschöpfung". Und wenn ich schon dabei bin, gucke ich gleich mal nach, was das für ein Symptom ist, dieses Zzzzckn. Da! Da war's schon wieder! Zucken, ich meine natürlich Zucken. Wie komme ich da jetzt drauf?

Googeln, genau. Und schnell bei Facebook reinschauen. Den Freundeskreis pflegen: Das ist die wichtigste Empfehlung bei Burnout-Ängsten überhaupt.

Apropos Burnout-Ängste: Was ist damit eigentlich gemeint? Ängste, die durch Burnout entstehen, oder Angst vor Burnout? Ist die Angst vor Burnout vielleicht genauso destruktiv wie der Burnout selber? Wie unterscheide ich die überhaupt, diese Ängste? Oh Mann, das ist ja total stressig!

Und warum hab' ich jetzt noch mal die Google-Seite auf? Richtig: das Symptom. Welches war das doch gleich? Die diffusen Schmerzen? Die Heulkrämpfe?

"Sind doch keine Krämpfe, du lässt einfach los, da lockert sich was. Da wird was gelöst. (Gelöst? Was löst sich denn da? Deine Probleme jedenfalls nicht. Schnauze, Loser!). Also, Heulen, das ist ok. Du bist im Flow, echt. Einfach im Flow."

Kleiner Entspannungs-Talk mit mir selber. Und: Pau. Se.

Weiter geht's. Freunde. Freunde sind quasi die Firewall gegen Burnout-Viren. Ich hab' einen großen Freundeskreis, siehe Facebook. Da muss ich gleichmal die Pinnwand updaten. Und den Twitter-Account aufmöbeln. 13 neue Follower, denen schreib' ich jetzt schnell mal was. Wer weiß, vielleicht ist ja ein guter Arzt dabei, einer, der mir erklären kann, warum ich dieses Augenflattern in letzter Zeit wieder so oft habe. Und die Zckungn, die sprch ich dnn auch mal n.

Entspannen, bis der Arzt kommt

Ich kann natürlich auch einfach zum Hausarzt gehen, da muss man sich nicht schämen. Ist ja nicht so, dass ich in die Frührente gehe. Die Zahlen sind schon erschreckend: 1993 waren es noch 15,4 Prozent aller Fälle, die wegen psychischer Erkrankungen frühverrentet wurden. 2008 waren es dann schon 35,6 Prozent. Und wie viele wären das heute, zwei Jahre später? Wie berechnet man so was gleich? Lineare Extrapolation? Regression? Ich hatte das doch in, Dings, zweites Semester. Mensch, ich kann ja nicht alles wissen!

So, hier, Twitter an alle: Ich bin auch nur ein Mensch!

Das tat gut. Überhaupt Schreiben, das klärt, das räumt auf. Ich schreib' mir den ganzen Stress von der Seele, am besten ein Buch, einen Verlag hab ich ja schon, denen müsste ich eh was liefern, die vergessen mich sonst.

Ein Burnout-Buch wie Miriam Meckel, dafür gibt es bestimmt einen Markt, aber allzu spät darf man damit jetzt nicht mehr kommen, bis Herbst vielleicht, Frankfurter Buchmesse. Mann, das wird aber knapp, das bedeutet Abgabe bereits im Mai, die brauchen ja immer so lang mit den Fahnen und dem Korrekturlesen.

Und dann die ganze Pressearbeit, Lesereise, ich schlaf' doch so schlecht in Hotels. Andererseits: Wann schlaf' ich in letzter Zeit schon? Dann kann ich auch in irgendeinem Novotel wach liegen und die Steuer machen.

Mensch, gut dass mir das jetzt einfällt: Der Steuerberaterin, der muss ich was schicken, Karten, Blumen, irgendwas. Die ist bis Mai in der Klinik. Depression. Ich hab' ihr immer gesagt: Entspannen Sie sich mal. Und machen Sie Pau. Sen.

Das hat gut getan. Wo war ich?

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