Verstehen Sie Haas? Das wird haarig, Aufsteiger!

Der Bart feiert ein Comeback. Und das nicht nur, weil Henrico Frank einen Job hat. Das Gesichtshaar, lange Zeit Accessoire des sozialen Abstiegs, weist neuerdings nach oben - bis in metaphysische Höhen.

Von Daniel Haas


Der Bart ist zurück. Schon gehört? Vermutlich nicht, da ernstzunehmende Bartträger meist so viel Haar im Mund haben, dass man sie vor lauter Genuschel nicht versteht. Deshalb jetzt noch mal in aller Deutlichkeit: Der Bart ist zurück.

Gesundes Wachstum hat ein Gesicht. Natürlich ein bärtiges
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Gesundes Wachstum hat ein Gesicht. Natürlich ein bärtiges

Henrico Frank zum Beispiel: klassischer Fall von Bart-Karriere. Jetzt ist der Mann Redakteur für Rockmusik, vielleicht eine der wenigen männlichen Arten und Weisen, sich im Mediengeschäft zu verdingen. Kurt Beck wollte, dass Franks Bart zwecks Jobgewinnung verschwindet.

Wie gut, dass dies nicht geschehen ist. Man stelle sich einen glatt rasierten Rock-Redakteur vor, der beispielsweise Lemmy von Motörhead zum Jubiläum des Drei-Akkorde-Songs interviewt. "Lemmy, welches Rasierwasser bevorzugen Sie?" "Rasierwasser? Das Zeug trinke ich schon seit Jahren nicht mehr." Will man so was lesen?

Natürlich nicht. Genauso wenig will man aalglatte TV-Fuzzis sehen, die bei Windstärken im Flatulenzbereich schief in die Kamera ragen, damit es wirkt, als gebe es richtig viel Sturm. Schräg ist hier vor allem die Chuzpe, mit der das Fernsehen letzte Woche den Zuschauer verarschte. Bei einem Nachrichtensender klemmte ein Jungmoderator fast horizontal im Bild, während im Hintergrund Rentner seelenruhig ihre handtaschengroßen Hunde Gassi führten. Ein Bart könnte hier ein Kontrollinstrument sein: Weht das Gesichtshaar, ist Wind. Hängt es schlaff über der Moderatorenlippe, ist es ein Sturm im Wasserglas.

Überhaupt wäre der Bart das optimale Medientool (ich habe dieses Wort bewusst gewählt, weil man es selbst mit einem Knebelbart zwischen den Zähnen noch klar aussprechen kann). Kochsendungen zum Beispiel: Woher weiß ich, dass die Sauce bei Kerner was taugt und nicht einfach ein telegenes Geplätscher ist, aufgemotzt von der Lichtregie? Ganz einfach: Klebt die Sauce im Bart, taugt sie was. Perlt sie von der Haarreihe in Richtung Hals und Hemdkragen, gehört sie in einen Diätratgeber.

Kriegsreporter, vor allem jene aus dem Nahen Osten, bilden in dieser Hinsicht die Avantgarde einer Gesichtsbehaarung im Dienste der Authentizität. Gilette-Bubis müssen sich im Irak nicht blicken lassen, dort trägt der Journalist grundsätzlich Sieben-Tage-Bart. Der sagt: 1. Ich bin so sehr mit Nicht-erschossen-Werden beschäftigt, dass ich keine Zeit zum Rasieren habe. 2. Nur weil ich aus einem Land komme, in dem die 68er Eva Herman zum Staatsfeind und Angela Merkel zum starken Mann erklärt haben, ballt sich immer noch ausreichend Testosteron in meinem Blut, um auszusehen wie Horst Schlämmer.

Apropos 68: Der Bart wies lange Zeit nach unten, er war ein Accessoire der Basis. Die Grünen zum Beispiel brauchten ihn zumindest am Anfang ihrer Karriere wie Stoiber das Füllwort. Er war ein ökologisches Statement (auch ganz konkret, als tragbare, je nach Geschmack und Hygieneresistenz zu gestaltende Fauna), für den man hohe Preise zu zahlen bereit war. Wie viele Bärte wurden nicht versehentlich beim Stricken in den Norwegerpulli eingearbeitet? Wie oft wurde selbst vollmundigste Ideologiekritik im Schleim erstickt?

Im Osten der heute weitgehend enthaarten Heimat gehörte der Bart ebenfalls zur Basisfolklore, wenn auch unter anderen kulturellen Vorzeichen. Der ostdeutsche Mann, noch nicht feministisch weichgequatscht in Tausenden von Paartherapiesitzungen und -sendungen, bewies mit Schnauzer gesellschaftliche Widerborstigkeit. Auf Grönemeyers larmoyante Frage, wann ein Mann ein Mann sei, gab es eine eindeutige Antwort: Wenn er sich nicht rasiert.

Heute ist der Bart konsensfähig, ein Indiz für den Aufstieg, und das nicht nur, weil Henrico Frank nicht ans Rasiermesser geliefert wurde. Das Comeback des Bartes hat metaphysische Qualitäten - für Agnostiker wird es deshalb haarig in diesem Frühjahr.

Schließlich haben Gott und seine Erscheinungsformen in letzter Zeit ein furioses Comeback erlebt (Ratzinger, Karikaturenstreit, Idomeneo). Im Gefolge des Allmächtigen wird das männliche Gesichtshaar deshalb nicht zuletzt als spirituelles Signal zurückehren in die gesellschaftliche Arena.

Der Höchste ist auch immer höchst unrasiert: In dieser Hinsicht ist der Bart der endgültige Strich durch die ästhetische Rechnung der Anders-, Falsch- und Nichtgläubigen. Und das Schönste: Weil die meisten Religionen patriarchalisch verfasst sind, hat der Damenbart auch in dieser Logik kaum eine Chance auf ästhetische Legitimation.

Deshalb meine Prognose für 2007: gesundes Wachstum, vor allem zwischen Kinn und Wange. Wer nicht rasiert, profitiert.



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