Verstehen Sie Haas? Indizier mich, Ursula!

Ein bisschen zu viel Sex, prompt landet Rammstein mit dem neuen Album auf dem Index. Was für ein tolles Gratis-Marketing - da werden andere Künstler natürlich neidisch. SPIEGEL ONLINE belauschte ein Skandalgespräch mit Florian Silbereisen und Ursula von der Leyen, bei dem kein Tabu ungebrochen blieb.

Nicht nölen, grölen! Auf den Index kommen ist Arbeit - auch für Rammsteiner Lindemann
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Nicht nölen, grölen! Auf den Index kommen ist Arbeit - auch für Rammsteiner Lindemann

Von Daniel Haas


Das neue Rammstein-Album mit dem schönen Titel "Liebe ist für alle da" ist nur noch unter dem Ladentisch erhältlich, und zwar genau seit Mittwoch, 0.00 Uhr. Auf Antrag des Familienministeriums unter Leitung von Ursula von der Leyen hat die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien die CD auf den Index gesetzt.

Die Folge: Neid bei vielen anderen Künstlern. Warum kriegen Rammstein diese zusätzliche Publicity, die Gold wert ist? Wieso Gratis-Marketing für eine Band, die eh schon überall abräumt (allein in Deutschland bereits 300.000 verkaufte Exemplare; US-Charts Platz 13!).

Empört und gekränkt wandten sich führende Skandalkünstler an die Ministerin. Die traf sich mit der kreativen Elite zum klärenden Gespräch im Berliner Szenelokal "Einstein". Unser Investigativreporter erlauschte entscheidende Passagen. Ein Protokoll.

Anwesende:
- Ursula von der Leyen, Ministerin
- Till Lindemann, Sänger von Rammstein
- Bass Sultan Hengzt, Gangsterrapper
- Florian Silbereisen, Volksmusikant

Von der Leyen: Schön, dass Sie alle kommen konnten. Nur wir kennen uns noch nicht.
Lindemann: Das ist der Sultan.
Bass Sultan Hengzt: Gestatten, Bass Sultan Hengzt.
Von der Leyen: Ah, natürlich. "Ketten raus, Kragen hoch", richtig?
Lindemann: Geiler Song.
Von der Leyen: Haben wir den eigentlich indiziert?
Hengzt: Glaub nicht.
Silbereisen: Ich finde das ungerecht.
Von der Leyen: Gut, gehen wir in media res.
Hengzt: Was, wir gehen schon?

(Der Kellner serviert Getränke.)

Von der Leyen: Florian, Sie fühlen sich also benachteiligt, weil "Liebe ist für alle da" indiziert wurde und Ihr letztes Album, "Weißblau klingt's am schönsten", nicht.
Silbereisen: Nichts gegen den Till, erstklassige Arbeit, aber das ist doch nicht ok, dass Hardcore immer bevorzugt wird. Ich meine "Schwänze im Sauerkraut" - hallo, das ist doch Pipifax gegen meinen Song "Geh ma her"!
Hengzt: Der Burner. "Wurscht bin i dir nimmer/ Drum trau i mir zu dir hin." Monster Zeile.
Von der Leyen: Apropos, was machen eigentlich Blokkmonsta und die Jungs von Hirntot Records?
Hengzt: Denen geht's super. Die spielen grad die Klassiker neu ein.
Von der Leyen: "Mein Kopf zerplatzt"?
Hengzt: Klar, und "Lady Bitch Gay"!
Von der Leyen: Das warn noch Zeiten! Aber wir schweifen ab.
Hengzt: Mein Schweif is reif.
Von der Leyen: Wie bitte?
Hengzt: Sorry, is mir so rausgerutscht.
Lindemann: Benimm dich, Hengzt!

(Der Kellner deckt ein; eine ukrainische Touristin erbittet Lindemanns Autogramm quer übers Dekolleté.)

Von der Leyen: Also, Florian, die "Wurscht", das geht schon in die richtige Richtung, aber es reicht einfach noch nicht aus für eine Indizierung. Damit locke ich so keinen Referenten hinterm Ofen vor.
Silbereisen: Und was ist mit "Papa wird's schon richten"? "Der Sohn schießt mit der Schleuder/ Und trifft am Ziel vorbei/ Der Stein fliegt durch die Gegend/ Und trifft die Polizei"!
Lindemann: Florian, nix für ungut, aber wir haben uns echt ins Zeug gelegt für den Index: "Wünsch dir was, ich sag nicht nein/ Und führ dir Nagetiere ein."
Hengzt: Geiles Zitat.
Silbereisen: "American Psycho", oder?
Lindemann: Bingo. Ihr seht: Wir haben sogar Bücher gelesen.
Hengzt: Krass. - Florian, ich darf doch Florian sagen, oder?
Silbereisen: Natürlich. Ich fand deine Sachen mit Perverz und Uzi übrigens erste Sahne.
Hengzt: Ich schüttel Sahne von der Fahne.
Lindemann: Also bitte!
Von der Leyen: (giggelt)
Hengzt: Sorry, aber ihr seid einfach eine krass inspirierende Posse. Also, Florian, ich seh da echt monstamäßiges Potential, wenn du weißt, was ich meine. "Immer auf die Kleinen" zum Beispiel.
Von der Leyen: (Singt): "Immer auf die Kleinen und dann immer auf den Kopf!"
Hengzt: Das is krass, aber noch noch nich die Bombe.
Von der Leyen: Da hat er leider recht, Florian.
Hengzt: Aber da geht noch was: "Bums so viele Ollen wie möglich/ Mach durch krumme Sachen dein Geld/ Fick deine Feinde, deine Lehrer/ Schenk dein Leben deiner Gang."
Von der Leyen: Das ist mal Obszönität und Gewaltverherrlichung!
Lindemann: Respekt, Sultan.
Von der Leyen: Florian, Sie sehen die Qualitätsunterschiede, ja? Aber wir behalten Sie im Auge, das verspreche ich Ihnen.
Hengzt: Ich steck dein Auge in Lauge.
Lindemann: Mann, wir essen doch jetzt!

(Der Kellner serviert Backhuhn mit Erdäpfelsalat.)

Von der Leyen: So, meine Herren, wenn jetzt erstmal alle Divergenzen aus der Welt geräumt sind, guten Appetit. Und der Till bezahlt!
Lindemann: Auf die Tantiemen!
Silbereisen: Auf die Charts!
Alle: Auf den Index!


Zitate aus:
Bass Sultan Hengzt: "Ketten raus, Kragen hoch"
Rammstein: "Ich tu dir weh"
Florian Silbereisen: "Geh ma her", "Papa wird's schon richten", "Immer auf die Kleinen"



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 80 Beiträge
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Seite 1
magnus2509 12.11.2009
1. Satire!?
Also ganz ehrlich, das liest sich ja recht amüsant...aber BITTE! Wer soll das denn glauben?!?
Nosoj 12.11.2009
2. ?
das is jetzt spaß, ja ?? is das wirklich passiert ?? Nich daß es mein Weltbild erschüttern würde, aber die gute Zensursula ? Macht gemeinsame Sache mit der Musikindustrie ?? Die sollte doch eigentlich noch dabei sein Netzsperren zu errichten, die außer popolismus nichts weiter an Sinn haben.
Firedancer 12.11.2009
3. Eindeutig...
Es fehlt eindeutig die Kennzeichnung als Satire, bzw. fiktiver Handlungsrahmen. Es gibt sicher genug Menschen die sowas für bare Münze nehmen, vor allem aus dem Kontext gerissen und in irgendein Blog gesteckt. Ansonsten: Frau Leyen hat Marktmechanismen noch nie verstanden, warum sollte sie also jetzt damit anfangen? Dass gerade eine Indizierung mehr Publicity als alles andere erzeugt ist spätestens seit dem PC-Spiel D**M bekannt.
tofinz 12.11.2009
4. ...
die indizierung war schon immer die beste werbemassnahme die es gab. schauen sie sich doch mal computerspiele an. schon in den 80ern gab es das, ich erinnere mich an ein spiel namens "barbarian", das indiziert wurde, weil es einen schwertschlag gab, mit dem man dem gegner den kopf abschlug und etwas rotes unförmiges aus dem pixelhaufen spritzte, was blut sein sollte. nach der indizierung ist man erstmal darauf aufmerksam geworden und wollte es sofort haben, um mal zu gucken, ob das wirklich so schlimm ist. bei musik war es ähnlich.
Vincent_Vega, 12.11.2009
5.
Köstlich und erheiternd. Die Indizierung ist auch eine Lachnummer. Typisch Bürokraten, weitab der Realität, unwissend darüber, daß man damit das fördert, was man eigentlich verhindern wollte. Wozu überhaupt?
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