Verstehen Sie Haas? Merry crisis and a happy new fear!

Das Erste beglückt sein Festtagspublikum zu Weihnachten mit Märchenfilmen. Leider wurden die Stoffe nicht angemessen umgesetzt. Wie "Frau Holle" und "Der Froschkönig" in diesen Krisenzeiten wirklich aussehen müssten, erfahren Sie nur hier.

Von Daniel Haas


Das Erste präsentiert Märchenfilme zwischen den Jahren. Das ist vollkommen angemessen. Märchen sind blutrünstige Storys über Armut ("Aschenputtel"), Gewalt ("Das Mädchen ohne Hände") und die kapitalistische Gier nach Geld ("Sterntaler"). In Zeiten der Finanzkrise ist so eine Folklore die perfekte Lebensschule.



Eine Wiederauflage der mythologischen Bestseller wäre auch im Sinne der Gebrüder Grimm. Grimm ist übrigens ein super Schlagwort für das rezessionsbedrohte 2009. So gesehen wären auch Märchen wie "Das hässliche Entlein" und "Das Mädchen mit den Schwefelhölzchen" gegangen: Nächstes Jahr kommt bekanntlich alles Andersen als geplant.

Leider hat das Erste die Chance auf eine innovative Neufassung der Geschichten versemmelt. Statt eine volkspädagogische Aufgabe wahrzunehmen - die Abhärtung des Zuschauers im Hinblick auf die bevorstehende Wirtschaftskatastrophe -, wurden die klassischen Stoffe lediglich mit neuen Darstellern rekapituliert. Aber es hätte auch besser gehen können. Wie, das sei den Programmmachern hiermit ins Stammbuch geschrieben:

Mit Kröten zur Quelle

Der "Froschkönig" ist heutzutage nur noch als Doku-Soap denkbar, eine Mischung aus Dschungelcamp und Jobshow. Die Bewerber werden in einem Moor in der Nähe von Bielefeld ausgesetzt und ernähren sich eine Woche lang von Kriechtieren (Lurche, Kröten, Frösche). Der Sieger, zum Froschkönig gekürt, erhält einen Praktikumsplatz bei Quelle in Brackwede.

"Frau Holle" erscheint als Lebenshilfe- und Ratgebermusical. Katharina Saalfrank motiviert den faulen Nachwuchs von noch fauleren Fondsmanagern (arbeitslos) zur Praktikumssuche. "Wir schütteln auch nicht alles aus dem Ärmel!", lautet unmissverständlich die Message dieser Show, die ursprünglich als Late-Night-Erotik-Format geplant war.

Da sollte Jenny Elvers-Elbertzhagen in eine Prekariatsfamilie reinschneien und deren Sexleben aufpeppen. Wurde aber aus sittenrechtlichen Gründen verworfen.

"Tischlein deck dich" wird zum Kochduell unter Hartz-IV-Empfängern umgebaut. Zwei Familien aus Berlin-Marzahn oder einem anderen Horror-Prolo-Erlebnispark treten gegeneinander an und zaubern klassische Menüs aus Pappkartons, Reinigungsmitteln und Gammelfleisch. Der Sieger erhält eine kulinarische Gesprächskolumne in der Zeit ("Auf eine Yogurette mit ...").

Sagenhafter Stoff

Im "Tapferen Schneiderlein" besucht Bruce Darnell Großnähereien in Dritte-Welt- und Schwellenländern. Indien, Philippinen, Rumänien, Bulgarien: Deutschlands oberster TV-Stilberater berichtet von der vordersten Front der Billiglohnindustrie. "Drama, Baby", diesem Motto kann man dann in seiner ganzen Breite nachschmecken. Und auch Darnells Ausbildung zum Soldaten zahlt sich endlich aus: Der Moderator wird nämlich über den Fabriken abgeworfen.

Die Modernisierung klassischer Stoffe muss übrigens vor Märchen nicht halt machen: "Dinner for One" wird nicht mehr als nostalgisches Delirium einer reichen alten Schachtel präsentiert, sondern als Sparversion großbürgerlicher Silvestertraditionen. Statt über einen Tigerkopf stolpert James über einen ausgeweideten Investmentbanker. Der Festtagsgruß lautet: Merry crisis and a happy new fear!

Auch der "Kleine Lord" wird erneuert. Die Geschichte vom jungen Fauntleroy, der seinen Opa emotional weichkocht, hat das Zeug zur Adoptions-Show. Neureiche und/oder Gewinner der Finanzkrise schicken ihre Bälger zu verarmten Adligen (Welfen, Fürstenbergs, Baden). Wer als erster ein von ergattert, kriegt ein Gutshaus irgendwo im Osten.

Sparversion: ein Vorhänge-Schloss, designed by Sandy Meyer-Wölden.

Das alles klingt hart, rücksichtslos, zynisch. Aber nur so entfalten die alten Geschichten ihr zeitkritisches Potential. Deutsche Zustände, deutsche Folklore. Märchenhaft!


"Tischlein, deck dich!", 25. Dezember 14.05 Uhr
"König Drosselbart", 25. Dezember, 15.05 Uhr
"Frau Holle", 25. Dezember, 16.05 Uhr
"Das tapfere Schneiderlein", 26. Dezember, 14.35 Uhr



insgesamt 2 Beiträge
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Achill, 24.12.2008
1. selten so ein guter Bericht
Danke SPON! Endlich genoß ich nach diesen "nun sind wir alle mal nett zueinander wegen Weihnachten" - SuperGAU, ihren Artikel! Wenn ich solche Artikel lese, dann frage ich mich, wofür man eigentlich neue Literaten braucht, wenn das Leben die wahren Geschichten schreibt und diese, nach einer Zeit, zur Legende werden, um dann im Rückblick der Jahrhunderte Märchen geworden sind. Nehme ich Ihren Artikel als Beispiel, so müssten wir schon seit Jahrhunderten immer wieder mit Rezessionen u.a. Widrigkeiten zu kämpfen gehabt haben (was auch geschichtlich bewiesen ist). Vielleicht sollte das Kultusministerium umgeschriebene Märchen als Zusammenfassung im Deutsch, Erd-Sozial-Geschichtskundeunterricht als Lehrstoff anbieten, dann würde die PISA-Studie nicht manchmal so vernichtend ausfallend, da immerhin die Grundstruktur aus den Märchen vorhanden wären und der Schüler bzw. die Schülerin keine Aufwendungen, in Form des Denkensprozess und assoziieren, verschwenden würde, da ein Automatismus in Kraft gesetzt werden würde....
Willy Wortlos, 24.12.2008
2. Beim besten Willen, mir fehlen die...
Zitat von sysopDas Erste beglückt sein Festtagspublikum heute mit Märchenfilmen. Leider wurden die Stoffe nicht angemessen umgesetzt. Wie "Frau Holle" und "Der Froschkönig" in diesen Krisenzeiten wirklich aussehen müssten, erfahren Sie nur hier. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,598254,00.html
Selten so gelacht, hoffe nur, dass unsere Murkel nicht wieder als Kaiserin ohne Kleider auftritt, und das Publidumm nur einen kleinen Ausschnitt von ihr wahrnimmt. ;-)
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